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Lehrstunde in Sachen demografischer Wandel

Information
Rezension - Erschienen am 15.Januar 2016

Nico Dietrich inszeniert 2030 - Odyssee im Leerraum im Jungen Theater

100.000. Diese Zahl ist der Aufhänger einer Lehrstunde in Demografie am Jungen Theater: 2030 – Odyssee im Leerraum. Denn im Jahr 2030 werden in Südniedersachsen 100.000 Menschen weniger leben, so prognostizieren es die für Bevölkerungsstatistik zuständigen Behörden. Welche alltäglichen Probleme dieser Rückgang mit sich bringt, soll nun den Besuchern dieses innovativen Theaterabends näher gebracht werden. Entstanden ist dieses Stück auf der Grundlage einer Recherche, die im Rahmen des Projektes Trafo – Modelle für Kultur im Wandel durchgeführt wurde und dessen erklärtes Ziel es ist, „Konzepte für eine Transformation bestehender Kultureinrichtungen“ in ländlichen Regionen zu entwickeln. Die während der Recherche gesammelten O-Töne, kommen nun auf der Bühne des Jungen Theaters als „Experten des Alltags“ zur Sprache.

Statt die Besucher einfach in den Saal strömen zu lassen, werden sie an diesem Abend im Foyer abgeholt und müssen nun die Odyssee in die Provinz, den Ort des demografischen Niedergangs, antreten. Dieser führt einmal um das Theater herum durch den Hintereingang in den Vorstellungsraum. Während dieses kleinen Spaziergangs wird das Bergmannslied Glück auf, der Steiger kommt angestimmt, worauf das Göttinger Publikum erst zaghaft, dann in romantischster Grubenromantik mit einsteigt.

Darauf folgt die große Zuwanderung in die beschaulichen Dörfer und Kleinstädte Südniedersachsens. Jeder Besucher darf seinen Platz, der einem Ort wie Seesen oder Adelebsen zugeordnet ist, frei wählen. Frei nach dem Motto: Auf in die Dörfer, dem bösen demografischen Wandel entgegenwirken!

Nun konnte die eigentliche Lehrstunde beginnen. Demografiedoktoren in weißen Kitteln mit dem Wappen Niedersachsens auf dem Rücken erklärtem dem Publikum all die Probleme, die auf die beschaulichen Ortschaften um Leine und Harz zukommen werden: Schulen, Kneipen und Läden werden geschlossen, Rollatoren bestimmen die Straßenszenerie, die von leer stehenden Häusern gesäumt ist; dargestellt anhand erzählender Eindrücke aus Jühnde, Osterode oder Seesen.

Das tragende Narrativ dieses Stückes ist der Rückgang der Bevölkerung. Jeder Theaterbesucher soll endlich die großen Probleme die auf uns in Südniedersachsen zukommen werden, wahrnehmen, zugleich aber begreifen, dass diese Probleme auch eine Chance für die Menschen in ländlichen Gebieten bieten. Somit ist das Stück ein manchmal gar zu theatralischer Appell an die Zivilgesellschaft, die demografischen Entwicklungen als Chancen zu sehen und deren innovativ kreatives Potential zu erkennen. In diesem Zusammenhang darf natürlich das Thema der Flüchtlinge nicht ausgespart bleiben, denn, wie es politisch höchst korrekt heißt: Auch die Flüchtlinge müssen unbedingt als Chance für den ländlichen Raum begriffen werden!

Obwohl das deutsche Drama des demografischen Wandels schon seit Jahren in der Öffentlichkeit diskutiert wird, gelingt es Nico Dietrich mit seiner Inszenierung, die Region Südniedersachsen in den Blick zu nehmen, in der gerade die Kultureinrichtungen, vom Kino bis zur Diskothek aussterben, sodass kulturelle Bildung kaum noch stattfinden kann (Göttingen ausgeklammert). Neben auch schon so oft bei Jauch oder Schirrmacher diskutierten Gefahren und Chancen, schafft es dieses Stück, den Finger in die Wunde zu legen: Die kulturelle Verkümmerung der Kleinstädte und Ortschaften. Dass sich die Perspektive des Stücks auf die unmittelbar betroffenen Bewohner dieser Regionen (die Experten des Alltags) und deren beeindruckendes Potential ihr eigenes Schicksal zu gestalten, richtet, hebt es vom bisherigen Jargon der Demografie ab.

Gerade für das oft bürgerlich akademische Göttingen war diese kurzweilige und oft amüsante Lehrstunde in Sachen Demografie über sein näheres regionales Umfeld wichtig.