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Deutsches Theater
Premiere von »Am Boden« im dt.2

Eine Frau blickt auf ihre mentale Zerstörung

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Die Bühne wird zur Kampfzone
Rezension von Tina Fibiger - Erschienen am 8.Juni 2022

Schon die Haltung erzählt viel über diese junge Kampfpilotin. Selbstbewusst und fast schon herausfordernd lässt Jenny Weichert auf der DT-2 Bühne die Ereignisse Revue passieren. Die Urlaubsaffäre, die ungewollte Schwangerschaft und dann die Phase ohne Bombenkommandos und ohne das vertraute Freiheitsgefühl in der Luft. Das war alles so nicht geplant und so wenig voraussehbar wie die neue Kriegsführung, bei der ihr das Kommando über eine Drohne übertragen wird. »Am Boden« hat der amerikanische Dramatiker George Brant seinen Monolog über eine Kampfpilotin genannt, den Johanna Schwung am Deutschen Theater inszenierte. „Wenn es Bumm macht, bin ich längst weg!“ behauptet die Gestalt in ihrem seidig glänzenden Overall, die sich jetzt einer Kampfzone stellen muss, in der es noch ganz anders „Bumm“ macht.

Vor dem Fallschirm, den Bühnenbildner Johannes Frei weit über die Bühnenfläche gespannt hat, hält der herausfordernde Blick noch eine ganze Zeit an. Auch mit einem lakonischen Tonfall hat Jenny Weichert ihre Kampfpilotin gewappnet, die jetzt über Schmalz und Kitsch spottet, wenn es um ihren Liebhaber Eric geht oder um die mütterlichen Gefühle, die sie plötzlich empfindet. Den Monolog eröffnet schließlich eine Frau, die sich in einer Männerbastion bewährt hat, mit allen Kraftprotzattitüden vertraut ist und auch kein Problem damit hat, dass die auf sie abfärben. Das Klischee, der verschworenen Gemeinschaft, die sich abends an der Bar für Abschüsse und Trefferquoten feiert, gönnt ihr der Autor ebenfalls und dass dazu auch markante Sprüche gehören, die in jeder Genderdebatte absolut tabu wären.

Ein bisschen bröckelt der lakonische Panzer, wenn die Kampfpilotin im alltäglichen Familienalltagsfrust strandet. Ihre Tochter spielt lieber mit Puppen und die Wohnsiedlung versperrt sich jeder Aussicht auf diesen ewig blauen Horizont, den sie unbedingt wieder haben will. Doch endgültig am Boden landet George Brants scheinbar unbeugsame Heldin erst in der Wüste von Nevada. Ihre F-16 wurde ausgemustert, ihr Cockpit bekommt Containerformat. Dort sitzt sie jetzt täglich 12 Stunden am Bildschirm, bis das Kameraauge ihrer Drohne verdächtige Bewegungen an einem dieser entlegenen Kriegsschauplätze signalisiert, die zum Abschuss freigegeben werden.

Der vertraute Adrenalinflash hat keine euphorisierende Wirkung mehr, wenn am Bildschirm eben noch intakte Gesichter blutig zerplatzen. Auch Körperteile und Knochensplitter fluten den Bildschirm, um als graue Masse mit dem grauen Hintergrund zu verschmelzen. Die monotonen Kameraflüge über menschenleere Gebiete und triste Wüstenlandschaften beschleunigen den mentalen Absturz der Frau am Joystick. Es könnte auch ihr Wagen sein, in dem der verdächtige Terroristenführer unterwegs ist und ein kleines Mädchen umarmt, in dem sie das Gedicht ihrer Tochter zu erkennen glaubt.

Dass es im militärischen Kriegsgeschäft zu Kollateralschäden kommt und zu posttraumatischen Belastungsstörungen kommt, muss weder der Autor demonstrieren noch die Inszenierung von Johanna Schwung. Umso beklemmender sind die Bedingungen, unter denen sie sich zuspitzen, wenn emotionale Ausnahmezustände ebenso weg geblendet werden wie moralische Fragen. Diese Elitepilotin weiß, was sie tut, und vertraut auf das antrainierte Feindbild. Die junge Mutter, die mit ihrem Mann abends vor dem Bildschirm versauert, will vor allem wieder den endlos blauen Horizont ansteuern und sich dabei frei und unabhängig fühlen, sobald es wieder „Bumm“ gemacht hat. Auch die Frau, die ihre hermetische Bildschirmwelt im Ton eines sachlichen Tagebuch-Protokolls Revue passieren lässt, stellt nicht das System in Frage, wenn sie sich aus einer befremdenden Realität zurückzieht, die sie nicht mehr bewältigen kann

Als funktionierende Kampfmaschine, die auf Kommando Leichen, Schutt und Asche produzieren kann, ist die Ex-Elitepilotin unbrauchbar geworden. Auch dieses Stadium schildert Jenny Weichert wie einen sachlichen Vorgang. Eine Frau blickt auf ihre mentale Zerstörung und hat immer noch keine eigenen Worte dafür. Der verbale Schutzpanzer, den ihr George Brant gegeben hat, hält fast bis zum Schluss, sogar mit dem Riss, den sie schon einmal bei sich vernommen hat. „Etwas bewegt sich. Etwas gibt nach“. Darauf reagiert jetzt auch der Joystick, damit der blaue Horizont wieder angesteuert werden kann.

 »Am Boden« von George Brant hatte am 3. Juni 2022 Premiere im Deutschen Theater Göttingen. Die Inszenierung von Johanna Schwung steht noch am 8. und 15. Juni auf dem Spielplan dieser Spielzeit.