Am Sonntag erhielten die Schauspieler Felicitas Madl und Moritz Schulze den "DT Förderpreis" verliehe. Die Laudatio hielt Tina Fibiger. Der Text dieser Laudatio ist hier nachzulesen:

Meine Damen und Herren, liebe Freunde des Deutschen Theaters

„Die Gebelust ist wie die See in mir
Wie meine Liebe tief; Ich gebe dir
Und habe mehr, denn beide sind unendlich.“

Wie so oft bei William Shakespeare kommt man aus dem Staunen nicht mehr raus, wie er mit wenigen Worten einen ganzen Lebenshorizont entstehen lässt. Vielleicht haben Sie ihn ja bereits vernommen, bei einer Romeo und Julia Aufführung. Aber selbst jetzt, so ganz isoliert und ohne diese einsichtige Bedeutung für Shakespeares Liebespaar ist er auch für dieses Theater und sein Ensemble von besonderer Bedeutung.

„Die Gebelust ist wie die See in mir“. Darin spiegelt sich nicht nur der Wunsch, sich für eine Figur auf der Bühne stark zu machen sondern auch die Bereitschaft, daraus im Team ein gemeinsames Anliegen zu machen. Sich in aller Offenheit und auch Verletzlichkeit von Anderen in seinen Ideen bestärken lassen zu können, selbst wenn die eigene Vorstellung von einer Figur noch nicht richtig trägt. Oder wenn das Gefühl damit zu scheitern, sich gerade mal wieder vordrängelt, noch mehr auf das Zusammenspiel zu vertrauen, das auch jede gute Theaterarbeit trägt, der sich ein Publikum gern anvertraut.
Wir zeichnen heute zwei junge Schauspieler als Nachwuchspreisträger aus. Doch wie in jedem Jahr gilt unsere Anerkennung und Wertschätzung allen Ensemblemitgliedern die in Göttingen ihr erstes festes Engagement bekommen haben. Frederik Schmid, Benedikt Kauff und Anton von der Lucke. Sie gilt auch ihren Kolleginnen und Kollegen, die Ihnen in der Startphase zur Seite standen. Geben wir Ihnen einfach mal einen Sonderapplaus.

Es war nicht leicht für die Jury hier eine Entscheidung zu treffen. Uns hat diesmal die Idee beflügelt, mit dem Förderpreis die Entwicklung von zwei jungen Schauspielern zu fördern: Sie darin zu bestärken, was sie in den vergangenen zwei Jahren bei sich und in uns mit ihren Figuren auf der Bühne bewegt haben.
Auf den Satz aus Shakespeares Romeo und Julia machte mich übrigens eine junge Frau aufmerksam, die mit großer Lust mal eben eine Bühnenausstattung zertrümmert und Eltern Unheilvolles ahnen lässt.

Dass ihre Angst vor dem Teenager Stadium ihrer Kinder wohl doch nicht so ganz unbegründet ist. Das sieht so gar nicht nach Gebelust aus, eher nach ungebremster Energie, wo eine Schauspielerin riskiert, sich davon nicht nur körperlich einiges an Beulen und Blessuren zu holen. Diese Teenagerwut erfordert enorm viel Mut, egal ob sie sich nun aus Frust, Enttäuschung und Einsamkeitsängsten zusammengebraut hat, damit am Ende nicht das Bild eines jugendlichen Monsters entsteht und nur ein bisschen Bühnenhorror verbreitet. Felicitas Madl hat diese Figur in ihrer Radikalität an sich herangelassen, sie befreit und dann wieder aus sich herauslassen. Damit wir etwas verstehen und begreifen, von dem wir in Wirklichkeit gern zurück schrecken.

Sie hat in den vergangenen Jahren oft junge Frauen und Mädchen gespielt, die erst noch lernen müssen, sich in ihrer Existenz zu behaupten. Sie mochten daran fast verzweifeln, wie ihre „Jameelah in „Tigermilch“ oder weiterkämpfen wie „Marie“ in dem Jugendstück „Netboy“. Für Marie läuft in der Schule und mit Freunden fast alles problemlos. Dass der Vater gerade Umzugspläne macht und mit seiner Freundin in eine andere Stadt ziehen will, macht ihr schon zu schaffen. Aber da gibt es ja auch noch Netboy, der sie online mit seinen Sprüchen so schön provoziert, um sie dann zu erpressen. Was nun in Marie vorgeht, erzählt die Schauspielerin vor allem mit sprechenden Gesten und Blicken wie aus einem schwarzen Loch. Was da alles an Panik, Anspannung und Enttäuschung in dieser Figur tobt und aus dem Körper stumm herausschreit. Das Portrait, das Felicitas Madl hier entwirft, ist das krasse Gegenteil dieses zerstörungswütenden „Mäuschen“ in „Ephebiphobia“ Aber beide haben ihre unerschöpfliche Gebelust bekommen und all das, was dabei an Erfahrungen weiter reift.

In „Netboy“ ist bei Moritz Schulze nicht mehr viel übrig von seinem jugendlichen Charme. Mit seinem „Mio“ hätte sich jeder spontan auf ein Abenteuer eingelassen hätte. Mit diesem ziemlich bräsigen Teenager wohl kaum, der auch noch schwer verschüchtert ist und sich meist um Worte drückt. Tom Sawyer hatte ja bei seiner Becky auch keinen leichten Stand, aber dafür war er eben ziemlich schlau und gewitzt und couragiert. Selbst der schwer von dämonischen Fantasien gepeinigte Förster Wilhelm ließ sich in dem Musical „Black Ryder nicht alles bieten und auch nicht der „Pizzamann“ von Moritz Schulze.
Ziemlich tricky, was da hinter dem jugendlichen Charme noch alles lauert. Und nicht nur eine tolle Baritonstimme, die den Zuhörern kaum eine Chance lässt, nicht immer wieder dahin zu schmelzen. Auch denjenigen nicht, die vor einer sentimental journey wie vor einer angeblich süßlich klebrigen Melodie am liebsten die Flucht ergreifen würden.

Als Teenie Pärchen oder jugendliches dream team könnten Moritz Schulze und Felicitas Madl natürlich weiterhin erfolgreich punkten, wie sie dem verwickelten Innenleben ihrer Figuren all das peinigend Unaussprechliche entlocken, das sich immer wieder an den Verständigungsschwierigkeiten reibt. Doch zwischen Mio und Netboy liegt nicht nur mehr als ein Theaterjahr mit ziemlich vielen Rollen sondern auch eine Phase dramatischer Hürden und Fallen, in denen sich die Messlatte für Beide spürbar verschoben hat. Ziemlich weit nach oben.

Etwa bei Biedermann und die Brandstifter, wo Felicitas Madl ihre wenig biedere Fabrikantengattin mit äußerster Raffinesse auf einem Flakon posieren lässt. Ist das nun Kalkül oder einfach Sorgfalt im Umgang mit Konventionen, was in diesen Tableaus anklingt. Vielleicht eine innere Kälte, die dieses ewige Lächeln wie eingefroren erscheinen lässt oder ein Ausdruck politischer Naivität in einer besonders subtilen Form? An dieser Gestalt wollen keine einfachen Etikettierungen haften bleiben. Ihr Geheimnis wahrt die Schauspielerin mit ganz bewusster Sorgfalt.

Von ihr könnte auch der Begriff „Körperwortschatz“ kommen, aber nein. In dem Fall beschreibt Moritz Schulze damit sein Bühnenabenteuer als hündisches Dienstmädchen bei den Biedermanns, wo sich nichts Erlerntes einbringen ließ und nichts an schauspielerischer Erfahrung mit Worten und Gesten und ihrer Bedeutung. Alles eingehüllt in Stoff und Schnauze, Schwanz und lange Ohren. Und dann zitiert der Schauspieler so souverän aus dem Fundus seines Körperwortschatzes, als ob er dafür nur mal eben in einem Lexikon blättern musste: Für all diese wachsamen devoten Posen, die immer dann in Angriffslust und Gier umschlagen, wenn die häusliche Hierarchie schwankt oder ein Besucher Schwäche zeigt.

Es gab noch so eine stark verhüllte Gestalt, wo die Messlatte für Moritz Schulze schon nicht mehr greifbar schien. Das war „FrankieBoy“… Das Pokerface, das auf der Bühne den smarten Entertainer gab und sich bei Karrierehindernissen und Störungen ziemlich gnadenlos berechnend verhielt: Egal ob es dabei um Musiker, Verträge, Ehefrauen, Geliebte oder Freunde ging. Der Schauspieler mit der klassischer Gesangsausbildung und den Jugend musiziert Meriten musste sich jetzt mit heiklen Phrasierungen, Swing und off Beats anfreunden. Aber auch mit einer musikalischen Ikone. Vor allem aber mit den hässlichen Seiten von „The Voice“, die in den Songs nicht anklingen sollten und doch ständig präsent sein mussten. Jetzt steht dieser Zweifler kurz vor der Panik, der nach den Proben am liebsten geflüchtet wäre, allein im Spot und singt immer selbstbewusster „I got you under my skin“. Von wegen, das kann ich nicht und das wird nichts…. Nicht nur das Publikum sieht das ganz anders, das auf Restkarten hofft und auf weitere Zusatzvorstellungen für diesen „Frankie Boy“.

Zur vergangenen Spielzeit gab es zum Spielplan einen Band mit den Portraits des gesamten Ensembles und ihren gegenseitigen Widmungen. Mit einem „Bämm!“ endet die Widmung von Benjamin Krüger über Moritz Schulze, den Kollegen mit den vielfältigsten und ausgefallensten Socken und der schönen Stimme.
„Ein sensibles Energiegewitter“ schrieb Andreas Jessing für seine Kollegin Felicitas Madl. Da war noch keine Rede von ihrer Julia, die um ihr kurzes glücklich tragisches Leben weiß, kaum dass es endlich angefangen hat zu leben. Wo das Bild des verliebten Teenagers mit dem Wissen und der Weisheit einer reifen Frau so essentiell verschmilzt. Jetzt begegnet einem das sensible Energiegewitter als „schöne Fremde“ gemeinsam mit Andreas Jessing und lässt auch diese Figur wie eine Geheimniswahrerin erscheinen. Die schöne Fremde wird in einem Hotelzimmer von diesem Lutter genötigt und bedroht. Sie bekommt auch seine wahnhaften Fantasien zu spüren. Doch aller vermeintlichen Angst zum Trotz kündigt sich in ihr bereits eine gewaltige Hochspannung an, die sich der klassischen Täter-Opfer Konstellation verweigert und dafür auch später keine Begründung liefern wird. In dieser Hochspannung lauert so viel mehr als nur der Wunsch nach Rache: Was Felicitas Madl jetzt ahnen lässt. Wie sie in ihre Figur hinein hört, ganz nah bei den wilden Herztönen, wie sie bald einem unerbittlichen Takt folgen… Bis es nichts mehr zu sagen gibt, was die äußere Hülle durchdringen könnte und haftbar zu machen wäre für Erklärungen und Begründungen. So mag es aussehen im Auge des Hurrikans, in das sich die Schauspielerin hier rein begeben hat. Auch für die spätere Hölle, in der ihre Figur verweilen wird.

Im neuen Spielplan lockt jetzt Hebbels „Judith“. Auch so eine Frauenfigur die in ihrer radikalen Selbstbestimmtheit alles einfordert. Fantasie und Mut und eine leidenschaftliche Energie, die mit dem Begriff Spielfreude allein nicht zu bändigen sind. Wohl eher im Bündnis mit dieser Geberlust, die wiederum überhaupt nicht zu bändigen ist. Moritz Schulze ist zu Beginn der nächsten Spielzeit erst mal in die Familiengeschäfte von Alan Ayckbourn verwickelt, als rechtschaffener Geschäftsmann im adretten Business Outfit und auch schön blond zurecht gegelt. Er würde sich dann am liebsten in das Musical „Shockheaded Peter“ stürzen und in die Erziehungsqualen eines Struwwelpeters, wie sie musikalisch und szenisch auch ein bisschen geschreddert werden. Das passende Startup hat er sich längst erspielt. Und das nicht etwa mit bräsigen Youngsters und smarten Frankie Boys sondern als schizophrener Hase in der surrealen Märchencollage „Weil sie nicht gestorben sind“ .Wie er da zwei verkorkste Gemüter in einen gemeinsamen Crashkurs verwickelt, die einfach keinen Bock mehr auf diese grässliche Märchenwelt haben, ist nicht nur unbeschreiblich komisch und herrlich verrückt sondern einfach fantastisch. Als Schauspielvergnügen mit einem Verwandlungskünstler, bei dem man aus dem glücklichen Staunen gar nicht mehr rauskommt. Was da an schrägen, hintersinnigen und schelmischen Gesten, Gesichtern und Wortspielen zusammen kommt. Die reinste Theaterverzauberung, die allein schon preisverdächtig ist.

Ein Glück, dass Moritz Schulze nach einer Vorstellung von „Shockheaded Peter“ in Düsseldorf seine musikalischen Pläne ganz schnell beiseitelegte, weil er nun unbedingt Schauspieler werden wollte. Natürlich auch, um irgendwann mal mit diesem Musical auf der Bühne zu stehen.

Die ausgebildete Ballett- und Ausdruckstänzerin Felicitas Madl könnte jetzt als Primadonna mit „Schwanensee“ auf der Bühne stehen oder bei einer Performance Regie führen. Stattdessen drückt sie das widerspenstige Innenleben ihrer Figuren mit so viel Liebe und Leidenschaft an sich, bis es einfach ganz bei ihr ist. Irgendwann war ihr der Körper als Ausdrucksmittel zu wenig, sagt sie. Sie wollte mehr erzählen und mehrstimmiger. Auch so ein Glücksfall mit wunderbar nachhaltigen Folgen für das Theater und für die Zuschauer, die so viel von ihrer Gebelust erleben dürfen. Das gilt natürlich auch für die Jury des Fördervereins des Deutschen Theaters, die den Nachwuchsförderpreis mit ganz besonderer Freude und Wertschätzung an Felicitas Madl und Moritz Schulze vergibt.

Meine herzlichsten Glückwünsche an die Preisträger.

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