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Junges Theater

Ein Schauspiel der Selbstoptimierung

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Kafkas »Bericht für eine Akademie« im Kunsthaus Göttingen
Rezension von Tina Fibiger - Erschienen am 1.November 2021

Das Rednerpult hinterlässt einen Schatten auf dem Boden, der die Form einer Barrikade angenommen hat. Doch das hölzerne Gestell ist mehr als nur ein Gerüst, an das sich Götz Lautenbach mit Franz Kafkas »Bericht für eine Akademie« zunächst hält. Schon bald wird es zum Gefängnis, das auch ohne Gitterstäbe zunächst keinen Ausbruch zu ermöglichen scheint. 

Wie es sich für einen honorigen akademischen Auftritt gehört, betritt der Schauspieler seine Bühne im Galerieraum des Kunsthaus Göttingen im dunklen Anzug und edler Krawatte, deponiert seine Aktentasche am Pult und sichtet sein Manuskript. Nur die Gesichtszüge muten extrem angespannt an und die Mundbewegungen mechanisch, wenn er sich jetzt seiner ursprünglichen Rolle verweigert und zurück in den Aufzug eilt. Es wird jetzt keinen Vortrag über ein „äffisches Vorleben“ geben, das noch einmal entwürdigend zur Schau gestellt wird. Aus dem Aufzug segeln Jackett, Hose, Krawatte und Schuhe. Eine nackte Gestalt kriecht in das Pult wie in einen Käfig, die nun ihr Gefangensein reflektiert und damit auch einen Prozess der Demaskierung und Entlarvung von Erziehungs- und Anpassungsprozessen. Sie hat Lehren gezogen aus dieser Zeit der qualvoll brutalen Enge und der Hilflosigkeit, um sich jetzt in einem aufrecht selbstbewussten Status zu sonnen. 

Kafkas Erzählung »Bericht für eine Akademie« wird oft als Prozess der Assimilation beschrieben, auch wenn es sich ebenso um einen Prozess der Domestizierung handelt, über den sein „gewesener Affe“ Auskunft gibt, wenn er sein „Eindringen die Menschenwelt“ beschreibt und welche Zumutungen er dafür in Kauf genommen hat. Die Gestalt, die sich immer wieder in das Gestell zwingt, krümmt und verrenkt, auf dem Boden kauert oder hinter dem Pultdeckel demonstriert auch eine Schule der Gewalt mit dem Lernziel, sich den möglichen Überlebensbedingungen anzupassen. Dazu gehört das geduldige Wohlverhalten unter erschwerten Bedingungen, das Nachahmen von Gesten und Ritualen und die genaue Beobachtung, ob sie Zustimmung finden oder auf Ablehnung stoßen. Natürlich stellt Götz Lautenbach mit Kafka auch die Frage nach Freiräumen, wie sie sich bei der Suche nach einem Ausweg andeuten und mit der Befreiung aus dem Käfig. Der Berichterstatter wird sich nicht in einem Zoo vorführen lassen sondern stattdessen seine als Varietékünstler seine Umgebung ironisch, spöttisch vorführen, auf dass sie sich sie für seine Performance begeistert. Dass er lernte, rücksichtslos zu sein, besitzergreifend, gierig und spekulativ.

Immer wieder fokussiert der Schauspieler einzelne Zuschauer:innen, auf dass sie sich den Fragen stellen, die in dieser tierischen Parabel lauern. Wann hast Du das letzte Mal klein beigegeben, Zumutungen widerspruchslos ertragen und unakzeptable Bedingungen zugestimmt? Ist es am Ende nicht leichter, mit dem Strom zu schwimmen als dagegen und vermeintliche Freiräume zu riskieren, die sich als trügerisch erweisen könnten? 

Die Gestalt, die nackt auf dem Pult posiert, wirkt für den Moment auch ungebändigter und befreiter als der Flaneur, der jetzt seinen Anzug viel entspannter trägt, nachdem er seine Vergangenheit endgültig abgestreift hat. Neben vielen Lesarten über Kafkas Erzählung als Schule der Gewalt, als Prozess der Assimilation oder auch der Domestizierung hat Götz Lautenbach eine weitere Lesart erkundet. Den »Bericht für eine Akademie« als Schauspiel der Selbstoptimierung.

 »Ein Bericht für eine Akademie« nach Franz Kafka hatte am 31. Oktober 2021 Premiere im Kunsthaus Göttingen. Weitere Vorstellungen mit Götz Lautenbach stehen am 3., 9., 17., 24. und 30. November auf dem Spielplan des Jungen Theaters.

Hören Sie auch die Folge vom Theaterpodcast Szenenwechsel: Tina Fibiger im Gespräch mit Götz Lautenbach