Literarisches Zentrum

„Lieber woanders“

„Lieber woanders“ lautet der Titel des neuen Romans von Marion Brasch. Die gebürtige Ostberlinerin aus der bekannten Familie Brasch, über die 2018 ein Dokumentarfilm erschien, stellte im Literarischen Zentrum ihr neues Buch vor. „Es geht um Zufall und Schicksal. Es geht um Trauer und Schuld.“ – so fasst Carolin Callies die grundlegenden Inhalte zusammen. Tatsächlich behandelt der Roman nichts geringeres als grundlegende Lebensfragen.

Carolin Callies, selbst unter anderem Lyrikerin sowie Veranstalterin von Literaturfestivals, ist an diesem Abend Moderatorin. „Wie bist Du Schriftstellerin geworden?“, fragt sie. Nach ein paar Sätzen, in denen Brasch von ihrer Familie und ihren Brüdern berichtet, die schon früh den Wunsch gehabt hätten, Künstler zu werden, stellt Brasch fest: „Bei mir spielte das gar keine Rolle. Ich hatte gar kein Sendebewusstsein (…)“. Auch in ihrem neuen Roman wird deutlich: Brasch sendet keine moralischen oder vorgefertigten Botschaften; Brasch erzählt Geschichten.

In „Lieber woanders“ begegnen sich zwei fremde Menschen – über einen Zeitraum von 24 Stunden hinweg. Beide leiden unter einer Schuld, die sie als Last aus der Vergangenheit mit sich tragen und beide haben Strategien entwickelt, damit umzugehen. Toni leidet unter dem Tod ihres Bruders, für den sie glaubt, verantwortlich gewesen zu sein. Alex trägt eine Schuld mit sich, über die er nie ausgesprochen hat. Während Toni ihr Schicksal in Einzelgängertum auslebt, beginnt Alex ein Doppelleben. In beiden Fällen wird die Flucht vor dem eigenen Leben deutlich – sie wären eben genau das: „Lieber woanders“. Eine Flucht aus den Miseren des eigenen Lebens – wer kennt das nicht? Die parallelen Geschichten, die sich immer weiter aufeinander zu bewegen, werden erzählt von einer allwissenden, gottähnlichen Erzählerstimme. Sie weiß mehr als die Figuren im Geschehen. Ein Hinweis auf gesteuertes Schicksal? Oder entzieht sich das Geschehen allen Mächten; ergibt sich aus purem Zufall?

Carolin Callies stellt eine weitere grundlegende Lebensfrage heraus, die in dem Roman verhandelt wird. Es ginge auch um die Frage: „Wie wird man derjenige, der man ist?“. Die Figur des Alex‘ sei nicht der „Sympathieträger“, wie Brasch es ausdrückt. Er betrügt seine Frau, lässt seine Tochter im Krankenhaus im Stich, weil er sich lieber mit seiner Affäre vergnügt. Er erscheint unreif, weil er nicht über sein dunkles Geheimnis spricht. Trotzdem möge Brasch ihn. „Es gibt auch liebenswerte Arschlöcher!“ – eine Ansicht, der sich vermutlich viele Menschen anschließen können, denn oft ergibt sich ein neues Bild auf ein „Arschloch“, sobald dessen Geschichte bekannt wird. War es Schicksal, dass Alex dazu werden musste? Dass er seine Frau und sein Kind betrügt, weil er seine eigene dunkle Geschichte nicht aufarbeiten kann? Oder war es bloßer Zufall? Im Roman flüchtet sich Alex nicht nur in eine Affäre, sondern ist beinahe besessen von Theorien – Quantentheorien, Theorien über das Universum. Marion Brasch erklärt diese Flucht ihrer Figur: „In einem anderen Leben oder Paralleluniversum wäre das alles nicht passiert.“

Doch wie steht es denn nun um Schicksal und Zufall? „Ich glaube nicht an so `ne Fügung; bin nicht so fatalistisch unterwegs. (…) Es geht um die kleinen Zufälle, die dann Schicksal werden. (…) Es gibt viele Zufälle, für die ich sehr dankbar bin“, erläutert Brasch. Das Buch endet mit der Erzählerstimme, die Heinrich Heine zitiert: „Alles in der Welt endet durch Zufall und Ermüdung!“ Carolin Callies bringt dies mit dem direkten und erschreckend simplen Zitat des Fußballers Andreas Brehme auf den Punkt: „Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß!“

Aus den vorgelesenen Passagen wird schnell deutlich, dass „Lieber woanders“ einen filmischen Charakter aufweist. Nicht nur der lockere Umgangston in der Sprache, sondern auch die Beschreibungen einiger Szenen erinnern dezent an den Grundton mancher deutscher Filme und Serien der 1980er Jahre: frech, desillusioniert, harte Schale, weicher Kern mit zartem Berliner Einschlag im Hintergaumen. Da der Roman viele offene Fragen lässt, sei die Verfilmung zunächst noch auf Eis gelegt, erzählt Brasch, ein Drehbuch existiere allerdings bereits. Ein kleiner Anstoß: Nora Tschirner würde sicher eine fabelhafte Toni abgeben.

 

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