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»Studer ermittelt« | © Manga von Keanu Demuth
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Stille Hunde

Phänomenales Kopfkino

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»Studer ermittelt« - Live-Kriminalhörspiel in 3D Audio im Apex
von Keanu Demuth, erschienen am 08. Juni 2023

Die Ermittlungen liefen am Abend des 6. Juni im APEX: Das stille hunde-Team präsentierte im Rahmen der diesjährigen HUNDSTAGE-Serie erstmals das 3D-Live-Kriminalhörspiel »Studer ermittelt«. Das Live-Hörspiel basiert auf den berühmten Roman »Matto regiert« von Friedrich Glauser aus dem Jahr 1936. Das Publikum verfolgte Studers Ermittlungen mit Kopfhörern in 3D Audio. Bei Friedrich Glausers »Matto regiert« handelt es sich um einen atmosphärisch dichten, sozialkritischen und autobiografisch inspirierten Kriminalroman. Diese Atmosphäre wurde hervorragend vermittelt durch die überzeugende Performance der beiden Darsteller Stefan Dehler und Christoph Huber. Auch die eindrucksvolle Audiotechnik von Stephan Schmidt trug sehr viel zur Atmosphäre bei. Der mürrische, aber besonnene Wachtmeister Jakob Studer soll herausfinden, wer den Direktor einer psychiatrischen Anstalt in der Schweiz ermordet hat und weshalb ein Patient namens Pieterlen geflohen ist. In seiner Reise durch „Mattos Reich“, das Reich des Wahnsinns, erspürt er die Widersprüche in Aussagen und Verhalten von Patienten und Personal.

Die stille-Hunde Darsteller führten das Stück live auf der Bühne hinter einer Milchglaswand auf. Eine brillante Idee, da die Zuschauer:innen noch schattenartig die Aktionen der Darsteller sehen konnten. Der Fokus lag aber klar auf das Hören: Wenn man als Zuhörer:in die Augen geschlossen hat, tauchte man wahrhaftig in die Ermittlungen des Schweizer Wachtmeisters Jakob Studer ein. Einfach phänomenales Kopfkino. Als Studer-Darsteller Christoph Huber den Psychiater Dr. Laduner, gespielt von Stefan Dehler, befragte, fühlte es sich wirklich so an, als ob man ganz nah zwischen den beiden Akteuren gesessen hätte. Dies lag an der beeindruckenden und mitreißenden Tontechnik von Stephan Schmidt, Inhaber von friends of green sonic. Hinter der Milchglaswand positionierte Schmidt einen Kunstkopf mit Mikrofonen in beiden Ohren. Die stille Hunde-Darsteller Huber und Dehler spielten dann um diesen künstlichen Kopf. Beim Aufsetzen der Kopfhörer bekam der Zuhörer folglich das Gefühl, als würde er direkt zwischen den zwei Schauspielern den Platz des Kunstkopfes einnehmen. So wurde ein besonders immersives Erlebnis erzeugt, bei welchem man sich wirklich wie am Platz des Geschehens fühlte.

„Die Choreografie ist besonders wichtig,“ erklärt Stephan Schmidt. „Wir wollen für die Zuhörerinnen und Zuhörer den optimalen akustischen Eindruck erzeugen. Das heißt, die beiden Akteure stehen nicht einfach nur fest da und reden miteinander, das wäre zu langweilig. Es gibt keine festen Positionen der Darsteller und sie bewegen sich wie beim normalen Schauspielen. Wenn Ermittler Studer beispielsweise Dr. Laduner eine unangenehme Frage stellt, geht dieser auf Distanz und bewegt sich weg vom linken Ohrmikrofon des Kunstkopfes. Auf die Aktion, Bewegung und Positionierung vor dem Kunstkopf kommt es an.“ Der akustische Eindruck und das Schauspiel hatten es wirklich in sich: Es fühlte sich oftmals tatsächlich so an, als ob Studer hinter einem steht und spricht. So mancher Zuhörer schaute mal kurz hinter seine Schulter, um zu sehen, ob dort jemand steht. Auch Requisiten wurden sehr gut und effektvoll in das akustische Spiel mit eingebaut: Als Studer seinen Vorgesetzten anrufen will, hörte das Publikum zum Beispiel, wie er auf einem alten Telefon die Wählscheibe dreht. Auch als der Ermittler sich eine Notiz macht, ist das Gekritzel auf einem Block ganz deutlich zu hören. An dieser Stelle muss ein großes Lob an Stefan Dehler, Christoph Huber und Stephan Schmidt ausgesprochen werden für das authentische und einmalige Klangerlebnis, mit welchem sie das Publikum in ihren Bann zogen.

Christoph Huber Stefan DehlerStephan Schmidt neu900Stefan Dehler schrieb das Skript für das Hörspiel und übernahm gleichzeitig auch mehrere Rollen von verschiedenen Verdächtigen. „In mehrere Rollen zu schlüpfen war einfach toll. Es ist der Kern des Schauspielens. Man spielt herum und fragt, war das jetzt zu künstlich oder hörte sich das wirklich wie eine zweite Person an. Das ist ein spaßiger Arbeitsprozess.“ Dehler verstellte seine Stimme sehr glaubwürdig und verlieh dem Psychiater Dr. Laduner einen sehr souveränen und sachlichen Charakter wohingegen er als Insasse Caplaun verängstigt und vollkommen verrückt wirkte. „Friedrich Glauser ist ein sehr intuitiver Autor,“ erzählt Dehler dem Kulturbüro. „Er hat mehrere Ideen, die er gut findet und baut diese Ideen intuitiv in seine Handlung ein. Er konzipiert aber nicht gleich zu Beginn, wie der Anfang und das Ende oder die Auflösung des Romans aussehen soll. Deshalb gibt es am Ende des Romans ein Knäuel aus Handlungsfäden, der etwas schwer zu verstehen ist und zu kompliziert ist für ein achtzigminütiges Hörspiel. Deshalb musste ich beim Schreiben des Drehbuchs auch das Ende vereinfachen. Wir hatten zwei Gründe, warum wir uns für eine Adaption dieses Romans entschieden haben: Zunächst ist Darsteller Christoph Huber Schweizer und in der Schweiz kennt jeder den Wachmeister Studer. Was in England Sherlock Holmes ist, ist in der Schweiz Studer. Dazu ist das Setting, die Psychiatrie, von zeitgeschichtlichem Interesse und schafft Raum für ethnische Fragen.“ Mit diesen ethnischen Fragen wurde auch gut in dem Hörspiel umgegangen, da oftmals die Behandlungsmethoden der Psychiater mehr als fragwürdig erscheinen. Friedrich Glauser war selbst Patient in der Psychiatrischen Klinik Waldau und schrieb sich 1936 mit »Matto regiert« seinen Unmut über die Verhältnisse in der Psychiatrie von der Seele. Jakob Studers Ermittlung ist praktisch die Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit.

Christoph Hubers Darbietung als Studer war sehr überzeugenden und passte perfekt zu dem „hardboiled Detective.“ Sein Studer wirkte wie ein abgehalfterter mürrischer Kommissar, der aber trotz allem clever und logisch vorgeht. Dies bemerkte der Zuschauer, da sich Huber manchmal die Nase mit der Hand abwischte und sich zudem oft müde oder knurrig anhörte. Trotzdem stellte er stets unangenehme Fragen und beobachtete seine Umgebung. Seine Beobachtungsgabe wurde immer gut von einem Erzähler mit Schweizer Akzent beschrieben und kommentiert. Der Erzähler wurde ebenfalls von Christoph Huber gesprochen. Sein Schweizer Akzent, den er ausschließlich für die Erzählerstimme benutzte, sorgte für noch mehr Authentizität. So wusste der Zuschauer zu jeder Zeit, was Studer untersucht und man konnte gut in seine Gedankenwelt als Ermittler eintauchen. „Uns war wichtig die Stimmung zu transportieren. Allein, dass ich einen Trenchcoat trage, sollte der Atmosphäre beitragen, da man durch die Mikrofone oft das Knirschen des Mantels hört. Auch der Schweizer Akzent soll dafür sorgen, dass das sich Erlebnis authentisch, wie in einer Schweizer Klinik, anfühlt. In der Klinik beobachtet Studer und zieht Schlüsse nach dem Motto ‚Denken hilft.‘ Als Inspiration für mich diente Heinrich Gretler, der den Wachtmeister Studer im gleichnamigen Film von 1939 verkörperte. Mir war wichtig zu zeigen, dass Studer zwar ein knurriger älterer Mann ist, der aber auch menschlich ist, da er den flüchtigen Patienten schließlich weiterziehen lässt.“ Hubers Darstellung des alten mürrischen Ermittlers mit Herz konnte auf ganzer Linie überzeugen und wurde von der Intro- und Outro-Musik großartig unterstrichen. Die Blues-artigen Bassklänge, gefolgt von einer Gitarre und Mundharmonika, sorgten für eine lässige und coole Stimmung. Zudem erinnerte die Intro-Musik an Roy Budds Main Theme zu dem Krimiklassiker »Get Carter«. Zum Schluss sprach Huber als Ermittler Studer direkt in das Mikrofonohr des Kunstkopfes, sodass sich der Zuhörer selbst angesprochen und einbezogen fühlte. Ein einfaches aber sehr effektvolles Stilmittel, das mit dem coolen Blues-Thema einen perfekten Epilog bildete.

Mit ihrem Schauspiel und der besonderen 3D-Audio-Technik konnten die stillen Hunde für einen hervorragend lässigen Krimi-Abend im APEX sorgen. Der akustische Klang sorgte für ein enorm immersives Erlebnis, welches sich einzigartig anfühlte und dass man im herkömmlichen Theater nicht vorfindet.

»Studer ermittelt« - Live-Kriminalhörspiel in 3D Audio von der freien Theaterformation stille Hunde hatte am 06. Juni Premiere im APEX. Weitere Vorstellungen folgen am 08. bis 17. Juni.

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