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Deutsches Theater

Wenn die Lüge die Liebe vergiftet

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»Tom auf dem Lande« auf der dt-2 Bühne
Rezension von Tina Fibiger - Erschienen am 20.Oktober 2022

Mit wem auch immer die Gestalt am Tisch spricht, es ist niemand da außer Tom, der gerade bei der Familie seines verstorbenen Lebensgefährten angekommen ist. Für die trauernde Mutter Agathe wird er sich gleich als Freund und guter Kumpel des Toten ausgeben und sich von dessen Bruder Francis bedrohen lassen. Der weiß, dass sein jüngerer Bruder homosexuell war. Aber das darf auf gar keinen Fall zur Sprache kommen. Schon bald verdichtet sich auf der dt-2 Bühne ein Geflecht aus Lügen, Verrat und Gewalt. In Michel Marc Buchards Schauspiel »Tom auf dem Lande« in der Inszenierung von Marcel Gisler muss der Schein so lange trügen, bis sich auch die schmerzhaftesten Wahrheiten nicht mehr verschweigen lassen.

Noch eine ganze Zeit lang wird sich Tom an diese Zwiegespräche mit seinem toten Geliebten klammern und in all dem Abschiedsschmerz dessen Nähe suchen. Daniel Mühe gibt ihm in der ersten Begegnung mit Agathe zunächst noch eine maskenhafte Haltung. Doch wenn er sich mögliche Jugenderinnerungen vorstellt, von denen er nie etwas erzählt bekommen hat, oder dem Toten schildern möchte, wie sehr er an einem überzeugenden Auftritt als Freund, Kumpel und Arbeitskollege zweifelt, durchdringen die Worte den trügerischen Schein. Andrea Strube nimmt als trauernde Mutter zunächst auch eine gefasste und zugleich unbeugsame Haltung ein. Ihre Gesten sprechen schon bald eine andere Sprache. Tom könnte zum Ersatzsohn werden, dem sie liebevoll und fürsorglich begegnen möchte, mit Umarmungen, die sie an früher erinnern. Zwiespältig mutet auch die aggressive Lauerstellung an, mit der Gabriel von Berlepsch seinen Francis wappnet. Da brodelt wie bei Agathe und auch bei Tom noch so viel mehr.

Es gibt nur diesen Tisch, drei Stühle, den Kühlschrank und die Mikrowelle und die beiden ordentlich gemachten Betten (Bühne: Dirk Becker), die für die wechselnden Schauplätze auf diesem Milchbauernhof und das Umland sprechen, während eine Familiengeschichte des ewigen Verschweigens auch mit brutalen Mitteln schöngeredet wird. Von diesem verräterischen Schweigen wird auch Tom erfasst und wie es nicht nur seinen Lebensgefährten umklammert hielt.

Mit Tarnmanövern und Verstellungsspielen kennen sich die Figuren aus. Bis in die tief verborgenen Zwischentöne dringt Regisseur Marcel Gisler mit seinem Schauspiel-Team vor. Sie schwingen immer mit. Eine Freundin wird erfunden, die angeblich in ihrer Verzweiflung nicht zur Beerdigung kommen konnte. Die Trauerfeier will natürlich trotzdem stolz, würdevoll und selbstbewusst zelebriert werden, bis der Alltag die Verlustgefühle einfach weg blenden muss. Tom lernt nicht nur melken, sondern auch, dass er am besten demütig auf die Gewaltattacken von Francis reagiert. Was er dabei über seine eigene innere Wut erfährt, verstört das verabredete Lügengebäude, in das sich jetzt zugeneigte Gesten einschleichen. Tom wird als Bruderersatz gebracht und Francis mit den vertrauten Gesichtszügen macht für Tom den Toten wieder berührbar. Mehr und mehr durchdringt dann auch die sexuelle Spannung zwischen den Beiden das Kräftemessen um Stärken und Schwächen, wie sie versuchen auch ihre einsame Verwundbarkeit in dieser homophoben Familienfestung in zärtlichen Momenten zu leben.

Mit der Ankunft von Sara, die als Alibi-Freundin des Toten, die Mutter in ihren drängenden Fragen besänftigen soll, zerfällt das Lügengebäude und gibt all die darin verborgenen Altlasten preis. Dass Francis der ersten Liebe seines kleinen Bruders den Mund zerrissen hatte und der seiner Mutter vor seiner Flucht in die Großstadt eine Geschichte von Tarnmanövern, Ängsten und Rollenzwängen in seinen Tagebüchern hinterlassen hatte, die viel zu lange ungelesen geblieben waren.

Die Wahrheit schmerzt aber mehr noch ist es das verräterische Schweigen, das jetzt mit noch mehr Schmerzen bekämpft wird. Wut und Trauer wollen sich mit aller Gewalt entladen müssen. In diesen Momenten entwickelt »Tom auf dem Lande« mit der Inszenierung von Marcel Gisler die Kraft einer antiken Tragödie, die im Seelenleben der Figuren auf Trümmerlandschaften trifft. Die Lüge hat die Liebe einfach vergiftet. Die Sehnsucht nach einer tröstenden Umarmung bleibt, die auch im Schweigen nicht verstummen will.

»Tom auf dem Lande« von Michel Marc Bouchard hatte in der Inszenierung von Marc Gisler am 8. Oktober Premiere im Deutschen Theater Göttingen.