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Deutsches Theater

Eine feste Burg ist unser Igelbau

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»Yesterday Reloaded« – Uraufführung auf der DT-2 Bühne
Rezension von Tina Fibiger - Erschienen am 9.Juni 2021

Die wohnliche Kulisse ist schon ein bisschen herunter gekommen, trotz der Zutaten, die hier eine friedliche Behaglichkeit behaupten. Auf der DT-2 Bühne streift die Kamera durch das metallene Gehäuse über das Sofa, die geblümte Tischdecke, das Kruzifix und den TV-Bildschirm, aber auch über den verkrusteten Topf auf dem Herd, die ramponierten Putzutensilien und ein paar in die Jahre gekommene Buchrücken. Die Wohnungstür hat auch schon einiges abbekommen, was vermutlich dem Hausherrn anzulasten ist, dem an einer besonderen Ordnung gelegen ist, auf die ihn der programmatische Wortschatz der AfD bestens eingestimmt hat.

So fühlt sich auch Familie Mecki bestärkt, die Gernot Grünewald in seinem Szenario Yesterday Reloaded auftreten lässt. Für die dramatische Anamnese rechter Parteilichkeiten und welche Bösartigkeiten hinter den politischen Forderungen lauern, setzt er mit Mecki eine Comicfigur in Szene, die seit den 1950er Jahren zur Ausstattung der Zeitschrift HörZu gehört.

Die stachelige Traditionsfamilie mit Mecki-Mutter, Mecki-Vater, Mecki-Sohn und Mecki- Tochter kann sich in ihrem Igelbau endlich mal über diese Gesellschaft entrüsten, die Zukunft einer echten Igelgesellschaft alltagskompatibel demonstrieren und was dafür alles geschreddert gehört. Die Multi-Kulti-Gesellschaft sowieso, das ewige Gerede um die Klimakatastrophe und die Genderdebatte erst recht. Heim und Herd sind schließlich eine weibliche Domäne und zur Sicherung der Heiligen Familie inklusive einer soliden Geburtenrate. Igelland muss wieder so stark gemacht werden wie früher, mit abgeriegelten Grenzen, der Ausweisung nicht integrierbarer syrischer Goldhamster und einer kampfstarken Bundesigelwehr.

Das Schauspiel-Team mit Volker Muthmann, Katharina Müller, Marie Seiser und Marco Mathes begibt sich gut gepolstert und mit Igelmasken in das Szenario. Das mutet schön putzig und zum Knuddeln an und dann umso mehr zum Gruseln, wenn die starren Grinsefassaden mit einem gemeinschaftlichen Chor bestärkt werden, der ein fröhliches „Multi-Kulti hat abgedankt“ anstimmt oder ein aufmunterndes „Kernkraft!“ In den Arrangements von Dominik Dietrich werden alle Zitate der AfD-Wortführer und wie sie Igelvolkes Stimme aufrüsten musikalisch aufbereitet und gesungen und verstärken so die Wucht der Bilder, die Gernot Grünewald wie finstere Cartoons in Szene setzt.

Die Bilder reflektieren auch in der Ausstattung von Bühnenbildner Michael Köpke das Klima der 50er Jahre, wo die Traditionsbedürftigkeit sich auch an folkloristische Zutaten mit Dirndl und frisch gebügelter Schürze hielt, während die Rabatten im Gartengrün für die wieder heilende Welt der Nachkriegsgesellschaft strammstanden, die ersten „wir sind wieder wer“ die Runde machten und die lokalen Schützenbrüderschaften wieder Treffsicherheit demonstrieren durften. Da müssen halt auch Mecki-Söhne ein bisschen Disziplin aufbringen, weil es ansonsten Prügel setzt. Und wenn das väterliche Machtwort bei fremdelnden Mecki-Töchtern versagt, die sich ausgerechnet auf Goldhamster einlassen, findet sich auch eine blutige Lösung, damit die Igelgesellschaft nicht auch noch biologisch von Asylsuchenden, Migranten bedrängt wird, die noch eine Zeit lang als Putzkräfte und Hilfsarbeiter noch sowas wie Integrationsbereitschaft demonstrieren dürfen.

Der Aufruf „Wir machen unsere Igel selbst“ bekommt dann nicht nur chorische Verstärkung, sondern auch inzestuöse Schubkraft und das nicht nur mit einem brutalen Griff unter den geblümten Rock und die adrette Schürze. Zwischen Gartengrün und Heimatboden findet sich ebenso ausreichend Platz für Hamsterköpfe wie für Hamsterpuppen. Historische Altlasten lassen sich bei der Gelegenheit gleich mit entsorgen und diese unsägliche Erinnerungskultur, die mit dem neuen stolzen Igelpatriotismus unvereinbar ist.

Ein feste Burg ist dieser Igelbau, der am Ende mit weißer Tapete ummantelt wird, als ob es noch ein Tarnmanöver für das Afd Credo braucht. Doch schon zeichnen sich die ersten Risse ab, hinter denen bereits die Glubschaugen lauern und die Igelseelen sich für ihr martialisches „yesterday reloaded“ weiter rüsten.

 Das AfD-Projekt von Gernot Grünewald Yesterday Reloaded hatte am 4. Juni 2021 Premiere im DT-2. Weitere Vorstellungen stehen am 10. Juni, 17. Juni, 25. Juni und 1. Juli auf dem Spielplan. Beginn ist jeweils um 20 Uhr.


Links:

Die Internetseite des Deutschen Theaters zum Stück

Zu diesem Stück gibt es eine Ausgabe des Theaterpodcasts Szenenwechsel. Kulturbüro-Autorin Tina Fibiger spricht mit Regisseur Gernot Grünewald.