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Junges Theater

Noch’n Gedicht und schon entspannt sich die Lage

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Eine komödiantische Hommage auf Heinz Erhardt
Rezension von Tina Fibiger - Erschienen am 2.September 2020

Es steht nicht zum Besten in der Finanzbehörde. Willi Winzig hat die Nase voll von Mahnbescheiden und Zahlungsbefehlen. Unter dem Teppich sind sie bestens aufgehoben und können so auch keine Tragödien bei den Empfängern auslösen. Jetzt hat ihn Sekretärin Roswitha Weguscheit bei seinen heimlichen Manövern erwischt. Die Einladung auf „noch’n Gedicht?“ wird sie diesmal nicht gleich besänftigen oder gar belustigen. Da ist schon ein bisschen mehr als die vertraute Reimkunst gefragt, die auf der Bühne des Jungen Theaters dem feinsinnigen Wortwitz von Heinz Erhardt so herrlich komödiantisch huldigt.

„Eines Morgens sprach die Made: Liebes Kind, ich sehe gerade, drüben gibt es frischen Kohl, den ich hol.“ Schon mit den ersten Reimen muntert Jan Reinartz in seiner luftigen Büroenklave die Zuschauer auf. Von Katharina Brehl als sachkundiger Vorzimmerdame und in der Rolle der leidenschaftlich dichtenden Putzkraft Frau Stirnima kommt auch bald Verstärkung. Doch vorher ist noch eine Zugabe fällig: Mit Geschichte des dichtenden Finanzbeamten, den eine gute Fee offensichtlich missverstanden haben musste, der er in jungen Jahren über seine undichten Windeln beklagte. Natürlich klingelt es prompt, weil die verdammte Pflicht ständig ruft. Aber auch die wird wie so Vieles andere an diesem Abend souverän gekontert, egal ob der Vorgesetze nervt oder Minister mit besonderen Anliegen. Gern mit einem „Danke für das Geräusch.“

Viele Dichtersprüche in dieser szenisch musikalischen Heinz-Erhard-Revue „Danke für das Geräusch“ sind natürlich pointiert verdichtete Anmerkungen zur Biografie des Erzkomödianten, die Markus Fennert und Michael Kiefert für das Theater Rudolstadt collagiert hatten, um damit auch dem Jungen Theater eine unterhaltsame Steilvorlage zu bieten. Nicht alle lassen sich spontan entschlüsseln, aber das tut den komödiantischen Turbulenzen um diesen Willi Winzig keinen Abbruch, über die Erhardt bereits in dem Kinofilm „Was ist denn bloß mit Willi los?“ gereimt, gekalauert und gewitzelt hatte.

Ursprünglich hatte Intendant Nico Dietrich eine Inszenierung im Verlauf der Spielzeit geplant. Corona beschleunigte die Premiere zum Saisonstart, wo sie nicht nur szenisch sondern auch atmosphärisch Stimmung macht. Für die vielen schönen Bühnengeräusche und die Lieder, die Steffen Ramswig am Piano musikalisch begleitet und verstärkt, bietet der Innenhof des Jungen Theaters die ideale Open-Air-Kulisse. Unter Corona-Bedingungen können hier auch mehr Zuschauer die Aussicht auf noch’n Gedicht genießen als im Theatersaal.

Manierlich geordnet halten die Akten auf der luftigen Bürobühne die Stellung mit dem massiven Schreibtisch und weiteren bürokratischen Requisiten während Jan Reinartz und Katharina Brehl mit alltäglichen Absurditäten jonglieren. In denen geht es natürlich um Finanzen und bürokratische Zwänge, aber auch um Emotionen. Jetzt, wo Willi Winzig seine subversive Talente entdeckt hat, seinen Chef belauscht und die Gewinn bringende Seite seiner Behörde sabotiert, dichtet, lästert und reimt es sich noch viel spöttischer. Manchmal dringt allerdings der Poltergeist in ihm durch, der eine devote Sekretärin drangsaliert um dann als Schleimer im Biedermannformat zu punkten. Gern zu Diensten ist er der attraktiv aufgebrezelten Frau Dr. Kubin, die ebenfalls von Katharina Brehl gespielt wird. Auch weil es um mehr gehen könnte als eine lukrative Spende für ihre Mopsforschung. Manchmal fehlen ihm allerdings auch die Worte, wenn Frau Stirnimaa mit ihrem Putzwagen die bürokratische Dichterstube okkupiert und dramatisches Pathos zum Besten gibt. Kein Reim ist vor ihr sicher und erst recht keine dieser schaurigen Stilblüten, die Katharina Brehl so herrlich komisch frech zelebriert, dass die Zuschauer mit ihr sogar einen Chor anstimmen und ein gemeinsames „Mülliralala“.

Jetzt sind natürlich ein paar honorige Dichterworte frei nach Goethe fällig. Es reimt sich vom feinsten auf diesen Erlkönig bei Wind und Nacht, wenn die Uhr auch noch fast perfekt gleich Acht schlägt. Unmut, Angst und was sonst noch alles zwischen den Turbulenzen lauert, wird dann halt mit einem hochprozentigen Reim bekräftigt. Die Hausbar macht’s möglich, sorgfältig hinter der Aktendeckelfassade getarnt. „Wenn ich einmal traurig bin, dann trink ich einen Korn. Und wenn ich dann noch traurig bin, dann trink‘ ich noch’n Korn.“ Erhardts Hausbar an hoch prozentigem Wortwitz ist eben ziemlich gut gefüllt, um jede Krise mit einer Pointe zu ummanteln. „Manchmal hilft nur noch Zähne hoch und Kopf zusammenbeißen.“

Willi Winzig hält natürlich weiterhin die Stellung, trotz Strafversetzung und halbierter Pension, während Jan Reinartz mit ihm dichtet und leidet, bis der Behördentumult eine glückliche Wendung nimmt. Nicht unbedingt mit diesem Amtsleiter im Chefsessel, der sich jetzt in der Rolle des autoritären Stinkstiefels gefällt. Doch was wäre das Leben ohne diese sehnsüchtigen Blicke für „noch’n Gedicht“. Der liebevolle Pax de Deux“ mit Willi und Roswitha bahnt sich schon lange an und verdient in dieser turbulenten Heinz-Erhardt-Hommage natürlich auch ein paar schöne Geräusche, damit es zum verdienten Theater happy end kommt, das von den Zuschauern euphorisch gefeiert wird.

Danke für das Geräusch! Ein Heinz-Erhardt-Abend
In einer Fassung von Markus Fennert und Michael Kliefert
Inszenierung Nico Dietrich Bühne Hannah Landes Kostüme Nadia Dapp Mit Katharina Brehl, Jan Reinartz, Musik Steffen Ramswig

Premiere: 29. August 2020, weitere Vorstellungen am 11., 12., 25. und 26. September 2020, jeweils um 20 Uhr

 

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