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Göttinger Abende Zeitgenössischer Musik

Empfindungsreichtum am Klavier

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Hajdi Elzeser im Clavier-Salon
Rezension von Jens Wortmann - Erschienen am 27.November 2022

Bernd Schumann vom Verein Göttinger Abende Zeitgenössischer Musik hatte erstmals in den Clavier-Salon von Gerrit Zitterbart eingeladen. Er präsentierte mit der Pianistin Hajdi Elzeser einen unterhaltsamen mazedonisch-deutschen Abend.

Die mazedonische Pianistin Hajdi Elzeser stellte ein ungewöhnliches und sehr persönliches Programm zeitgenössischer Klaviermusik zusammen. Zum einen zeigten die neun Kompositionen ein großes Spektrum Neuer Musik. Zum anderen fünf Kompositionen von mazedonischen Komponist:innen, vier deutsche oder in Deutschland lebende Komponisten waren vertreten. Damit spannte Elzeser den Bogen von ihrer Heimat Mazedonien zu ihrer Wahlheimat Deutschland – Elzeser hat einen Lehrauftrag an der Hochschule für Musik in Detmold.

elzeser schumannDen Anfang machte ein Stück aus dem Zyklus »Hämmerklavier« von Moritz Eggert. Humorvoll sprengt der 1965 geboren Komponist den Rahmen traditioneller Aufführungspraxis: mit großen Gesten (darum der Titel »Advanced Kabuki«) setzt Hajdi Elzeser vor dem Bechstein-Flügel das Aufführungsmaterial um: sie klopft, trommelt auf dem Korpus des Instruments, dreht sich auf ihrem Hocker – und bisweilen spielt sie auch einen oder mehrere Töne. Immer geht es um Extreme: sie bedient die Klaviatur mit dem großen Zeh und mit der Nasenspitze. Am Ende schrauben sich die Akkorde in immer weitere Höhen – bis die Klaviatur nicht mehr ausreicht und die Pianistin deshalb vom Hocker fällt. 

Auch das zweite Stück des Abends sprengt Grenzen: zum Klavierspiel werden elektronische Klänge eingespielt. Die Einwürfe des Klaviers sind zeitlich exakt abgestimmt mit den Geräuschen aus den Lautsprechern. Die mazedonische Komponistin Ana Pandevska (*1985) hat dieses »Carousel« 2020 komponiert.

Auch Petros Leivadas (Jahrgang 1990) stammt er aus der griechischen Provinz Makedonien. Die Staaten Nordmazedonien und Griechenland haben lange gebraucht, um über die Bezeichnung „Mazedonien“ einen Modus Vivendi zu finden. Wegen der lang andauernden Auseinandersetzungen darüber dachte sich Bernd Schumann, es könne doch ein griechischer Makedone ein Stück für die Nordmazedoniern Hajdi Elzeser komponieren. Dieses Werk mit dem Titel »Drei unverschämte Bären« wird an diesem Abend uraufgeführt. Im Gespräch mit Schumann erläutert der Komponist die Entstehung des Werks. Zu hören sind dann ruhige, eher harmonische Klavierklänge – immer wieder unterbrochen durch störende Einwürfe. Ob das die Bären sind, bleibt offen.

Dass die Mazedonierin nicht nur eine gute Schauspielerin, sondern auch eine hervorragende Pianistin ist, wird erst beim vierten Stück deutlich. Giselher Klebe gehört längst zu den Klassikern der Zeitgenössischen Musik. Sein »Feuersturz« aus dem Jahr 1983 ist sehr der Zwölftontechnik verbunden. Von dem Schwierigkeitsgrad der Komposition lässt sich Elzeser in keiner Weise beeindrucken. Dennoch fehlt es dieser eher technisch-handwerklichen Musik etwas an Emotionen. Doch die ist vielleicht auch gar nicht vom Komponisten vorgesehen.

Das ändert sich nach der Pause mit dem Werk »Ripples – Waves – Bells« von Mihailo Trandafilvski (*1974): sphärische, glockenartige Klänge, lang anhaltende Liegetöne erklingen und lassen viel Raum für eigene Assoziationen. Die fordert auch Jörg-Peter Mittmann mit seiner Trakl-Vertonung »Immer lehnt am Felsen die weiße Nacht«.

Erst mit den »Three Dances« von Kostadin Delikolov wird es wieder lebendig. Der bei dem Konzert anwesende Komponist hat historische Musikwissenschaften studiert. Er beteuert im Gespräch, das würde in seiner Komposition keine Rolle spielen. Zu hören sind dann aber doch allerlei musikalische Zitate in Form oder Klang. 

Eine gute Freundin der Pianistin ist Jana Andreevska (*1967). Für ihre eigene Aufnahmeprüfung hatte die Komponistin eine Komposition aus ihrer Jugend bearbeitet. »A Simple Song of Tenderness«. Entstanden ist ein Musikstück mit einer klaren Form und Struktur: der einfachen Melodie ist als Kontrapunkt eine durchaus komplexe Begleitstimme gesetzt. 

Der Höhepunkt des Abends wurde für den Schluss aufgehoben: die »Sonate Satirique« des seit vielen Jahren in Deutschland lebenden Amerikaners Chris Jarrett bot vieles: sehr abwechslungsreiche Klänge, virtuose Passagen – hier konnte Hajdi Elzeser auch diese Qualität unter Beweis stellen – verspielte Momente, die sich mit energischen abwechseln. Die Nähe zum Jazz und die zahlreichen musikalischen Zitate gaben dem Stück eine besondere Note.

So schloss sich der Kreis an diesem Abend mit ganz unterschiedlichen Kompositionsstilen: vom humorvollen »Hämmerklavier« bis zur facettenreichen »Sonate Satirique« reichte der Bogen. Das Spiel der Pianistin zeigte die vielfältigen Fähigkeiten der Künstlerin. Man konnte live erleben, was die französische Pianistin Chantal Stgliani auf der Internetseite der Hochschule Detmold mit dem Empfindungsreichtum von Heidi Elzeser meint.