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Junges Theater

Große Leidenschaften sind Krankheiten ohne Hoffnung

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Goethes „Wahlverwandtschaften“
Rezension von Tina Fibiger - Erschienen am 27.Oktober 2020

Vier Gestalten in Laborkitteln putzen die Bühne des Jungen Theaters. Goethes wahlverwandte Paare vertrauen auf Besen, Kehrblech und Wischmopp, bevor sie einander mit verborgenen Sehnsüchten, sachlichen Argumenten und leidenschaftlichen Gefühlen traktieren. Sie werden auch später die Chronologie der Ereignisse immer wieder von außen betrachten und die heimlichen Begegnungen ebenso protokollieren, wie die Liebesschwüre, die Verdächtigungen und die Treuebrüche. Regisseur Stephan Schäfer hat das ländliche Idyll, in dem Goethe seine Figuren leben, lieben und scheitern lässt, zum Laborraum erklärt. Hier wagen sie jetzt ein Experiment, an das sich nicht vorhersehbare Reaktionen anschließen, mit denen einfach weiter experimentiert werden muss, bis die erhoffte Glücksformel endgültig versagt, weil darüber keine Verständigung möglich ist.

Nur scheinbar haben Eduard und Charlotte das perfekte Arrangement für sich gefunden. Mit dem Rückzug aus einer Gesellschaft der Konventionen und der Reglementierung, um stattdessen einen verwilderten Landsitz zu kultivieren. Hinter dem charmanten Gestus des stilvoll fürsorglichen Ehemannes lässt Michael Johannes Meyer ahnen, dass ihn der gemeinsame Ehelebensplan bereits langweilt. Sein langjähriger Freund Hauptmann (Jan Reinartz) könnte auch als Landschaftsarchitekt das ungesellige Stillleben auffrischen. Und da sich Charlotte um die Betreuung ihrer Nichte Ottilie (Jennifer Quast) sorgt, ließen sich die freundschaftlichen Verhältnisse perfekt ausgleichen und abstimmen. Jetzt ist Haltung gefragt, Verständnis für den geliebten Unruhegeist und die Fähigkeit, sorgfältig zu reflektieren und zu argumentieren. All das, was Jacqueline Sophie Mendel an ihrer Charlotte spürbar werden lässt, die diese Hausgemeinschaft auch mit Blick auf die Unabwägbarkeiten betrachtet und wie sie das Zusammenleben verändern werden.

Eduard verliebt sich in Ottilie, so unmittelbar leidenschaftlich und kompromisslos wie irgend möglich, so dass es auf der Bühne zunächst keiner Worte bedarf, nur dieser verräterischen Blicke und Gesten. Die besondere Sympathie, wie sie Charlotte und den Hauptmann mehr und mehr verbindet, lässt den Treuebruch nur ahnen. Die Protokollanten ihrer Begegnungen können ähnlich wie die Zuschauer umso mehr über ein Paar reflektieren, bei dem die Chemie stimmt ohne dass die Beziehung in ein emotionales Chaos ausufert.

Die Fassung von Goethes Wahlverwandte, die Stefan Bachmann und Lars-Ole Walberg für ihre Inszenierung am Züricher Neumarkt Theater auf zwölf szenische Stationen verdichtet haben, streift auch das Fach Chemie mit einem dramatischen Kapitel. Über Anziehungskräfte, wie sie Alkaloide und Säuren auch als gegensätzliche Elemente entwickeln, um sich gerade deshalb zu einer Wahlverwandtschaft zu vereinigen, wird in geselliger Runde geplaudert – und das mit beflügelnder Wirkung. Es gibt auch einen Exkurs in die Bekenntnisse des Marquis de Sade, in der über sexuelle Freiheiten und Fantasien, in dem über Ehegelübde, Rollenverhältnisse und moralisierende Kategorien genüsslich abgelästert wird, während der Laborraum Bühne zur Kampfzone wird.  

Die schwangere Charlotte verweigert Eduard die Scheidung. Der flüchtet sich in sein früheres, vermeintlich abenteuerliches Leben, bis ihn die Sehnsucht nach Ottilie zurücktreibt. Doch dann verweigert sich die junge Frau, die den Tod des Kindes verursacht hat, ihrer leidenschaftlichen Liebe und einer gemeinsamen Vision endgültig. Sie hungert sich zu Tode, so wie sich auch ihr maßlos kompromissloser Gefährte, für den nur die Option alles oder nichts zählt, schließlich einem Leben ohne sie verweigert.

In einer Szene reflektieren die Figuren sich und ihre Haltung und was sie einander mit ihren Wünschen und Begierden zumuten. Es bleibt der falsche Film, den sie betrachten und auf ein Happy End bestehen, bei dem sie als Regisseure ihrer Ansprüche versagen. Die Gestalt, die jetzt den Kindersarg wie ein unüberwindliches Hindernis auf die Bühne schleppt, hat längt in die Scheidung eingewilligt und beerdigt jetzt auch ihre vergeblichen Hoffnungen mit den Worten „Große Leidenschaften sind Krankheiten ohne Hoffnung“. Vorbei sind die Zeiten, wo sie ihren Eddie noch locker zum Arschloch erklären konnte, wie er sich einfach so verliebt hat und das Eheversprechen verrät. Nicht länger ironisch kommentieren und bespötteln lassen sich die Irrungen und Wirrungen in diesem emotionalen und erotischen Aufruhr. Die Glückformel, mit der in diesem dramatischen Labor leidenschaftlich, leichtsinnig und nachdenklich experimentiert wurde, bleibt unberechenbar. Umso leidenschaftlicher engagiert sich das Schauspiel-Team mit Regisseur Stephan Schäfer für Goethes Wahlverwandte und ihre Kampfzone.

 Die Premiere war am 24. Oktober. Weitere Vorstellungen stehen am 6. und 28. November sowie 21. und 22. Dezember auf dem Spielplan des Jungen Theaters