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Junges Theater

»Vom Flüstern zum Schrei« mit Körperstimmen und Körperbildern 

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Das neue Butoh-Tanztheaterprojekt von Tadashi Endo
Rezension von Tina Fibiger - Erschienen am 10.Januar 2022

Gefühle von Einsamkeit und Beklemmung, Vereinsamung und Isolation und auch Zukunftsängste spiegeln sich in dem neuen Butoh-Tanztheaterprojekt von Tadashi Endo, das in drei Aufführungen im Jungen Theater auf dem Spielplan stand.

Vieles bleibt ungesagt in den verbalen Gefechten um den pandemischen Alltag und das Zusammenleben unter erschwerten Bedingungen. Oft geht es dabei auch um vertraute Erfahrungen, die sich nicht nur aus der viralen Bedrohung ableiten lassen. Es sind Gefühle von Einsamkeit und Beklemmung, Vereinsamung und Isolation und auch Zukunftsängste, die sich in dem neuen Butoh-Tanztheaterprojekt von Tadashi Endo spiegeln. Wo die Worte und die Erklärungen mitunter versagen, sprechen die Körperstimmen und die Körperbilder auf der Bühne des Jungen Theaters in diesem bewegenden Szenario »Vom Flüstern zum Schrei«.

Die anhaltende Stille schärft die Wahrnehmung für jede noch so unscheinbare Geste. Im Bühnenhintergrund erscheint Tadashi Endo mit einer mehrfarbigen Corona-Maske. Zeit vergeht, bis sich sein Kopf zur Seite neigt, das stumme Minenspiel den Bühnenhorizont zu erfassen scheint und die Stimme Robert Oppenheimers durch die Lautsprecher dringt, die das Zeitalter der atomaren Bedrohung ankündigt. Die drei Tänzerinnen, die zuvor mit Tüchern über Boden geglitten waren, bilden jetzt einen gemeinsamen skulpturalen Körper, der sich allmählich in zuckende Glieder auflöst. Von Lasten erzählen die Bewegungen mit den gekrümmten Rücken, die es zu einer aufrechten Haltung und in einen befreienden Raum dräng. 

Natsuko Kono, Satoko Shimizu und Virginia Torrez Perez werden ihn in ein Feld mit roten Blütenblättern verwandeln, als ob sie zu den Chorstimmen buddhistischer Mönche jetzt eine Prozession zelebrieren, die eine hoffnungsvolle Vision verkündet. Mit dem nächsten Bild geht ein gewaltiger Aufruhr durch die kontemplativen Körperstimmen, die sich in wilden Zuckungen gebärden, sich dabei immer schneller drehen und sich wie in einem circulus viciosus restlos erschöpfen. Tadashi Endo kriecht über die Bühne und lässt dabei an einen dämonischen Geist denken, während die Chorgesänge mit Klaviermotiven, Flöte, Saxofon und rhythmischen Stakkati in einer expressiven Klangkulisse verschmelzen. Es ist ein stummer Schrei, der sich in den Gesichtern der drei Tänzerinnen und ihren aufgerissenen Mündern spiegelt, bis sie in einem Augenblick des Entsetzens zu Grimassen erstarren zu scheinen und die Hände eine letzte Abwehrbewegung signalisieren: Bis hierher und nicht weiter.

Tadashi Endo hat seine Choreografie »Vom Flüstern zum Schrei« mit einem Gedicht von Vivienne Reich verknüpft, das auch im Programmflyer zitiert wird. In ihrem Brief des Coronavirus an die Menschheit spricht sie von einer flüsternden Erde, die auch beim Sprechen nicht gehört wird, bis ihr nur noch ein letzter Hilfeschrei bleibt. Dennoch gibt das Gedicht keine eindeutige Lesart für den Abend vor, dem Endo auch den japanischen Titel Sasayaki gegeben hat. „Sasayaki“ bedeutet „Flüstern“ auch im Sinne seiner choreografischen Bilder, ihrer symbolischen und ihrer übertragbare Bedeutung. Was sich in ihnen an Gefühlen und Erfahrungen von Isolation und Einsamkeit, erschöpfenden Kämpfen und Ängsten spiegelt, erfahren die Zuschauer:innen in der assoziativen und reflexiven Begegnung vielleicht auch nur in wenigen Momentaufnahmen, aber das ganz unmittelbar. Das mag ein tastender Schritt sein, der sich flüsternd und dennoch ohne Worte mitteilt, dass er die existenziellen Untiefen ahnt. In der kaum wahrnehmbaren Geste schwingen auch die verborgenen Schmerzen mit und die Hand, die am Herz verweilt, möchte sich sein Pulsieren auch in den leisen Tönen weiter erspüren. 

Hören Sie auch das Gespräch von Tina Fibiger mit Tadashi Endo zu dieser Produktion im Theatermagazin »Szenenwechsel«.