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Deutsches Theater

Stimmen aus dem Mauerwerk

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Installation „Mechanische Tiere“
Rezension von Tina Fibiger - Erschienen am 24.Januar 2021

Eine schwarze Hülle ummantelt den Eingangsbereich des Deutschen Theaters. Erhellende Wirkung signalisieren wiederum die sechs Spiegel, die mit Lichtelementen versehen wurden. Doch erst aus nächster Nähe zeigt sich, dass es sich dabei nicht um ein dekoratives Stillleben handelt, in dem sich jetzt die Lockdown-Atmosphäre widerspiegelt, der sich die Theatermacher seit Wochen stellen müssen. Jetzt ist auch das Stimmengemurmel zu hören, das dann zu einem unmittelbaren Blick in einen der Spiegel und hinein in einen Hörparcours verführt. Mit den szenischen Miniaturen von Rebekka Kricheldorf Mechanische Tiere machen DT- Intendant Erich Sidler und Bühnenbildner Florian Barth hellhörig für die Stimmen, die im Theater ständig umtriebig sind und nun das Mauerwerk und all die aktuellen Barrikaden durchdringen wollen.

„Liebe mich, wenn mich die Welt fallen lässt!“ wünscht sich eine Stimme. Eine andere will den ständigen Blickkontakt verweigern, während sie das nächste Mal eben mit ihrer Selbstzufriedenheit protzt und darin auch geübt anmutet.

Als Rebekka Kricheldorf 2009 ihr Szenario über „mechanische Tiere“ schrieb, hatte sie ursprünglich das Nachtleben mit der Disco- und Eventszene im Blick. Jetzt hat es den Anschein, als ob die Stimmen der Glückssucher und wie sie sich im Mauerwerk des Theatergebäudes ausbreiten, eine ganz andere Art von Mutprobe riskieren. Manche klingen besonders selbstbewusst, sie stellen sich anderen gegenüber dar – und das scheinbar auch viel souveräner als diese Zweifler, die ihre Unsicherheit nicht verbergen können, wenn es darum geht, sich irgendwie mit den Verhältnissen zu arrangieren.

Jeder der sechs dekorativ arrangierten Spiegel an der schwarzen Barrikade ist mit einer Hörstation verbunden, für die jeweils zwei szenische Miniaturen kombiniert wurden. Es gibt keine Chronologie in den Begegnungen, und es lassen sich auch keine klassischen Figuren identifizieren, sondern nur verschiedene Stimmen mit ihren Gedankensplittern. Es geht dabei oft frech und wortgewandt zu und das nicht nur, wenn es zu Begegnungen von Selbstoptimierern und Karrieristen kommt. Auch Sehnsüchte und Ängste durchdringen die Wortduelle, wenn es um neue oder längst gescheiterte Beziehungen geht oder den Kater nach der erschöpfenden Partyperformance.

Gesucht wird nach Fluchtwegen, um die Gefühle von Schwäche oder Unsicherheit möglichst nicht preiszugeben und lieber eine Aufbruchsstimmung zu behaupten, auch wenn die Aussichten eher dagegensprechen und die inneren Stimmen, die längst wissen, was von all den verbalen Tarnmanövern zu halten ist, die so viele Bedürfnisse und Sehnsüchte verdunkeln.

Aus dem Chor der Stimmen von Einzelkämpfern, Paaren und geselligen Arrangements spricht auch die Aufforderung, sich mit sich selbst auszutauschen. Diese Aufforderung haben Erich Sidler und Florian Barth auf die gemeinsame Installation übertragen. Die Begegnung mit den Stimmen hinter dieser schwarzen Barrikade funktioniert nur mit einem Blick in den Spiegel, auf dass der Text mit seinen Fragen über die Verständigung mit den Verhältnissen und dem Miteinander beim Zuhören auch ganz persönliche Fragen zur Sprache bringen kann, die sich gerade unter Pandemie-Bedingungen noch viel nachdrücklicher stellen.

In der ersten DT-Installation waren die Stimmen der Theatermacher noch in den benachbarten Straßen zu hören, während sich Passanten und Spaziergänger jetzt auf eine Nahaufnahme einlassen müssen, um sich von den Gedankensplittern der mechanischen Tiere anregen, irritieren und inspirieren zu lassen, die weder hinter hölzernen noch hinter pandemischen Barrikaden Ruhe geben wollen.