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Deutsches Theater

Folgenschwere Mauerbrüche 

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Liederabend »Alles Lüge und immer wieder wächst das Gras«
Rezension von Tina Fibiger - Erschienen am 2.November 2021

Stück für Stück zerfällt die Bühnenmauer mit der Aussicht auf eine zerklüftete Landschaft. Die Figuren laborieren weiterhin an ihren emotionalen Mauern. So ohne Weiteres lassen sich die Folgen der Wiedervereinigung dann doch nicht verkraften, denen sich der Liederabend »Alles Lüge und immer wieder wächst das Gras« am Deutschen Theater widmet. Eine gemeinsame Familiengeschichte ist scheinbar verloren gegangen und will nun erneut befragt werden, weil es dabei nicht nur um Lebensentwürfe geht, sondern auch um alte Träume, die einfach keine Ruhe geben wollen. Beflügelt werden sie mit den Songs von Rio Reiser und Gerhard Gundermann. 

Über die Geschichte der Brüder Sandro (Roman Majewski) und Thommy (Volker Muthmann) will einfach kein Gras wachsen, wie in dem Lied von Gerhard Gundermann. Auch Rio Reisers „Zauberland“ ist längst abgebrannt. Zur Beerdigung der Großmutter treffen die Beiden erstmals wieder aufeinander. Sie werden in dem Projekt, das Regisseur Niklas Ritter nach einer Idee von Roman Majewski gemeinsam mit dem Ensemble entwickelte, mit ihren Erinnerungen konfrontiert. Als die Mauer fiel, lebte Tommy noch mit Paula (Jenny Weichert) zusammen, war mit sich und der Welt im Reinen und mit seinem Job als Baggerfahrer. Sandro konnte sich ganz auf seine Oma verlassen, die ebenfalls von Jenny Weichert gespielt wird. Die hatte mit realistischer Bodenhaftung schon ganz andere politische Stürme geschultert und bestärkt ihren Enkel auch in seinem Coming-out. 

Nach den ersten euphorischen Wendejahren mit Konsumoffensive und Schuldenbergen geht es nur noch um die Frage, abstürzen oder abhauen. Sandro zieht es in den Westen, wo der mit dem smarten Zigarettenverkäufer Dennis sein Coming-out auch als Musiker genießt. Tommy ist längst versumpft, nachdem mit dem Braunkohlewerk auch sein Arbeitsplatz abgewickelt wurde und treibt damit auch Paula aus der häuslichen Tristesse in das karrieristische Westlager. Doch so richtig will kein Gras über die Treuhand wachsen, über die Lockrufe der Wettbewerbsgesellschaft oder das Diktat der Ökonomie und wie sehr sie die ersehnten demokratischen Verhältnisse im Griff hat. Die wütenden Proteste wie in Rio Reisers „macht kaputt, was euch kaputt macht“ verkümmern dabei ebenso wie Gernot Gundermanns musikalische Bilder von früher mit dem „zweitbesten Sommer“. 

Je mehr Mauerteile im Bühnenbild von Alexander Wolff wegbrechen, um so mehr vertiefen sich die Risse in dieser Familienchronik über Sehnsüchte, Leerstellen und Verluste entlang des Ost-West-Culture Clash. Welten trennen den müde verbitterten Ossi von der Glamourshow, in der sich sein Bruder im Travestie-Trio sonnt. Aber es sind vor allem die emotionalen Risse, denen dieser Liederabend nachspürt und das vor allem in den Songs, die sich nicht an politische und soziale Polaritäten halten, sondern von ersehnten und bedrängten Freiräumen erzählen und von einem Lebensgefühl, das endlich mal raus will. Wenn die Bühnenmauer endgültig gefallen ist, bestärkt die Band Blühende Landschaften unter der Leitung von Michael Frei das stimmstarke Ensemble auch visuell in all den nachdenklichen, melancholischen Zwischentönen, die in den Songs immer wieder unter die Haut gehen und die vielen Facetten dieses Lebensgefühls widerspiegeln.

Alles Lüge und immer wieder wächst das Gras« in der Inszenierung von Niklas Ritter hatte am 21. Oktober 2021 Premiere im Deutschen Theater. Weitere Vorstellungen stehen am 11., 26. und 27. November sowie am 10., 11., 22. und 31. Dezember 2021 auf dem Spielplan.