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Deutsches Theater

Was kann ein Mensch aushalten?

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Umjubelte Premiere von »Hiob«
Rezension von Tina Fibiger - Erschienen am 6.Juli 2021

Das Licht sucht sich seinen Weg durch die Dachstreben. Mendel Singer vertraut auch darauf, wenn er seine Gebete spricht und wenn täglich alle zusammenrücken müssen, seine Frau Deborah, die Söhne Jonas und Schemarjah und die Tochter Mirjam. Zwölf Thoraschüler müssen täglich in dieser Wohn- und Schlafküche noch Platz finden, die an einen kärglichen Unterstand erinnern. Gott hat es so gewollt und so lebt Joseph Roths Hiob auf der Bühne des Deutschen Theaters diese gottgewollte Ordnung wie schon seine Vorväter, bis sein Glaube auf die Probe gestellt wird. 

Die heile Welt in dem russischen Dorf bekommt Risse, nachdem der dritte Sohn Menuchim mit einer Behinderung geboren wird. Bald erkaltet die Liebe zu Deborah. Der russischen Armee muss Mendel Singer einen gesunden Rekruten überlassen und den zweiten Sohn einem Schicksal in der Fremde, während die Kosaken bei Tochter Rebekka nicht nur in Lauerstellung liegen. Aber vielleicht ist es nur an der Zeit, weitere Fastentage einzulegen, noch mehr Gebete zu sprechen, damit sich alles wieder zum Guten wendet, bevor die Familie endgültig auseinanderbricht. 

Dieser Hiob ist kein Mann der Worte. Gerd Zinck ruht in der Geborgenheit des duldsamen Thoralehrers, der den Ereignissen ihren Lauf lässt, als ob sie vorbestimmt wären und unveränderbar. Es ist vor allem seine Umgebung, die den Handlungsfaden mit all den Verwerfungen aufnimmt. 

Regisseur Matthias Reichwald vertraut in seiner Bearbeitung des Romans auf die erzählerische Kraft des Prosatextes. Die Zärtlichkeit, die in der Sprache Joseph Roths immer mitschwingt und mit der er liebevoll seine Figuren betrachtet, überträgt sich auch auf die Inszenierung, in der die Figuren einander und sich selbst immer wieder anders wahrnehmen und von Stimmungen erfasst werden, die sie bewegen. Die musikalische Stimme des Akkordeons, die in den Szenen immer wieder anklingt, umspielt und bestürmt diesen Familienkosmos in den Kompositionen von Anton Berman. Sie verschmelzen wie Lieder ohne Worte mit dem Fluss der Erzählung.  

Das Schauspielteam spielt die Ereignisse nach und beschreibt sie gleichzeitig wie aus einer Beobachterperspektive. Manchmal verweigern sich Gerd Zinck, Rebecca Klingenberg (Deborah), Paul Trempnau (Jonas), Roman Majewski (Schemarjah), Anna Paula Muth (Miriam) und Lukas Becker (Menuchim) auch den Zuschreibungen, die gerade kursieren mit einer widersprüchlichen Geste oder einer Haltung, die sich einer direkten Übersetzung verweigert. Von Menuchim heißt es, dass er als Säugling in einem Korb unter der Decke hing und manchmal nichts gegen seine Lust zu wimmern und zu schreien half. Dann kriecht Lukas Becker mit seiner Strickmütze über die Bühne und lässt die langen Troddeln wie Gewichte hinter sich her schleifen. Für die Gestalt, die irgendwann dieses erlösende Wort „Mama“ vernimmt, braucht es keine Geste, sondern diesen hoffnungsvollen Blick, den Florian Eppinger als Wunderrabbi ebenso verweigert, wie als Fuhrmann, Schleuser oder Nachbar, wenn um das Überleben ihres Sohnes und ihrer Familie gefeilscht wird. 

Die Geschwister, die den behinderten Bruder jetzt in einem Fass mit Brackwasser und fauligem Müll ertränken wollen, beschwören in Worten die Bilder im Kopf herauf, die noch viel brutaler anmuten, als der Versuch, einen scheinbar hilflosen Körper unter eine Barrikade von Hockern wie in einen Sarg zu zwängen. 

Der Weg nach draußen und raus aus der bedrückenden Enge führt über das Dach, das Bühnenbildnerin Jelena Nagorni zum möglichen Freiraum werden lässt. Wenn Mendel Singer den Aufbruch nach Amerika wagt, weil er auf die Glücksversprechen von Schemarjah vertraut, der es dort zu Wohlstand und ansehen gebracht hat, wird es zur schwankenden Fläche für die Überfahrt und dann schräg nach vorn abgesenkt. Hoch hinaus soll es gehen, was an den beiden Seiten des Gefälles auch die Hochhaussilhouetten signalisieren. Mit Popcorn-Kino-Heiterkeit wird der mütterliche Frost zum Tauen gebracht und Mirjam kann sich endlich ein bisschen in Glamoursehnsüchten sonnen, so dass selbst Mendel Singer seine Verlorenheit in dieser hektisch lärmenden Glückskulisse für einen kurzen Moment zum Schweigen bringen kann. 

Auf der Bühne türmen sich die schwarzen Geldsäcke und werden schon bald zu Leichensäcken. Daheim in Russland gilt Jonas als verschollen. Schermajah gehört bereits zu den Weltkriegstoten in God’s own Country, wo seine Schwester wahnsinnig wird, die Mutter in unendlicher Trauer verstummt und der Vater sich diesem gnadenlos strafenden Gott mit seiner ganzen Verzweiflung verweigert und nach einer Erklärung sucht. Was kann ein Mensch aushalten an Tod, Trauer und Verlust, der sich nicht wie der biblische Hiob noch an einen Rest von Hoffnung klammert und nur noch in der Erinnerung Trost findet? 

Inmitten dieser lärmenden Kulisse verweilt eine einsame Gestalt so ganz für sich mit den stummen Bildern von früher, die ihm als Schattengestalten zur Seite stehen und eine erlösende Melodie vernimmt. Aus dem Sohn, den er in Russland zurückgelassen hat, wurde ein gefeierter Komponist. Eine symphonische Kraft flutet den Bühnenraum wie eine schmerzhaft schöne Vision für Mendel Singer, endlich einen Traum vom Glück zu träumen, der ihn umarmt. 

So wie dieser Theaterabend mit Joseph Roths Roman auch sein Publikum umarmt und beschenkt.