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Die Ausstellung "Engel ... und mehr ..." wurde in der Torhaus Galerie eröffnet. Die Einführung von Tina Fibiger können Sie hier nachlesen:

Für jeden von Ihnen bedeuten Engel etwas. Das muss nicht gleich in die Metaphysik abgleiten oder in Glaubensfragen über Götterboten und himmlische Heerscharen. Gerade in der Vorweihnachtszeit machen sich ja Engel  auch wunderbar dekorativ als niedliche Wesen in Schokolade gegossen und als Lebkuchen verbacken, schmusig und pausbäckig verkitscht. Aber hinter dem dekorativen Aufgebot lauert eben auch noch etwas anderes, die Vorstellung von der sich auch die größten Engel Skeptiker nicht so ohne weiteres lösen können: Dass es doch eigentlich ganz schön wäre, wenn es diese mehrheitlich wohlmeinenden Geister gäbe, die einem beschützend zur Seite stehen, selbst wenn sie nie so richtig fassbar sind. Es sei denn, dass sich Künstler ans Werk machen und die vielen diffusen  Vorstellungen von Engeln und ihren symbolischen Schwergewichten. visualisieren. Wenn sie daran nicht nur ihre heimlichen Wünschen, Metaphern  und Projektionen abarbeiten sondern auch die der Betrachter.

So sind die Engel. Sie ähneln uns in vielem,
Sie lesen Zeitung, schauen Nachrichten,
Aber sie vertrauen auf die Flügel der Welt
Auf eine Art, wie es heutzutage keiner von uns tut

Ich glaube Paul Klee hätte dieser Vers von David Constantine gefallen. So wie auch er diese luftigen Hoffnungsträger erdete und sie wie störrische und gleichwohl inspirierende Weggefährten seiner Existenz betrachtet hat. Als Symbolgestalten, die in diesem existenziellen Schauspiel so ganz ohne Heiligenschein umtriebig sind. Nie so ganz perfekt, manchmal eher überfordert in dem, was ihnen so an Ansprüchen zugemutet wird aber oft auch heiter, verspielt und leichtsinnig in Anbetracht all dessen, was ihnen zwischen Himmel und Erde widerfährt. Bei Klee dürfen sie  stöhnen und schwächeln, sind auch mal gram gebeugt und geraten in Bedrängnis, um danach wieder abzuheben. Was immer sie auch gerade beflügelt, während die Dinge weiterhin ihren absurden oder kuriosen schwer fassbaren Verlauf nehmen.

In der Torhaus-Galerie kommt es traditionell am Ende eines Ausstellungsjahres zu einer inspirierenden Begegnung mit Engeln. Diesmal haben sich drei Dransfelder Künstlerinnen diesen beflügelnden Wesen gewidmet und mit einer weiteren Widmung versehen.  Die Arbeiten von Helga Reimann, Sabine Wentrup und Elke Wiegmann verstehen sich auch als Hommage an Paul Klee in seinem 75. Todesjahr. Im Dialog mit dem Werk und der Lebensgeschichte des berühmten Malers und Zeichners und den existenziellen Fragen, die seine Engelbilder ansprechen.

Die meisten Engelmotive Klees entstanden zwischen 1938 und 1940 in seinem Schweizer Exil. Sie werden vielfach als Ausdruck seiner damaligen Lebenssituation gesehen. Klee litt an einer extrem schmerzhaften Erkrankung des Bindegewebes, bei der sich die körperliche Motorik zunehmend versteifte und sich seine Hände klauenartig verkrampften. In den aktuellen Ausstellungen mit seinen schwarz-weiß Zeichnungen, die zuletzt in Hamburg und Essen zu sehen waren, heißt es dazu: „Als geflügelte Mischwesen, halb Mensch, halb Himmelsbote, repräsentieren sie eine Übergangsform zwischen irdischer und überirdischer Existenz, die dem aktuellen Bedürfnis nach Spiritualität entgegen kommt, zugleich aber auch die moderne Skepsis gegenüber Glaubensfragen reflektiert.“ Die Rede ist auch von Bitterkeit und Trauer, die in vielen seiner Werke aus dieser Zeit erkennbar werden.

Diese Sicht auf seine altklugen, vergesslichen und hässlichen Engel hat die drei Künstlerinnen natürlich ebenfalls beschäftigt. Aber sie haben sich davon nicht zu einem tragischen Abgesang verleiten lassen, um sich stattdessen den lebendigen lebensbejahenden Kräften in den Arbeiten eines kämpferischen Künstlers und Grenzgängers zu widmen.. Dem was Klee selbst über viele seiner Arbeiten sagte: Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder sondern Kunst macht sichtbar. Und in diesem Fall eben auch das das Bedürfnis nach symbolischen Helfershelfern, die man jederzeit zu Rate ziehen kann, um mit ihnen zu träumen und zu imaginieren, immer wieder neu zu zweifeln und sich ab und an mal wie über den Dingen schwebend zu fühlen.

Gleich zu beginn dieser Ausstellung begegnen ihnen Klees umtriebige Gesellen in sonnigem Licht und leuchtenden Farben. Helga Reimann schöpft aus vielen belebenden Farbstimmungen, die die äußere Hülle durchdringen und dabei auch aus früheren Arbeiten von Paul Klee.
In den Silhouetten rumort es wunderbar vielstimmig. Da werden Landschaften durchstreift, Städte und Lebensräume. Alles was Köpfe, Körper und Flügel an Bildern und Bewegtheiten bergen - zum Staunen und zum Wundern, aber auch um sich darüber zu erheitern, wie selbst diese Sinn- und Seinbeflügler ständig über alltägliche Fallen und Hürden stolpern,  schwächeln oder einfach schief liegen, in dem was sie vielleicht bewegen könnten. Dann wirken sie auch so schön belebend uneindeutig. Die fröhliche Mimik des Schellenengels, in dem die Fantasie eines Clowns lauert.

Oder dann der Ausdruck des hässlichen Engels in der malerischen Nahaufnahme von Helga Reimann,  als ob er auch ein bisschen über die Vorstellung spottet, dass Engel doch bitte eine sanfte Zuversicht ausstrahlen mögen, anstatt sich wie schräge Vögel zu gebärden. Ich musste beim Anblick dieser Engelgalerie an Kinder denken, die sich manchmal Spielgefährten vorstellen, die außer ihnen niemand sieht. Mit denen reden sie dann über das, was sie bewegt und was ihnen Kummer macht oder wenn sie sich allein fühlen. Das ist genauso wenig verrückt wie die Selbstgespräche, die auch Erwachsene gelegentlich führen. Das Schöne daran ist, dass einem der imaginäre Gesprächspartner nur dann widerspricht, wenn man es ihm erlaubt. Mit Engeln verhält es sich vermutlich nicht anders, wenn man sie in ein Gedankenspiel verwickelt, bevor man sich wieder den profanen Tatsachen widmet, die einen meistens beschäftigen Ich möchte noch einmal an die Zeilen von David Constantine anknüpfen und diese Engel, die uns in so vielem ähneln und doch mehr auf die Flügel der Welt vertrauen als wir. Dass sie mit dem schwer Fassbaren, was uns zeitlebens beschäftigt einfach abheben, immer wieder Bruchlandungen riskieren und sich erneut aufschwingen ist ja auch eine lebens- und vor allem liebenswerte Vorstellung, von der man sich beflügeln lassen kann.

Diese luftig leichte Vorstellung kommt in den Arbeiten von Sabine Wentrup  ganz besonders zum Ausdruck. Klees Engel schweben in Seidenorganza, hinterlassen ihre Spuren in Stoffbahnen und auf vielfarbigen Quadraten. Und weil sie eben in ihrer beflügelnden, so schwer fassbaren Art oft so zart und dünnhäutig anmuten, gönnt ihnen die Künstlerin manchmal auch mehrere Lagen von Stoff und polstert ihnen eine watteweiche Umgebung.

Auch wenn sie nur als luftige Schimäre sichtbar werden, so als ob sie nur den Hauch einer Idee zu verkörpern mögen, nehmen sie die Gestalt einer schützenden Hülle an, frei schwebend nicht wirklich greifbar und darin umso berührender. Auch Sabine Wentrup verknüpft ihre textilen Assoziationen mit der malerischen Farbwelt Klees. Seine Engel mögen neben dem sanften schimmernden Einfärbungen und den Pastelltönen auch gern ein freches Pink, während die Künstlern ihren Flügeln ein Eigenleben in gelben, grünen und blauen Schattierungen gönnt. Schließlich beflügelt der gelbe Engel noch immer die Auto-Motorwelt, während sein blauer Kollege den Umweltschutz symbolisch bestärkt und die grünen Engel gern in Krankenhäusern beherbergt werden.

Auch flügellahm erscheinen die Engel in  dieser Hommage an Paul Klee, Erdenschwer bedrängt und so fern von der Idee einer Leichtigkeit des Seins in einem glücklichen Sachwebezustand. Diesen wachsamen Gefährten des Künstlers, wie sie zweifelnd, tastend und nach Halt suchend auch die Erfahrung seiner Krankheit widerspiegeln, widmet sich Elke Wiegmann in ihren Skulpturen. Die Flügel drängt es nach oben, Aber noch müssen sie einen verletzlichen Körper umhüllen oder eine verkümmerte Seelenlandschaft, die des besonderen Schutzes bedarf. Es sind Stimmen des sich lösen Wollens  und des Aufbrechens, die die Künstlerin der Sprache der Steine entlockt. Mit Flügeln, die einen Körper wie eine Wand massiv umschlingen, so lange die innere Starre währt. Mit den Zeichen eines Gesichtes, das am Gewölbe seiner inwendigen Verzweiflung trägt und noch keine befreienden Kräfte aufbringt.

Wo Elke Wiegmann sich dann in beflügelnde Welt der Aus- und Aufbrüche begibt, entwickelt sich auch eine schöne Korrespondenz mit einem Motiv von Helga Reimann, die aus Klees „Fels der Engel“ die Form eines Korsetts destilliert hat. Aus der steinernen Hülle mit offenem
Hals drängen die Bruchstücke heraus, als Torso und auch als schwere Körper, die es zu einer leichten und schwebenden Silhouette mit Flügeln und vor allem mit intakten Gliedmassen drängt. Aus Sand- und Speckstein drängt die Bewegung, die den Flügel in eine sanfte Ummantelung verwandelt, der sich dem verwickelten Innenleben nicht länger sperrt. Außen- und Innenwelt finden zu einem Dialog über Zeitspuren, die die Künstlerin der steinernen Hülle als raue fleckigen Zeichen entlockt hat. Aus einem gekrümmten Körper lässt sie die Energie für den Prozess der Veränderung und Verwandlung für einen riesigen Flügel strömen, der die Form einer Muschel bekommen hat. Fast wie ein beflügelnder Echoraum,  in den sie dann bei weiteren Skulpturen hinein gelauscht hat. Für diese Engelsgestalten, die nicht nur einander zu umarmen scheinen sondern noch ein drittes Wesen.  Für die Idee von Geborgenheit, für die es manchmal eben Flügel braucht, um in dieses lebenswichtige Gebiet des Miteinanders vorzudringen.

Da sind sie wieder, die Flügel der Welt, auf die der Dichter David Constantine bei seinen Engeln vertraut. Dass sie immer irgendwie und irgendwo bei uns sind und dass ein bisschen was von ihnen auf uns abfärbt, das den Alltag beflügelt und die Fantasie. Bei den drei Künstlerinnen hat es gewirkt. Und das nicht nur im Sinne dieser wunderbar einfühlsamen und feinsinnigen Hommage an Paul Klee. Ihre Arbeiten lassen Niemanden unberührt. Ob er nun an Engel glaubt oder nicht und sich dann vielleicht auch dem lyrischen Bild von David Constantine anschließen mag.

Es ist so leicht, einen Engel zu missbrauchen.
Sie zeigen ihre Gesichter so ungeschützt wie Blinde.
Sei zuvorkommend. Sie erwarten es. Denn genau das
Ist das Geschenk der Engel, die unsereins besuchen.

Die Ausstellung ist noch bis zum 20. Dezember in der Torhaus Galerie zu sehen. Öffnungszeiten sind Freitags bis Sonntags von 15 bis 17 Uhr.

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