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Deutsches Theater

Widersprüchliches und vielstimmiges Gedächtnisprotokoll

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Premiere für »Nichts. Was im Leben wichtig ist«
Rezension von Tina Fibiger - Erschienen am 15.März 2022

Einen Wettbewerb um Schmertgrenzen hat Ruth Messing mit Nichts. Was im Leben wichtig ist auf die Bühne des Deutschen Theaters gebracht. Tina Fibiger hat die Premiere besucht.

Dennis soll seine Comic-Sammlung hergeben, Agnes ihre grünen Sandalen und Gerda ihren Goldhamster. In der Klasse 7a haben alle ihre wunden Punkte, weil sie an Dingen hängen, die für sie von Bedeutung sind. Aber es sind eben nicht nur Teleskope, ein Gebetsteppich oder eine Geburtsurkunde, die sich die Jugendlichen gegenseitig abtrotzen. Bald hat es den Anschein, als ob auf der Bühne des Deutschen Theaters ein Wettbewerb um Schmerzgrenzen einsetzt, nachdem ein Mitschüler den Sinn des Lebens in Frage gestellt hat. In der dramatisierten Fassung des Romans von Janne Teller Nichts. Was im Leben wichtig ist, wird sie vor allem mit körperlichen und seelischen Demütigungen kommentiert. Deren zerstörerische Wirkung prägt auch die Inszenierung von Ruth Messing, die das Stück als dramatische Rückblende in Szene setze.

Auf der Bühne schwebt ein Koloss, der zum „Berg aus Bedeutung“ erklärt wird. Am ersten Schultag nach den Ferien hatte Piere Anthon behauptet, es wäre völlig sinnlos, sich durch Schule und Ausbildung, Job, Karriere und Familienplanung zu kämpfen und alle möglichen Sicherheiten zu schultern. Schließlich ende das Leben mit dem Tod und Zeit bis dahin könnte genauso gut einen entspannten Verlauf nehmen. Berichtet wird, dass er sich in einem Pflaumenbaum eingenistet habe, gern mit Früchten um sich werfe und mit weiteren provokanten Argumenten. Schon bald überschlagen sich die Fragen, was mit diesem „Nichts“ gemeint ist und was wäre, wenn sich das Gegenteil beweisen ließe, was alles im Leben wichtig sein kann: Wie zum Beispiel die Geburtsurkunde, auf die ihre Besitzerin nicht verzichten will, oder der Glaube, der mit dem Diebstahl einer Jesusfigur für den Berg aus Bedeutung demonstriert wird. 

Mit Gaby Dey, Anne Hoffmann, Marina Lara Poltmann und Nathalie Thiede sowie Alma Nossek vom DT-Spielclub widmen sich fünf Schauspielerinnen unterschiedlichen Alters den Kämpfen der Jugendlichen, die sich immer schmerzhaftere Opfer zumuten. Da die Ich-Erzählerin Agnes die Ereignisse nach acht Jahren Revue passieren lässt, hat Regisseurin Ruth Messing aus der Bühnenfassung des Romans ein ebenso widersprüchliches wie vielstimmiges Gedächtnisprotokoll geformt. So wie Agnes die Reaktionen in der Klasse erinnert, mögen sie gewesen sein. Vielleicht aber auch ganz anders, wie sie jetzt mit den Szenen erkundet werden. Eifersucht spielte damals vermutlich ebenso eine Rolle wie das soziale Ranking in der Klasse. Ebenso die Lust, einander zu demütigen, die in der Wut über den erlittenen Verlust noch bösartiger ausfällt. Dabei findet auch ein Machtpoker statt, bei dem es zu wechselnden Parteilichkeiten in der Klasse kommt, angefeuert durch die Kommentare von Pierre Anthon. Wer auch immer gerade Blick vom  Gipfel auf diesem „Berg aus Bedeutung “-Koloss genießt, sieht sich später gedemütigt und verletzt und ausgegrenzt.

Natürlich muss das nächste Bedeutungsopfer noch spektakulärer ausfallen, als das das zuvor. Auch diese subtile Rechnung in den jugendlichen Gemütern wird mit einem selbstbewussten Lächeln demonstriert, wenn nach der öffentlichen Empörung der Medienhype einsetzt und die schaurig schönen Geschichten über einen zertrümmerten Zeigefinger so spektakulär kursieren oder die über den Kindersarg der auf dem Friedhof für den „Berg aus Bedeutung“ ausgegraben wurde. Sogar lukrativ verschachern lässt sich das symbolhaltige Aufgebot an Objekten, das an diesem Theaterabend vor allem eines symbolisiert: Es ist die Abwesenheit von Mitgefühl und Verständnis, Toleranz und Anteilnahme im Miteinander, um dem vermeintlichen „Nichts“ etwas von Bedeutung entgegenzusetzen, die diese Sinnsucher scheitern lässt, während sie ihr Publikum nachhaltig verstören.

Nichts. Was im Leben wichtig ist hatte am 11. März 2022 im dt.1 Premiere. 
hören Sie die Regisseurin Ruth Messing im Gespräch im Theaterpodcast Szenenwechsel.