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Händel-Festspiele

Die Schönheit in der Emphase

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Lesung, Wein & Musik mit einem dramatischen Händel-Portrait
Rezension von Tina Fibiger - Erschienen am 19.Mai 2022

In Händels Londoner Domizil bebte mal wieder die Decke. „VollsaftigeWut“ gönnte ihm Stefan Zweig in seiner „historischen Miniatur“ aus dem Band Sternstunden der Menschheit. Jetzt lässt ihn Schauspielerin Jenny Weichert durch Bremers Weinkellerei am Wall poltern. Es wird nicht der letzte Aufruhr Händels bei der Lesung mit Wein & Musik sein, die zu den schönsten Traditionen in der Festspielzeit gehört.

Mit moderaten Tönen hatte der Wiener Schriftsteller mit Blick auf bewegende Kapitel im Leben des Komponisten offenbar nichts im Sinn. Es sollte eine wortgewaltige Sternstunde werden, die das große Pathos nicht scheut, das auch die DT-Schauspielerin bei der musikalisch-literarische Begegnung an der Seite des holländischen Blockflötisten Erik Bosgraaf immer wieder zum Klingen bringt. Das Publikum erlebte eine dramatische Sternstunde mit Stefan Zweigs literarischem

Oratorium für Georg Friedrich Händel.

Eine besondere Dramaturgie prägte diesen sonnigen Spätnachmittag bei Händelwein oder einem Grand Cuvée mit Georg Christoph Lichtenberg als Namensgeber. Es war nicht die Musik, die den Ton angab, sondern die Chronik eines Überlebenskämpfers, der mit der Londoner Kulturszene hadert, den Impresarios und den Diven und mit seinen gierigen Gläubigern, bis ihn ein Schlaganfall brutal zu Fall bringt. Das Pathos der Worte ist von Schmerz und Verzweiflung durchdrungen, gerade weil Jenny Weichert ihre Stimme nicht mit Emotionen gewichtet, sondern fast schon sachlich rezitiert. Um so mehr berühren die mächtigen Sprachbilder von Stefan Zweig und sein Blick hinein in die Seelenlandschaft Händels, der mit der Komposition des Oratoriums Messiah wieder zu Gottvertrauen fand.

Erik Bosgraaf bringt mit seiner Sopranino-Blockflöte und dem Allegro aus Händels B-Dur Sonate zunächst ein bisschen Leichtigkeit ins Spiel, bevor ein aufgebrachter Maestro mal wieder zum Poltergeist wird. Die Flöte möchte lieber tanzen, um sich in den schönsten Verzierungen und Trillern zu sonnen. Ein dunkler melodischer Strom rahmt das Kapitel mit dem medizinischen Urteil „den Musikus haben wir verloren“, wenn sich Bosgraaf mit seiner Bassblockflöte in Georg Philip Telemanns Fantasia No. 1 in einen elegischen Klangraum vertieft. Ein kleines Ständchen widmet er auch dem barocken Poltergeist, bevor ihn Stefan Zweig aus dem Hades zurückkehren lässt. Was wäre dafür besser geeignet als die Arie, die Händel des Riesen Polifemo in Acis und Galateawidmete. Auch Händels Allemande hat den Charakter eines musikalischen Intermezzos, das die Sternstundenmomente von Stefan Zweig mit kleinen, aber feinen Akzenten umspielt. 

Schon bald bekommt der pathetische Text eine leidenschaftliche Farbe, als wolle der Autor jede Note laut besingen, die sich der Komponist in langen schlaflosen Schreibrauschnächten für seinen Messiah, sein Überleben und die Freude über eine unerschöpfliche musikalische Schaffenskraft erkämpft hatte. Es ist ein bewegendes Schauspiel, das Jenny Weichert jetzt am Lesepult in Szene setzt. Man könnte meinen, der berühmte Hallelujah-Chor strahlt auf den Seiten in die hymnischen Wortmelodien hinein und das auch ganz im Sinne Zweigs und seinem literarischen Dankgebet „Das Wort war Ton“ geworden. 

Auch danach bebt die Decke immer mal wieder in dieser literarischen Sternstunde in den Momentaufnahmen von einem glücklichen Maestro, der für seinen Messiah in Dublin euphorisch gefeiert wurde, um dann auch in London die Tradition der jährlichen Benefizkonzerte mit seinem Oratorium zu begründen. Motive aus Johann Sebastian Bachs a-Moll Partita erklingen wie eine Hymne in andächtigem Gottvertrauen. Stefan Zweigs pathetische Schlussworte über die letzten Stunden

des schwerkranken und erblindeten Hallelujah-Komponisten und die Unsterblichkeit seiner Musik wollen erschüttern. Doch auch darin leuchtet die Schönheit der Emphase, die Jenny Weichert in dieser literarischen Sternstunde mit Wein und Musik so wunderbar berührend zum Klingen bringt.