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Junges Theater

Ein strategisches Duell

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Daniel Kehlmanns Kammerspiel »Heilig Abend»
Rezension von Tina Fibiger - Erschienen am 28.September 2021

Der Kommandoton soll natürlich die bedrohliche Atmosphäre verstärken. Dass es sich dabei um ein taktisches Manöver handelt, ist offensichtlich, scheint aber nicht zu wirken. Verhalten reagiert die Gestalt, die dieser Vernehmung nicht freiwillig zugestimmt hat. Vielleicht verbirgt sie ihre Angst. Vielleicht vermag sie die Situation einfach noch nicht einzuschätzen, wenn der Ermittler sie mit Fragen bedrängt und präzise Antworten fordert. Schon bald verwandelt sich Daniel Kehlmanns Kammerspiel Heilig Abend, das Intendant Nico Dietrich zum Saisonstart des Jungen Theaters inszenierte, ein strategisches Duell. Eindeutig verteilt sind die Positionen in diesem Verhörraum nämlich keineswegs.  

Es gibt ein Bekennerschreiben über einen Bombenanschlag, Heilig Abend um Mitternacht. Auf dem Monitor an der Bühnenwand wird über der breiten Fensterfront eine Uhr eingeblendet. 23.45 Uhr. Ermittler Thomas (Jens Tramsen) steht unter Zeitdruck, doch seine Verdächtige, die Philosophieprofessorin Judith (Dorothea Röger), lässt sich auf die Schnelle nicht unter Druck setzen. Die scheinbar privaten Anmerkungen über seine Person bewirken ebenso wenig, wie der Versuch, mit intimen Fragen ihr Privatleben bloß zu legen. Deutlich mehr Wirkung erzielen die Hinweise auf Überwachungsmethoden, das Dossier über Auslandsaufenthalte und Telefonprotokolle und dass es sich dabei um legale Mittel handelt, die im Verdachtsfall jederzeit abgerufen werden können. Passwörter entschlüsseln, Festplatten durchforsten, nichts leichter als das, wenn der private Rechner mit dem Bekennerschreiben den Verdacht erhärtet.

Es bleibt spannend, während der Zeiger tickt und bis Jens Tramsen seinen selbstbewusst abgeklärten Ermittler ausrasten lässt und der nur noch wissen will, wo die Bombe steckt. Eindeutig punktet Dorothea Röger in der Rolle der abgeklärten Akademikerin im politischen Schlagabtausch, wenn es um Fragen der strukturellen Gewalt geht und um repressive Systeme, die einen gewalttätigen Widerstand herausfordern. Der nächste Konter ist absehbar, auch wenn der Verweis auf schmerzhaftere Verhörmethoden keine Wirkung erzielt, anders als die Verhaftung von Judiths Ex-Mann als möglichem Bombenbauer. Dessen Biografie wird ebenso gnadenlos enttarnt wie seine Treuebrüche, um den Ausgang des Verhörs zu beschleunigen, natürlich mit ein paar Rechtsbelehrungen über Schuld, Unschuld oder Beihilfe, während die Uhr unaufhörlich weiter tickt und der Ermittler ebenso getäuscht wird wie die Zuschauer:innen.

Auch wenn Daniel Kehlmanns Heilig Abend-Szenario an eine Verhörsituation erinnert, ist es vor allem ein strategisches Duell um Haltungen und um Argumente, wo die Grenze zwischen Freiheit und Sicherheit verläuft, wenn systemkritische Argumente mit Terrorverdacht geahndet werden. In diesem Fall sind nicht nur die Rollen klar verteilt, sondern auch die Zuschreibungen und die Vorbehalte, die auf den Figuren lasten, die so manches Klischee bestätigen.

Auf der einen Seite argumentiert dann halt der der Staatsbeamte und auf der anderen die reflektierende Kritikerin der Verhältnisse. Wie in einem psychologischen Schaukampf werden Stärken und Schwächen ausgelotet, bis die jeweilige Tarnung für den Moment auffliegt und der nächste Schachzug fällig ist. Eindrücklichste Wirkung hat das Krimiformat bei diesem Kammerspiel, weniger die Argumente, die hier so unversöhnlich kollidieren. Dieser Schaukampf unter erschwerten Bedingungen in einem fast verschlossenen Raum nimmt schließlich immer wieder überraschende Wendungen bis zum Schluss. Eine dramatische Diskussionsbombe wird dabei allerdings nicht gezündet.