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Künstlerhaus

In den Atem der Dinge hineinhören

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Ausstellung vom 14. Januar bis 20. Februar 2022
Rezension von Tina Fibiger - Erschienen am 18.Januar 2022

The breath below heißt die neue Ausstellung des Kunstvereins Göttingen. Hier haben sich die facettenreichen Arbeiten der Künstlerin Silvia Noronha und die Klang- und Installationskunst von Niko de Paula Lefort zu einem visuellen und akustischen Erlebnis der besonderen Art verwoben. Tina Fibiger lässt uns an ihre Begegnung mit einer faszinierenden Klangwelt und dem Atem der Dinge teilhaben.

In den Galerieräumen des Göttinger Künstlerhauses hat ein vielstimmiger Chor zusammengefunden. In den Arbeiten von Silvia Noronha bilden Steine, Muscheln, Glasmurmeln, kleine Felssplitter, Metalle, Sand, Erde und glitzernder Folien eine faszinierende Klanglandschaft, die auch sehr hellhörig auf ihre Umgebung reagiert. Mit jedem Schritt, den die Besucher:innen beim Erkunden der Objekte machen, hinterlassen sie Vibrationen. Sie erleben nun, wie sich mit der visuellen auch die akustische Umgebung verändert, was der Ausstellungstitel the breath below bereits andeutet, nämlich, dass unter der Oberfläche etwas hörbar atmet.

An den Bodeninseln, den Installationen und den Objekten, die den luftigen Raum beleben, haften an vielen Stellen Drahtbögen und Metallstäbe. Wie Antennen nehmen sie die Unruheherde der Umgebung auf und auch das, was durch die Elemente dieses vielstimmigen Chores nach außen dringt: das mag ein leichtes Summen oder ein feines Rauschen sein, nachdem Niko de Paula Lefort kleine Lautsprecher in Tuffstein, Granit, Holz und vielfarbig vernarbte kleine Felsbrocken verpflanzt hat. Manche von ihnen dürfen auch in die Hand genommen werden, um in sie hinein zu lauschen und sie dann vielleicht auch ein Stück weiter in eine andere Klangumgebung mit anderen Vibrationen ihrer hölzernen, steinernen Nachbarn oder einem Metallrest zu versetzen.

The breath below versteht sich als Gemeinschaftsprojekt der brasilianischen Künstlerin Silvia Noronha und dem französischen Sound-und Installationskünstler Niko de Paula Lefort, bei dem es zum einen um die Interaktion zwischen den verschiedenen Materialien geht und zum anderen darum, was unter der Oberfläche an verschiedensten Energien pulsiert. Wenn sie die Metalle hörbar machen, sprechen sie natürlich auch das Verhältnis zwischen Mensch und Natur mit allen gegenwärtigen und auch zukünftigen Störungen an, damit man in sie hinein hört und begreift, dass sie auf jede Art von Zugriff reagieren und sich dadurch auch verändern. Dennoch betont diese Ausstellung neben den ökologischen Verwerfungen, die die Interaktion zwischen Mensch und Natur prägen, vor allem den Aspekt der sinnlichen Annäherung an eine natürliche, sich ständig verändernde Umwelt in der Nahaufnahme. So fühlt sich der unscheinbare Stein mit seinen mineralischen Spuren plötzlich wie ein kleines Kunstwerk an. Die eleganten Wendungen im Muschelkalk faszinieren so berührbar wie ein Stück Rinde mit seinen Rissen, Mustern und Höhlungen, wenn sie zu einem visuellen Schauspiel der Formenvielfalt und der Materialien zusammenfinden, das Silvia Noronha mit ihnen inszeniert. Sie sei bei diesen Kompositionen oft intuitiv vorgegangen, erzählt die Künstlerin, was sich auch in der Reaktion der Ausstellungsbesucher:innen widerspiegelt. Die halten entlang der Material- und Klanginseln oft spontan inne, als ob sie erneut ins Staunen geraten wie bei einem dieser Zufallsfunde, zu denen es für gewöhnlich bei Spaziergängen kommt, wenn die Umgebung aufmerksamer wahrgenommen wird.

Auf den Stelen mit den hängenden Objekten und den Funden, die auf Glasplatten mit alltäglichen Objekten arrangiert wurden, verfolgt Silvia Noronha eine weitere Spur in der Interaktion der Materialien und wie sie auf den Zivilisationsmüll und seine Halbwertzeit mit Veränderungen reagieren. Plastikreste und Lackfarben hat sie mit den steinernen Objekten verwebt. In ihrer Leuchtkraft erinnern sie an glühendes Vulkangestein. In einer gläsernen Stele reift eine Pflanze nur noch in Weiß, während ein wachsender Kristall mit ihrem Chlorophyll jetzt auch farbig gespeist wird. Und selbst wenn das Objekt unter einem Gestell aus Lupen an ein verbranntes, lebloses Stück Holz denken lässt, deutet die filigrane Zeichnung daneben auch auf die Stimme unter der Oberfläche hin, die weiter atmen wird, nur eben anders.