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Torhaus-Galerie

Zur Eröffnung der Ausstellung mit den Arbeiten von Stefan Müller und Ricardo Hiller

In der Göttinger Torhaus-Galerie ist die Ausstellung „fooxi – fotografie trifft oxi-art“ mit Arbeiten von Stefan Müller und Ricardo Hiller eröffnet worden. Zur Vernissage sprach Tina Fibiger die Einführung. Lesen Sie hier den Text ihrer Ansprache im Wortlaut.

In dieser Ausstellung erwartet Sie ein ganz besonderer künstlerischer Dialog. Sie dürfen sich in vielerlei Hinsicht überraschen… und inspirieren lassen. Stefan Müller und Ricardo Hiller haben sich erstmals zu einer gemeinsamen Werkschau getroffen. Viel will allerdings der Ausstellungstitel „fooxie“ nicht verraten; nur dass es eben auch um Fotografien geht. Dass sich hinter dem Kürzel „oxi-art“ skurrile Skulpturen verbergen, entstanden aus rostigen Fundstücken vom Schrottplatz, deutet zwar die Einladungskarte an. Aber damit noch lange nicht, dass heute in der Torhaus Galerie vor allem Ihre Fantasie gefragt ist…
Staunen Sie ruhig erst mal, wenn Sie meinen, eine Farblandschaft auf der Leinwand zu sehen und nun feststellen, dass es sich dabei um eine Fotografie handelt. Dass Stefan Müller anmutige Pastellstimmungen durch seine Kamera vernommen hat, dabei auch eine die Treppe, die sich malerisch an einen eleganten Bogen schmiegt und immer wieder diese Farbströme, wie sie einen lichtblauen Raum durchdringen oder die Gestalt einer skulpturalen Fantasie annehmen.

Doch während der Blick des Betrachters der historischen Bergbahn durch das Nebelpanorama scheinbar ganz leicht folgen kann wird er von diesen seltsamen Formen, die da offenbar auf eine Wasserfläche treiben, sogar ein bisschen ausgebremst. Was passiert da gerade und vor allem wo?

Die Fragen von Ausstellungsbesuchern, sei es nach dem realen Bildschauplatz oder den Objekten, die er in seinen Motiven fokussiert, sind Stefan Müller vertraut. Sie haben natürlich mit der Vorstellung zu tun, dass ein Foto die Realität so wiedergibt, wie sie sich dann in einem Ausschnitt darstellt. Da sieht ein Seeufer oder die Flusslauf mit dem ungetrübten Untergrund ganz anders aus als hier. Die Vermutung liegt nahe, dass diese surrealen Formen auf dem Weg der Bildbearbeitung am Rechner entstanden. Doch selbst damit kommt der Betrachter nicht weiter, der sich jetzt eine Aufnahme zu Recht deuten möchte, weil Müller sie wenn überhaupt nur in den Tonwerten und den helldunkel Kontrasten bearbeitet. Mehr nicht.

„Nur sehen, reicht nicht“, hat er auf seiner Website notiert. Damit verbunden ist auch die Aufforderung, in seine Fotografien hineinzusehen, sich von dem scheinbar Vertraut, Fassbaren zu lösen und eigene Bilder zu imaginieren… spielt es denn eine Rolle, ob die Aufnahme unter einer Brücke entstand oder in einer Mittelgebirgslandschaft, wenn sich jetzt hauchzarte Farbschwingungen wie die Seiten eines Buches aufblättern, die leise flüstern? Oder wenn diese Lichtflecken und Tropfen irgendwo da draußen an ein Wasserballett denken lassen und wie grazil es sich über Kanten und Verkrustungen erhebt?
Das sind jetzt natürlich meine Bildfantasien. Sie assoziieren hoffentlich ganz andere und das ist auch im Sinne des Fotografen. Was immer dann auch das rissige Mauerwerk mit dieser ruhenden Gestalt in Ihnen an Gedanken auslöst. Es kann natürlich auch erneut auch diese Frage aufrufen, was sehe ich in dieser Fotografie und was alles nicht, weil sich weitere, vertiefende Gedankenbilde erst beim Verweilen einstellen und nicht unmittelbar .Oder weil dieser blaue Farbraum mit den weißen Markierungen erst dann ins Erzählen kommt, wenn es nicht mehr darum geht, wo sich das Motiv real befand und dort den Fotografen angesprochen hat…

Selbst in diesem martialischen Konstrukt, das sich dem Betrachter scheinbar so schön stabil und eindeutig entgegenstellt ist noch eine Menge in Bewegung, das sich nicht auf den ersten Blick mitteilt. Vielleicht mündet es später auch für Sie in einen dieser magischen Augenblicke, in die Müller uns mit seinen Arbeiten blicken lässt…dieses Gefühl, von etwas angesprochen, bewegt oder fasziniert zu werden, ohne gleich nach einer Erklärung oder Bedeutung zu suchen…. einfach den Moment in der beschleunigten alltäglichen Bilderflut auf sich wirken zu lassen, mit dem jetzt etwas Besonderes passiert.
Dieser „Gollum“, wie er sich Ihrem Blick so aufmüpfig entgegenstellt, scheint sich auch ein bisschen lustig zu machen über die Fantasieräume in dieser fotografisch malerischen Umgebung während „Fu der Drache“ sein Maul ziemlich bedrohlich aufreißt. Möge nur niemand glauben, dass es sich bei der Fotografie hinter seinem Rücken um einen prachtvollen Drachenflügel handelt, den ihm Ricardo Hiller verweigert hat. Dafür kann er mit breiten rostigen Schaufeln auftrumpfen und muss nicht so hoheitsvoll posieren wie „der Zauberer“ mit seinem Kegelkopf. Gleichwohl befindet er sich in bester Gesellschaft. Auch mit dieser „Miss Piggy“, die von Hiller einen wunderbaren Schmollmund bekommen hat und mit dem in sich ruhenden „Sitting Bull“, dem in Sachen Stolz und Erhabenheit wohl niemand etwas vormacht. Ihren ganz eigenen Reim machen sich vermutlich auch die beiden Metallobjekte auf der Fensterbank, die der Künstler zu einem „Frog –Dialog“ angestiftet hat: Egal ob sie nun heimlich quäken oder einfach ein bisschen feinsinnigen Spott betreiben. Auch hier ist eine Menge Fantasie im Spiel, auf Seiten des Künstlers und wie er damit den Betrachter vergnüglich stimmt.

So schön verrückt und kreativ belebend kann Schrott sein… all das metallene Gerümpel, das keinen Zweck mehr erfüllen muss: Weder der morsche Korkenzieher, noch rostige Spitzhacke oder der gusseiserne Hobel, wenn Ricardo Hiller mit ihnen die wunderbare Kunst der Verwandlung betreibt. Schon nimmt die alte Zange die Gestalt eines Reptils an. Das Nagelmagazin sorgt für damenhafte Ausstattung und das Schusterwerkzeug thront jetzt ganz erhaben, weil Hiller dabei die Pose des legendären Indianerhäuptlings in den Sinn kam. Es sind die Werkzeugteile selbst und mit ihnen die rostigen Klammern, die Drähte, der Metallfuß und das Sägeblatt die ihm sagen, dass sich darin auch ein kleiner Saurier verbirgt oder die freundliche Begrüßung „Hello my friend“. Da kann ihm ein Gewinde spontan ins Auge springen, das feine Ornament auf einem alten Metallknauf oder ein schlichter Hebel und schon meldet sich wieder eine dieser skurrilen Gestalten zu Wort, die jetzt als freche Göre „Ragazza“ posieren, als eine der drei Schwestern mit dem Gestänge eines Lampenschirms veredelt werden und als „Lolita“ mit einem profanen Rechen.

Dem Surfer kann es schließlich egal sein, dass sein Brett nur ein ausgemusterter Hobel ist, wenn er jetzt sein Windsegel setzt, weil er die Fantasie des Betrachters beflügelt. Möglicherweise ist ja der wachsame Blick von „Tante Tusnelda“ mit Vorsicht zu genießen. Aber vielleicht guckt sie ja bloß ein bisschen kurzsichtig durch zwei kleine Schrauben und betrachtet ihre matt polierten Hebel als offene Arme. Staunen lässt sich in Gesellschaft dieser metallenen Fantasiegestalten …auch über das Material selbst und wie vielstimmig es mit all seinen Gebrauchsspuren anmutet, den Dellen, den Rissen und den Rostspuren, von denen sich der Künstler bei der Gestaltung seiner Figuren inspirieren lässt.

So materialanhängig und funktionsgebunden sind dann doch nicht, wenn sie hier eine kreative Verwandlung erfahren. Kaum jemand würde über den fein geschmiedeten Griff einer Zange streichen aber hier entfaltet er seine kunstvolle Wirkung, wenn er den kleinen Saurier so fein veredelt und ihn mindestens so grazil erscheinen lässt wie die drei Schwestern mit ihrem eigenwilligen rostigen Kopfputz. So verweilen sie nun auf ihren Podesten und ermuntern den Betrachter, die ausgemusterte Dingwelt auch als schöpferische Quelle wieder zu entdecken. Vielleicht so wie die Steine, die nach einem Strandspaziergang das Urlaubsgepäck erschweren, weil sich auf ihnen ein Muster abzeichnet, eine Farbspur oder eine ganz besonders faszinierende Verwerfung und als kleine Schätze bewahrt werden. Es muss ja nicht gleich eine alte Hacke sein, oder die rostige Schaufel eines Pfluges. Darauf hat schließlich Ricardo Hiller ein Auge, auch mit einem vergnüglichen Augenzwinkern, wie wunderbar dann dieses rostige Relikt seinen großmauligen Drachen bestärkt.

Seine „Justitia“ verweilt am Rande dieses illustren Schauspiels, wo sich weder die Dinge die Waage halten müssen noch ihre Bedeutung, weil sich der Blickwinkel nirgendwo auf eine Ansicht oder Einsicht festlegt sondern immer wieder neu belebt und inspiriert wird. Lassen Sie sich überraschen, was Ihnen beim Flanieren durch diese Ausstellung noch alles begegnet, Unerwartetes, manchmal Rätselhaftes, Fantastisches, das Sie vielleicht erst bei einem zweiten oder dritten Blick anspricht. Sie werden staunen.

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