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Das Schreien des jungen Werther(s)

Information
Rezension - Erschienen am 1.November 2015

Premiere im Jungen Theater

Dass Werther ein „tragischer Popstar seiner Zeit“ gewesen sei, lässt bereits die Webseite des Jungen Theaters verlauten. Und, ja, tragisch ist dann tatsächlich einiges an André Brückers quietschbunter Inszenierung, die am Donnerstag Premiere hatte.
Wenn Werther (Gerrit Neuhaus, im blauweißen Wolkenanzug mit gelbem Hemd) seine PA und eine verstimmte e-Gitarre auf einen schmalen, durch zwei sich gegenüberliegende Tribünen einsichtigen Streifen Kunstrasen schleppt, beschleichen den Zuschauer bereits wirre Vorahnungen. Wenig später trifft Werther dann auf Lotte (Linda Elsner), die des Weges läuft, unvermittelt fällt, und von Werther Alkohol zum Trost bekommt. Flirtende Hallo-Rufe, die Zuneigung auf den ersten Blick suggerieren sollen, folgen. Werther verliebt sich sofort, wird rasend – sie treffen sich wieder und wieder. Dann kommt Albert (Peter Christoph Scholz) nach Hause – Golfschläger, Smartphone etc. mit im Gepäck: Ein neureicher, angepasster Vertreter der Nichtkreativen. Merken Sie was? Ein paar genialische Einfälle und das Unheil nimmt seinen Lauf. Auf Englisch spricht man gern von sogenannten “stock characters“, wenn Figuren auf allgemein bekannte Stereotypen reduziert werden. Die gute Fee, der freundliche Hausmeister, oder aber – wie in diesem Fall – Werther, der gescheiterte Popstar, Albert, der golfende Juppie, und Lotte, die fesche Femme Fatale.

Es fragt sich, was genau die Motivation dafür war, Werther im himmelblauen Wolkenanzug durch die Geschichte tapsen zu lassen; warum Albert hier zum Schnöselkokser wird; weshalb das Stück halb als Komödie, halb als Tragödie gebracht wird; und warum sich ein possenhafter Regieeinfall an den nächsten reiht. Zugegeben: in sich sind diese Ideen oft schlüssig („Gib mir den Putter, damit ich einlochen kann“ - „viel Spaß bei deinem Lochspiel“), aber wo ist der Gesamtzusammenhang? Drei pubertierende Jungen auf einer der Publikumstribünen können sich an den Schlüsselstellen ihr Lachen nicht verkneifen. Allerdings nicht etwa, weil Goethes Text so merkwürdig klingt, sondern weil die Diskrepanzen zwischen Vorlage und Umsetzung kaum hätten größer sein können. Der verschmähte Rockstar, der sich vom Businessfutzi die Flinte zum Ehrentod ausleiht? Das Selfie und das gekonnt eingeflochtene Facebook-Like zur inneren Problematik einer verbotenen Liebe des 18. Jahrhunderts? Es fragt sich: Warum muss hier passend gemacht werden, was nicht passt? Insbesondere, weil Goethes Sprache in Astrid Kohlmeiers Bühnenfassung nahezu unverändert bleibt (...sieht man mal von der etwas verwunderlichen Hinzufügung des Genitiv-S' an den Stücktitel ab).

Die stimmigsten Momente des Abends sind eindeutig diejenigen, in denen sanfte Töne angeschlagen werden: Die, in denen Brückers Regie dem Text Goethes vertraut, ohne ihn durch Klamauk und Effekte zu verschleiern. Alle drei Darsteller zeigen hier äußerste Präzision und spielen auf höchstem Niveau. Dumm nur, dass Werther (Gerrit Neuhaus) als manisch-depressiver Trinker, der immer mehr dem Wahnsinn verfällt, in den ersten 70 Minuten meist schreiend seinen zarten Gefühlen Ausdruck verleihen muss. Die Facetten von Verzweiflung, Trauer, Wut und Missverständnis gehen so leider an vielen Stellen unter. Aber auch Lotte darf brüllen, oder zählend an den vorderen Reihen vorbeilaufen und Zuschauer ohrfeigen (sie ist eben eine femme fatale). Und, ja, dann wäre da noch die Alptraumszene: Werther wird von hüpfender-quiekender Lotte und brüllendem Albert, die mit Affenmasken um ihn herumtänzeln bös umschwirrt. Die Affenlaute durchschallen animalisch dröhnend die Trommelfelle der Zuschauer... und: Animalisch wird es auch, wenn Lotte und Albert später sogar noch wild kopulierend Werthers schmachtende, verzweifelte Abschiedsbriefe vorlesen – lautstark orgasmierend bei seiner Todesankündigung. Ja, die beiden werden richtig scharf, wenn sie den armen Werther quälen können.
Letztlich bleibt ein schales Gefühl zurück: Was hätte aus diesem Göttinger Werther werden können, wäre er nicht in einem Regen aus oft unpassendem Konfetti postmodernen Klamauks untergegangen? Schwer zu sagen: Zeit aus einem Glas Wein eine Bouteille werden zu lassen, denn dem Publikum schien's jedenfalls zu gefallen.