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Johanniskirche

Schöner schlafen

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Klassik für Nachtschwärmer mit Jiexu Li (Klavier)
Rezension von Bjørn Steinhoff - Erschienen am 24.August 2022

Laue Sommernacht. Klingt nach Klischee, aber dieser Abend ist wirklich eine laue Augustsommernacht. Die Steine der Stadt strahlen die Sonnenwärme des Tages zurück, die Kneipen sind voll, in St. Johannis brennt um 22h noch Licht. Hat der Küster etwa vergessen…? Nicht ganz, ein Konzert der Reihe „Klassik für Nachtschwärmer“ steht an. Für die späte Stunde hat sich eine erfreuliche Anzahl Konzertgänger eingefunden, zudem liegt das Durchschnittsalter zur erfreulichen Abwechslung einmal deutlich unter dem, was man sonst von „klassischen“ Konzerten gewohnt ist. 

Vor den Stufen zum Altarraum steht, im stimmungsvoll ausgeleuchteten Innenraum, der Flügel aus dem Hause Ibach. Nur die Pianistin ist eine andere als ursprünglich geplant: Krankheitsbedingt mußte Lydia Schaaf leider absagen, doch zum Glück fand sich in Jiexu Li eine wundervolle Vertretung. Sie studiert zurzeit Klavier an der HMTM Hannover bei Gerrit Zitterbart; Werke von Brahms und Chopin hat sie mitgebracht.

Die vier Balladen op. 10 von Johannes Brahms eröffnen den Abend – er schrieb sie im Sommer des Jahres 1854 im Alter von 21 Jahren; genauso alt ist die Pianistin. Dem Notentext ist folgende Bemerkung vorangestellt: „Nach der schottischen Ballade: ‚Edward‘ in Herders ‚Stimmen der Völker‘“; gemeint ist Johann Gottfried Herder, einer aus dem Weimarer Viergestirn. Wie sehr Brahms die literarische Vorlage inspiriert hat, wissen wir nicht, doch auch ohne dies Wissen kommt einem beim Hören sehr schnell und ganz von alleine der Begriff „Ballade“ in den Sinn.  

Der liedhafte, poetisch-erzählende Ton bestimmt den Ausdruck in allen vier Stücken, einmal mehr  unterbrochen von Stimmungs- und Farbwechseln; was wäre das Leben ohne Vielfalt? Gleich im Mittelteil der Nr. 1 schwillt der Klang in Achteltriolen zu einem mächtigen fortissimo an, um danach ganz zart, ganz sachte in die versponnene Stimmung des Anfangs zurück zu sinken. Jiexu Li gelingt es sehr gekonnt diesen Spannungsbogen zu gestalten, das fortissimo hat dabei Größe und Kraft, ohne brutal zu wirken. Bei der Wiederkehr des Hauptthemas tritt eine kleine rhythmische Umspielung im Bass dazu – sehr dezent gestaltet Li dieses Detail und hebt es gerade dadurch hervor,.  

Viele, viele bezaubernde Kleinigkeiten finden sich in den Balladen, manche Passage könnte glatt der Feder des Freundes Robert Schumann entsprungen sein. Der schwebende, rhythmisch feengleiche Beginn der Nr. 2; die kühnen harmonischen Rückungen im Mittelteil der Nr. 3 lassen deutlich an die Intermezzi denken, die Brahms gegen Ende seines Lebens schrieb.

Erfreulicherweise lässt sich Jiexu Li vom leisen Grundrauschen der neu installierten Brandschutzanlage nicht irritieren. Die Gemeinde einschließlich des Kantors sind über die derzeitige Situation selbst nicht sehr glücklich, vielleicht aber nahm die für die Installation zuständige Firma einfach nur 1. Könige 19, 12 wörtlich??

Zwei Besucherinnen hatten sich vor Konzertbeginn erkundigt, ob man – es sei schließlich schon spät – das Konzert eventuell nach dem Brahms still verlassen könnte. Der Applaus für die Balladen ebbt gerade ab, alles freut sich auf Chopin, ein Paar wechselt zwecks besserer Sicht auf die Pianistin die Plätze – und ein Blick zur Seite verrät: Die zwei Besucherinnen bleiben für Teil II.

Die Mazurka ist ein „stilisierter Tanz im mäßig langsamen bis sehr raschen Dreiertakt“ stammend aus Polen, so vermerkt es das Lexikon. Weltweit bekannt wurde diese Form durch Frédéric Chopin, welcher mehr als 50 für  s e i n  Instrument – das Klavier – komponierte. Mitklatschtauglich ist dieser Tanz übrigens nicht! Die erste Zählzeit des 3/4-Taktes wird gern noch einmal unterteilt, was folglich die Betonung zur zweiten Zählzeit verschiebt. Dieser Kniff verleiht der Mazurka etwas Schwebendes, manchmal Schwankendes, folglich nichts für den ZDF-Fernsehgarten zum Mitklatschen auf allen Hauptzeiten…

Fünf Mazurken umfasst das op. 6 – abermals eher träumerisch, versponnen im Ausdruck, somit wie die Balladen zuvor eine vortreffliche Wahl für ein Nachtkonzert. Jiexu Li musiziert alle fünf Tänze ohne den musikalischen Zuckerguss, mit dem man die unzähligen Feinheiten von Chopins Musik zukleistern, gar ersticken kann. Seine Musik erinnert mich oft an eine Aquarellminiatur: Genaues Hinhören/Hinsehen lohnt, sonst klingt es einfach „nur nett“. Vortrefflich z.B. wie Fr. Li in den Nr. 2 und 3 die notierten Akzente der Begleitstimme sanft, aber bestimmt unter die Melodie setzt. Wenngleich Chopin ob der technischen Ansprüche sicherlich zum Kanon des Klavierstudiums zählt, ist ihr diese Musik sichtlich nahe. Mit weichem, doch stets präzisen Anschlag sowie wohldosiertem Pedaleinsatz folgt sie dem Fließen der Musik. Die abschließende C-Dur Mazurka schimmert wie eine Bachforelle in klarem Gebirgsbach kurz auf und verschwindet in der Stille – ein bezauberndes Stück Musik. 

Verdienter, kräftiger Beifall für Jiexu Lis Darbietung – hinaus in die Nacht. Heimfahrt oder ein Bier in der Kneipe? Lau ist die Nacht noch immer.

nächster musikalischer Termin in St. Johannis aus der Reihe „MOTETTE“:

Samstag, den 03. September 2022, 18h

Harnisch-Ensemble

Bernd Eberhardt, Leitung/Orgel

Werke von Sweelinck, Josquin, Schütz, Resinarius