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Deutsches Theater
Der Ring des Nibelungen

Berauschender Premierenabend im Deutschen Theater

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Ein zerstörerischer Mythos
Rezension von Tina Fibiger - Erschienen am 3.Februar 2022

Tina Fibiger lässt uns eintauchen in ein bewegendes, berauschendes wie auch sprachgewaltiges Premierenerlebnis von Wagner - Der Ring des Nibelungen(a piece like fresh chopped eschenwood) recomposed by thomas köck im Deutschen Theater.

Auf dem eisernen Vorhang spiegelt sich das stumme Spiel des Drachentöters, wie es Fritz Lang 1927 mit seinen Filmbildern in Szene setzte. Jung Siegfried macht seine Sache gut, als sagenhafter Held mit seinem sagenhaften Schwert und natürlich ganz dem Mythos verpflichtet, wenn auch mit leicht verkniffenen Mundwinkeln. Tradierte Bilder wirken nach, wenn sie sich ungefragt in die Rezeption von Geschichte und Geschichtsbewusstsein einmischen. Und wenn auf der Bühne des Deutschen Theaters der eiserne Vorgang so langsam wie nur irgend möglich hochgeht, durchdringen die stummen Bilder zunächst noch einmal das Szenario, in dem Thomas Köck an Richard Wagners Opermonument Der Ring des Nibelungen, diesen urdeutschen Mythos, mit der Ansage seziert (a piece likefresh chopped eschenwood) recomposed by thomas köck.

Es hat den Anschein, als ob diese Gestalt im Rollstuhl nur noch die Filmfantasie mit dem jungen Weltenbestürmer teilt. Aber auch davon soll sie unter psychiatrischer Aufsicht befreit werden. Wenn sich das Gedächtnis mit sämtlichen Erinnerungen und Altlasten erfolgreich entsorgen lässt, dann vielleicht auch diese Nibelungengesellschaft. Für den Dramatiker ist sie in den zeitgenössischen Köpfen noch hoch virulent, auch für DT-Intendant Erich Sidler, der Köcks dramatische Versuchsanordnung mit seiner Inszenierung auch als Narrativ auf den Kapitalismus versteht. Zur Diskussion und zur Disposition steht das Nibelungenlied mitsamt den Wagnerschen Lesarten über machtgierige Germanengötter und ihr ebenso machtgieriges Fußvolk in sprachgewaltigen Bildern, Kommentaren und akuten Lesarten, die aufstören, verwirren und berauschen wollen und das möglichst zugleich.

Der mythologische Kontext um Götterwahn und Walküren, diebische Zwerge, weise Erdenmütter, gierige Riesen, eifersüchtige Erben und entmündigte Frauen erschließt sich auf der Bühne nicht unmittelbar. Aber das ist zum Verständnis von Köcks Sprechoper nicht entscheidend. Er setzt das mythologische Personal in Wagners Opernzyklus Das Rheingold, Die Walküre, Siegfried und Götterdämmerung der Selbstreflexion über ihre Rollen und ihre Funktion einer kapitalgierigen Gesellschaft aus. Den Anfang macht Volker Muthmann in der Rolle des ersten Schatzräubers Alberich mit der Anamnese seiner Figur, in der Richard Wagner seinen Antisemitismus nicht nur subkutan abgelagert hatte. Es sollte schließlich nicht allzu lange dauern, bis dieser so genannte zwergenhafte Parasit, der sich über das Germanengold hergemacht hatte, für das nationalsozialistische Feindbild instrumentalisiert wurde und jetzt die rechten Netzwerke bei Laune hält, die dazu nicht mal mehr eine der weiterhin gefeierten Wagneropern benötigen. Köck hat eine lange To-do-Liste, die er an der Ringgesellschaft abarbeitet, um mit ihr eine Sammlung von Szenen aus dem Libretto in der Reflexion auch assoziativ zu schreddern. Das können tagesaktuelle Nachrichten über rassistische Übergriffe, Kindesmissbrauch und Lohndumping in der Pflege sein, aber auch Befunde zum globalen Wachstumsdogma, den patriarchalen Machtverhältnissen und dem ökologischen Exitus.

An der Spitze will sich das göttliche Oberhaupt Wotan (Gabriel von Berlepsch) als globaler Konzernchef behaupten, auch wenn eine weitsichtige Göttin Erda (Angelika Fornell) seine Zeit und sein System immer wieder für abgelaufen erklärt. Hagen (Roman Majewski) spekuliert als Chefstratege noch auf Nachfolge-Gewinnchancen. Konsensunfähige Töchter wie Brünnhilde (Rebekka Klingenberg)bekommen die Zwangsjacke zu spüren und für den vererbten Inzest findet sich bei Sieglinde und Siegmund (Gaby Dey und Paul Wenning) auch die passende mörderische Lösung. Die drei Rheintöchter (Anna Paula Muth, Andrea Strube, Jenny Weichert) müssen zunächst zum Schutz des Rheingoldes vor allem posieren. Als Walküren und als Nornen sind sie die störrischen Chronistinnen der Ereignisse, wenn um magische Goldringe und Goldbarrenreserven gefeilscht und gemordet wird. Das kapitale Spiel um Gewinn und Ertrag geht auch für die brüderlichen Baumeister der illustren Konzernanstalt nicht gut aus. Fasolt (Feridun C. Öztoprak) zieht gegen Fafner (Florian Eppinger) den tödlichen Kürzeren. Lukrativ zu punkten vermag auch Siegfrieds brutaler Ziehvater Mime (Marco Matthes) nicht. Die Figur des Siegfried hat Erich Sidler doppelt besetzt. Paul Wenning spielt den gealterten Träumer, der sich an die jugendlichen Irrungen und Wirrungen klammert, die er nicht durchschaut. Als junger, missbrauchter Berserker im Dienste des Systems wütet Paul Trempnau um alles oder nichts, bis das System aus Gier und Größenwahn in Flammen steht.

Immer wieder verschieben sich im Bühnenbild von Jörg Kiefel die grauen Wände für diese gedankliche und emotionale Tour der Force durch die Welt der mythologischen Altlasten mit ihren akuten Neben- und Nachwirkungen. Es sind abstrakte Räume, die auf der Drehbühne zu Enklaven der Macht werden oder zu Orten, an denen sich die Gegenstimmen zu ihren ebenso dramatisch aufgeladenen Widersprüchen bekennen. Bestärkende Wirkung haben die wenigen plakativen Zeichen, wenn sich erneut Machtbündnisse formieren und deren Motive weitere Alarmsignale auslösen. Solide hinter Gittern stapeln sich die Goldbarren, wenn die Rheintöchter ihre Kampfansage um weibliche Selbstbestimmtheit mit einem Blick auf die Hexenverfolgung verbinden. Für eine kapitale Jagdgesellschaft um weitere Aktienpakete und Bilanzgewinne genügt ein Hirschgeweih, dessen Hörner wie Tentakeln ihre Schatten werfen. Dann kann Wotan seinen strategischen Absturz auf dem Ergometer wenigstens sportlich ausschwitzen, während die göttliche Erda die Zeichen der Zeit vor einer Spiegelwand reflektiert, in der sich auch das Publikum spiegelt, das in Köcks dramatische Befunde involviert ist.

Das kann sich von diesem sprachgewaltigen Abend nicht nur gedanklich berauschen lassen, sondern auch von einem Schauspiel-Team, das seine Figuren mit so viel Mut zur Leidenschaft auch in ihren emotionalen Kräften bestärkt, sich all ihren Facetten zu stellen. Sei es in der politischen Expertise über den zerstörerischen kapitalistischen Wahn und seine mythologischen Altlasten oder wie sie verweigert wird und auch im kämpferischen Gegenentwurf ihren Ausdruck findet. Selbst wenn sich Rebecca Klingenbergs Brünnhilde scheinbar nur dem romantischen Liebesideal mit der weiblichen Opferbereitschaft für den kämpferischen Helden verweigert, ruft sie damit auch eine nicht enden wollende Geschichte der Verletzungen und der Demütigungen ab, die so schmerzhaft berührt wie eine offene Wunde, die nicht heilen kann.

Erich Sidler ringt mit seinem Ensemble um jeden Gedankensplitter in der Quo vadis Frage, die Thomas Köcks Textflut durchdringt. Trotzdem dürfen diese Gedankensplitter, Assoziationen und Anspielungen auf Wagners Pandämonium sich immer wieder verhaken und auch in ihrer Vieldeutigkeit verwirren und verunsichern. Seine Inszenierung vertraut auf die Dissonanzen in dieser vielstimmigen Partitur, auf dass sie das Publikum ebenfalls herausfordern, sich dieser Quo vadis-Frage aus möglichst vielen Perspektiven zu stellen, die Worte so unmittelbar auf sich wirken zu lassen wie die Gedankenbilder. Die Wirkung hält an, nicht nur über dreieinhalb bewegende Stunden, sondern über diesen großartigen Theaterabend hinaus, der mit enthusiastischem Beifall gefeiert wird.

 wagner - der ring des nibelungen von Thomas Köck in der Regie von Erich Sidler hatte am 28. Januar 2022 Premiere im Deutschen Theater Göttingen. Weitere Vorstellungen stehen am 4., 7. und 18. Februar sowie am 3. März auf dem Spielplan.