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Wir feiern heute unseren Preisträger nur im kleinen Kreis und unter Corona Bedingungen - umso mehr mit den allerherzlichsten Glückwünschen. Auf die möchte ich Sie gerne einstimmen.

Es ist an der Zeit, sich wieder den herrschaftlichen Verhältnissen zu widmen und wie sie waren, bevor dieser Macbeth sie in einen blutigen Alptraum verwandelte. Dem Klagegesang der Überlebenden wird sich der legitime Nachfolger auf dem schottischen Königsthron nicht anschließen. Er wurde schließlich rechtzeitig in Sicherheit gebracht, um jetzt die alte Ordnung wieder herzustellen. Doch dann blickt Daniel Mühe mit seinem „Malcolm“ wie in einen imaginären Spiegel auf das Abbild des mörderischen Macbeth. Mit Bestialitäten kennt sich der neue Herrscher inzwischen ebenso gut aus und wird sie künftig pragmatisch steuern. Die Gestalt in der Pose scheinbarer Abgeklärtheit ist nicht weniger zum Fürchten, als der zwanghaft obsessive Königsmörder, der auf die Lockrufe der Hexen vertraute. Eine Spur dieses sardonischen Vergnügens, das der Schauspieler in seiner Rolle als hexenhaft verführerisches Wesen ausstrahlte, ist jetzt auch in seinem „Malcolm“ umtriebig, als ob der das mörderische Planspiel an der Macht bereits herbeisehnt.

 „Fallen ist fürchterlich“ heißt es in einem Gedicht von Wolf Wondratschek. „Fürchterlicher aber ist der Zweifel. Ein Publikum gäbe es nicht, verlöre nicht manchmal einer sein Gleichgewicht und stürzte in den Tod“.

Es ist keineswegs die artistische Katastrophe, die Wondratschek hier im Blick hat, sondern die artistische Herausforderung, wie sie auch für Schauspieler immer wieder zum Drahtseilakt wird. Spricht die Figur das Publikum an und wie sehr lässt es sich von ihr auch in die Irre führen, wenn es um unbequeme und bisweilen schmerzhafte Wahrheiten geht? Vernimmt es auch die Stimme, die ihnen in all dem dramatischen und komödiantischen Aufruhr etwas Entscheidendes zuflüstert,… so wie Daniel Mühe in der Rolle des „Malcolm“? Auch dafür zeichnen wir ihn heute mit dem Nachwuchspreis des Fördervereins des Deutschen Theaters aus. Für diesen Drahtseilakt, bei dem er jederzeit den Absturz riskiert.

„Nur ein Sturz macht der Menschenmenge klar, dass kein Trick dabei war“, schreibt Wondratschek über ein Publikum, das sich vom Wahrheitsgehalt einer Leiche übererzeugen lässt und dennoch auf eine andere Wahrheit vertraut, die ihnen mit dem Seiltänzer begegnet ist. „Sie nehmen ihn mit in den Schlaf, bevor ihn ein Wind in die Seite traf.“

Es geht ja fast immer stürmisch zu in den Stücken, in denen Daniel Mühe mit seinen Figuren die Ereignisse mit ungeheurer Energie und Leidenschaft auch physisch antreibt und so ihre innere Zerrissenheit sichtbar spürbar werden lässt. Mit dem schwarzen Engels „Christopher“ in dem Musical „Lazarus“ verbindet sich nicht nur das Bild von dämonischen Kräften, die scheinbar von jedem Unheil und jeder Verletzlichkeit neu angetrieben werden. Schon so lange blutet in dem geflügelten Schmerzensmann eine heillose Wunde, die nie verstummen wird, so wenig wie der Wunsch, davon erlöst zu werden, der die Figur unter ihrer silbernen Rüstung wie eine dünne Haut ummantelt.

Der böse Clown und auch der Kobold sind nie so ganz fern, wenn Daniel Mühe eine Figur sondiert und ihre Nähe sucht und sich mit einem fremden Ich vertraut macht. Wie könnt der sein, und wie zeigt sich das? Welche Mittel greifen und welche nicht? Braucht die Szene eine Dosis Spektakel? Ist es an der Zeit maßlos zu übertreiben, um den hohlen Sound eines verbalen Täuschungsmanövers zum Störsignal werden zu lassen? Muss sich die Stimmung noch frecher und bizarrer zuspitzen und in absurde Räume vordringen? Wo trügt der Schein noch überall, den der Schauspieler an seinen Figuren in vielen Schattierungen nachzeichnet, um ihn dann mit ebenso viel Genuss in Frage zu stellen und zu zertrümmern?

Oft spricht in seinen Figuren der Körper die Gedanken aus, über die der Kopf noch spekuliert: Weil das eben auch bedeutet, etwas von sich preiszugeben und dafür haftbar gemacht zu werden, was den Zuschauer dann um so hellhöriger macht für die Untiefen. Der Schein darf und soll trügen. Schließlich geht es dabei auch um das ewige Verstellungsspiel, mit dem sich die unbequeme Erkenntnis wegblenden lässt oder um der Realität jetzt einfach mal eine Nase zu zeigen und dann erst recht die Momente von Leichtsinn zu feiern.

Das alles passiert auf dem Seil, und ohne Netz und wirkt bei Daniel Mühe oft so ganz unmittelbar spontan.

Aus dem Moment heraus steht die Bühnenwelt Kopf mit ihr auch mal der Schauspieler, der immer wieder abenteuerliche Sprünge riskiert und auch sonst den Bühnenraum gern unter Hochspannung setzt. Natürlich gleicht keine Vorstellung der voran gegangenen, weil die Tagesform der Schauspieler dabei ebenso eine Rolle spielt wie die des Publikums und wie sich beide Seiten gemeinschaftlich beflügeln. Und schließlich wird ja auch nicht nur bei den Proben improvisiert…

In Shakespeares Komödie „Was ihr wollt“ wird ganz schnell klar, das sich Daniel Mühe und Gabriel von Berlepsch trotz aller Absprachen und Reaktionsmodalitäten kein abgekartetes Spiel liefern, wenn sie die höfische Gesellschaft so herrlich unmanierlich aufmischen, keine Peinlichkeit auslassen und auch keine Zumutung und auch einander dabei ständig überraschen.

Es werden auch noch Wetten angenommen, ob es sich bei Sir Andreas Bleichenwang um einen trinkfreudig geselligen Zeitgenossen mit schwächelnder Libido handelt oder ob hier Jemand für sein stattlich aufgerüstetes Ego einfach jede Gelegenheit vereinnahmen muss und seine Angst vor dem Allein sein trotzdem nicht los wird. Auf der Bühne lässt Daniel Mühe beide Stimmen in der Brust dieses strapaziösen Poltergeistes nach Herzenslust poltern, randalieren und Spaß haben. Benimmregeln sind was für klein karierte Schnarcher. Normierungen, was Stand, Geschlecht und andere Ranking Attribute angeht ebenso. Sie steigern nur die Lust zum Widerspruch und gern auch möglichst effektvoll.

Das Textseil hält Einiges aus, nur kein Maßband, mit dem jeder Schritt

bis auf den Millimeter genau markiert wird, damit nur ja niemand

daneben tritt. Zum Glück versteht sich unser Preisträger auf die Kunst

des Loslassens, wenn er uns mit seinen Figuren so leidenschaftlich

enthusiastisch bestürmt und herausfordert, in ihnen auch das

Befremdende anzunehmen und was alles ihren Lebenshunger antreibt

und ihr Scheitern . Ist es die Wut oder der Größenwahn, sind es Gier

und Lust, fantastische Visionen, Alpträume, Ängste oder Hoffnungen,

die einfach nicht verstummen wollen…

Die Person des Schauspielers von der jeweiligen Rolle zu trennen, funktioniert leider nur selten, weil im Grunde der eine den anderen zum Leben verhilft. In manchen Momenten auf der Bühne ist dann halt noch der Schüler mit im Spiel, der seine Klappe nicht halten mochte, in der Rolle des jugendlichen Ruhestörers gern dazwischenfunkte und sich später ohne wenn und aber für eine Bühnenlaufbahn begeisterte. Vielleicht funkt der Youngster sogar noch ein bisschen dazwischen, wenn Sir Andrew wieder sein großlaut kleines Maul aufreißt und das Publikum über einen seiner unterirdisch durch geknallten Kalauer vergnüglich juchzt.

Und vielleicht war ja wirklich das berühmte Quäntchen Glück im Spiel, das Daniel Mühe mit seiner Aufnahmeprüfung an der Berliner Schauspielschule Ernst-Busch verbindet. Dass er so ganz ohne die klassische Bewerbungsodyssee durch die gesamte Theaterrepublik beim ersten Versuch angenommen wurde. Aber offenbar hat sich die Jury von seinem Ferdinand in Schillers „Kabale und Liebe“ genauso einfangen lassen wie dann die Zuschauer in Göttingen, die sich von dem schwarzen Engel berührt fühlten und den Shakespeare Komödianten feierten. Manche hatten auch das Glück, Daniel Mühe jetzt in der Tiefgarage zu erleben. Mit Moritz Holl, diesem rebellischen Verweigerer, der nicht alles mit sich machen lässt und noch aus dem letzten Rest von Freiraum kämpferische Energien schöpft, damit Gedankenmauern sprengt und verhärtete Gefühlsbastionen.

„Gewalt und Leidenschaft“ wäre die erste Produktion für Daniel Mühe auf der DT-2 Bühne gewesen. Auch der Ort für die filigranen Momente in der Geborgenheit einer Kammerspielatmosphäre, die er während seines Studiums ebenso gern erforscht hat. Vorerst sabotiert Corona seinen Wunsch, sich ohne die effektvollen Tableaus, die viele seine Rollen im großen Haus grundieren, einfach in die Gedankenwelt einer Figur zu vertiefen, um mit ihr die leisen Töne zu formen und berührbar zu machen bis sie atmen.

„Gewalt und Leidenschaft“ wurde auf die kommende Spielzeit verschoben und hat dann ebenfalls im großen Haus Premiere. Daniel Mühe hält also einfach weiterhin Ausschau nach kleinen dramatischen Skizzen und Schätzen, die dann vielleicht auch für die DT-X-Bühne im Bistro-Keller in Frage kommen. Und natürlich ist er auch weiterhin musikalisch umtriebig und das nicht nur im Duo mit Gabriel von Berlepsch, sobald die „Golden Boys“ die Partyszene wieder mit dem Rock und Pop Sound der 80er Jahre rocken dürfen. Es gibt Pläne für ein Album mit Rapsongs und viel Stoff, den der Singer-Songwriter Daniel Mühe ganz entspannt reifen lässt. Zukunftsmusik für irgendwann demnächst oder auch später.

Jetzt sind erst mal ganz viele allerherzlichste Glückwünsche für den Nachwuchspreisträger fällig. Vielleicht stellen wir uns dazu jetzt einfach den enthusiastischen Beifall nach einer ausverkauften „Lazarus“ Vorstellung vor oder den nach dem komödiantischen Aufruhr mit Shakespeare. Natürlich auch mit vielen Umarmungen und der Aussicht auf weitere Theaterabenteuer mit Daniel Mühe und dem Ensemble des Deutschen Theaters.

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