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Bad Gandersheim

Auch Pflanzen können ganz schön gierig sein

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»Der kleine Horrorladen« auf der Dombühne
Rezension von Tina Fibiger - Erschienen am 6.Juli 2022

Ein bisschen mehr Grün könnte dieses trostlos Viertel schon vertragen. In der schwarz-weißen Bühnenkulisse überwiegen die Grautöne, die nicht nur an der Collage mit den heruntergekommenen Gebäuden haften, sondern auch die Atmosphäre durchdringen. In Mr. Mushniks Blumenladen lassen sogar die Blüten ihre Köpfe hängen, weil sie von der Kundschaft verschmäht werden. Die stöbert lieber nach Essensresten in der Mülltonne und stolpert betrunken durch eine triste Gegend, in der schon die Teenies nur noch frustriert abhängen. Mit ein bisschen mehr Grün kommt dann endlich Leben in die „Skid Row“ Ihre Bewohner müssen sich allerdings auf einiges gefasst machen, wenn aus einem unscheinbaren Blumenladen „Der kleine Horrorladen“ wird und eine außerirdische Pflanze zum Musicalstar avanciert.

Es poltert und scheppert nicht nur hinter der Ladentheke und der Blumendekor-Fassade, wo Guido Kleineidam seinen Mr. Mushnik müde grummeln lässt. Ständig geht bei seinem jungen Angestellten Seymour (Lukas Witzel) irgendwas zu Bruch und Verkäuferin Audrey (Lina Gerlitz) ist wieder mal zu spät dran, weil ihr sadistischer Verlobter ihr erneut ein blaues Auge verpasst hat. Außerdem ist der Laden endgültig pleite. 

Ausgerechnet dieser verschüchterte Seymour, der jetzt am liebsten Audrey sein ängstliches Herz zu Füßen legen würde, hat jetzt die rettende Idee. Die geheimnisvolle Pflanze, die er in einer magischen Vollmondnacht auf dem Markt entdeckt hat, soll einen attraktiven Platz im Schaufenster bekommen und die Kundschaft verführen. „Audrey Zwo“ entfaltet dann auch unmittelbar ihre magische Wirkung und wird ein echter Hype, wie sie neben Kunden und neugierigen Passanten auch die Medien lockt und mit ihrem Entdecker Schlagzeilen macht. Leider ist das illustre Pflänzchen auch sehr blutrünstig und lässt sich schon bald nicht mehr mit ein paar Tropfen von Seymour abspeisen, damit es wächst, blüht gedeiht. Weitere lukrative Geschäfte verspricht jetzt Lemuel Pitts, gehüllt in fließende Stoffbahnen mit Pflanzengrün Blütendekor, und dass eben alles, was Glück, Erfolg und heimliche Sehnsüchte angeht, seinen blutigen Preis hat. Der erste mögliche Nährstofflieferant steht auch schon fest. Mit Orin (Fehmi Göglu), dem sadistischen Verlobten Audreys, der seine finsteren Fantasien auch in seiner Zahnarztpraxis gern mit Lachgas stimuliert, lässt sich „Audrey Zwo“ gern füttern. Nachschub findet sich allemal, so lange Seymour und mit ihm Audrey und auch ein mittlerweile großspurig grummelnder Ladenbesitzer an Liebes-, Glücks- und Erfolgshoffnungen klammern und dass jetzt alles besser wird, was auch die Songs beschwören.

Frech und lakonisch kommentieren und Marion Wulf Maja Dickmann und Pauline Dickmann die Fluchtträume und Visionen einer Teenager Generat0ion, die allen Erfolgsversprechen mehrstimmig misstraut. Hymnische Wirkung hat wiederum der musikalische Traum, den Lina Gerlitz und Lukas Witzel mit Vorstadtidylle und Häuschen im Grünen besingen, während Fehmi Göklü nicht nur mit Rock'n Roll Power in Lederjacke und in stolzer Pose Stimmung macht. Wenige Tage vor der Premiere war der beliebte Stammgast vergangener Festspielsommer die erkrankte Miram Schwarz eingesprungen, um nicht nur den musikalischen kleinen Horrorladen mit noch mehr Witz und Ironie zu beleben. Sei es als launiger Radiomoderator, als Eventmanager oder als Mäzenatin für eine lukrative Vermarkung von „Audrey Zwo“, deren Stunde längst gekommen ist.

Der Plot um diese fleischfressende Pflanze, die sich mit ihren Ablegern ganz entspannt über eine maßlos gierige und erfolgshungrige Menschheit hermacht, entfaltet sich wunderbar skurril an und höchst unterhaltsam und das vor allem in er Überzeichnung der Figuren. Die betont auch Sandra Wissmann in ihrer Inszenierung, ohne jetzt nur auf die komödiantische Wirkung zu setzen. Liebenswerte Überlebenskämpfer wie Seymour und sein vermeintlich väterlicher Freund Mr. Mushnik haben eben auch ihre berechnende Seite. Als scheinbar hilfloses Beziehungsopfer mit wenig Selbstbewusstsein offenbart diese Audrey noch ganz andere Facetten und selbst Orins brutale Macho-Klischee gerät an diesem Abend immer wieder ins Schwanken, während Ferdinand von Seebach mit seiner Band diesen kleinen Horrorladen musikalisch bestürmt. Seine Arrangements haben mächtig viel Power und beflügeln mit dem Ensemble auch „Audrey Zwo“ in ihrem effektvollen Showdown für ein begeistertes Publikum, das diesen Abend mit Standing Ovations feiert.

Das Musical »Der kleine Horrorladen« von Alan Menken hatte am 1. Juli 2022 Premiere bei den Gandersheimer Domfestspielen. Bis zum 20. August stehen Vorstellungen auf dem Spielplan.

Weitere Informationen gibt es unter https://gandersheimer-domfestspiele.de