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Kunstverein Göttingen
Ellen Martine Heuser »Not a civilization, but you,«

Kunst mit allen Sinnen

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Ausstellung bis zum 12. Juni im Alten Rathaus
Rezension von Jens Wortmann - Erschienen am 30.April 2022

Mit ihrer Ausstellung Not a civilization, but you, im Alten Rathaus analysiert die dänische Künstlerin Ellen Martine Heuser die Grundlagen der Zivilisation. In den sieben Ausstellungsräumen sind Monumente unterschiedlichester Art zu sehen – und zu hören. Zur Vernissage erreichten die Klänge der großen Orgel von St. Johannis die Ausstellungshalle.

Im ersten Raum der Ausstellung Not a civilization, but you, steht halb auf einem Ziegelstein etwas angeschrägt ein Mörtelkasten, gefüllt mit einer milchigen Flüssigkeit. Ist das Kunst? – oder kann das weg? Vielleicht ist die Ausstellung von Ellen Martine Heuser noch gar nicht fertig aufgebaut? Solche Gedanken sind leicht möglich, wenn man sich den Installationen der in Berlin lebenden dänischen Künstlerin nähert. Not a civilization, but you, ist ihre erste institutionelle Einzelausstellung, mit der der Kunstverein Göttingen die junge Künstlerin fördert.

Nach und nach erschließt sich auch der Hintergrund der Installationen: Heuser nimmt in der Ausstellung im Alten Rathaus unsere zivilisatorische Vergangenheit in den Blick. Der Mörtelkasten und auch die Fahne im ersten Raum gehört dabei zur ersten Ausstellungsgruppe Dorf. Nicht zufällig ist diese im östlichen Teil, also dem Marktplatz zugewandten Seite der Ausstellungsfläche untergebracht. Und ebenso wenig ist es zufällig, dass die Fenster nicht abgedunkelt sind. So wird die Umgebung des Alten Rathauses mit in die Ausstellung eingebunden. Und auch die Besucher:innen sind als Teil der Zivilisation ein Thema. Die einzelnen Stücke in dem Dorf wie ein Brunnen, ein Trog oder ein Haus stellen die Grundlage für das Zusammenleben einer Gesellschaft dar und stellen damit eine Verbindung zur unmittelbaren Umgebung der Ausstellung dar. Bestandteil des Dorfes ist auch eine Glocke, die die Künstlerin selbst gegossen hat. Mit dieser Glocke wird auch eine weitere Ebene deutlich, die Ellen Martine Heuser wichtig ist: Audio-Bestandteile oder auch, wie sie es selbst nennt, „Audio-Monumente“ sind ein grundlegender Bestandteil ihrer künstlerischen Arbeit. In vielen Räumen stehen Lautsprecherboxen, die Klänge sind eigene Ausstellungsstücke. 

Die 1990 in Kopenhagen geborene Künstlerin verwendet für ihre Arbeiten nur wenige Materialien. Das wird auch bei dem nur aus Kupfer und Messing bestehenden Kenotaph deutlich. Dieses Monument ist der Mittelpunkt der oberen Rathaushalle, über vier Meter hoch steht das nur mit Schrauben verbundene Gestänge. Während ein Kenotaph eigentlich ein dauerhaftes Monument zum Gedenken an Verstorbene ist, strahlt dieses Werk durch seine Bauweise eine gewisse Vergänglichkeit aus. Und auch eine Leichtigkeit, sogar eine gewisse Fröhlichkeit. „Diese Sichtweise ist erlaubt“, schmunzelt Heuser. 

Ganz unterschiedliche Monumente sind in den weiteren Räumen zu sehen. Mausoleum nennt Heuser die Installation aus großen Aluminiumplatten, die an Lärchenstämmen befestigt zu einem Rondell aufgestellt sind. Die Platten selbst geben keine Geräusche ab, es erklingen aber anhaltende Töne, „virtuelle Glockentöne“ beschreibt Ellen Martine Heuser den Klang. Mausoleen werden häufig auch als Andachtsort genutzt. Damit ist die Verbindung zur St. Johanniskirche hergestellt. Die wird zur Eröffnung der Ausstellung in besonderer Weise in die Ausstellung integriert: die Fenster an der Rückseite des Alten Rathauses werden geöffnet, die Türen an der Ostseite der Kirche ebenfalls. In einer Orgelimprovisation auf der großen Orgel der Kirche entstehen Klänge, die in die Ausstellung im Rathaus wehen. „Intervention“ nennt die Künstlerin diesen akustischen Bestandteil der Ausstellung. Für den Organisten Bernd Eberhardt durchaus eine Herausforderung. Er spielte ungefähr 7 Minuten lang mit „vollem Tutti“, damit die Klänge die Ausstellungshalle erreichen. Ein spannendes und gelungenes Erlebnis.

Kunst mit allen Sinnen – für Ellen Martine Heuser zählt auch die Arbeit mit den eigenen Händen dazu. Besonders deutlich wird das im letzten Raum: kreisrunde Plättchen aus Lehm geformt sind zu einer Art Grundriss oder Stadtplan geordnet. Nekropolis nennt Heuser diese Installation, die an eine Ausgrabungsstätte erinnert. Integriert sind verschiedene Kupfertafeln, fast eine Art Gedenk- oder Gebetstafeln. Sie bilden die Notes on Sculpture und erklingen auch als Voice Memo in dem Raum. „Sculpture is omni“, „Sculpture is eroticism“ und eben auch „Sculpture is not a civilization, but you,”.

Die Ausstellung des Kunstvereins Göttingen Not a civilization, but you, von der Künstlerin Ellen Martine Heuser ist bis zum 12. Juni 2022 in der Ausstellungshalle des Alten Rathauses in Göttingen zu sehen. Die Öffnungszeiten sind Dienstag bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr.

Am 29. Mai und 12. Juni gibt es jeweils um 15 Uhr eine Sonntagsführung. 

Am 9. Juni findet um 18 Uhr eine Sound-Performance sowie ein Künstler:innengespräch statt.

 

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