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Deutsches Theater

Der 20. Juni naht, der Puls schlägt höher: Obwohl das Deutsche Theater schon zum fünften Mal Schauplatz des Festivals „Am Puls“ ist, nimmt die Aufregung nicht ab. Von Donnerstag, den 20. Juni bis Ende des Monats führt jeden Tag mindestens ein Spielclub des Deutschen Theaters ein Stück auf. Auch „Future Ahead“, ein Tanztheaterstück des Boat People Projekt, ist unter den Darbietungen. Auftakt bildet das Stück „Märtyrer“, bevor der erste Spielclub am Sonntag, den 23. Juni in Szene tritt.

Wer in den letzten Jahren bereits Gast der Darbietungen war, weiß bereits, was einen erwartet: „Am Puls“ ist nicht nur ein Festival, sondern auch eine Uraufführung, ein Experimentierfeld, ein Ort, wo Literatur, Kunst, Theater, Tanz und Musik aufeinandertreffen und miteinander wachsen. Doch es stagniert nicht. Vielfalt und Engagement, Kreativität und Facettenreichtum scheinen konstant zuzunehmen – mitten im Leben, nah an der Aktualität, an Erfahrungen, an dem, was unsere Gesellschaft bewegt und ausmacht.

Der Name „Am Puls“ ist geblieben, und das zurecht: Es ist nicht nur eine Arbeit mit Wagnissen und Überraschungen, bei der der Puls mal schneller, mal langsamer schlägt. Man ist auch am Puls der Zeit, erlebt den Querschnitt der Gesellschaft, das breite Spektrum an Themen des Lebens, in allen Altersklassen, von Divergenzen bis zu Überschneidungen. „Puls als Zeichen des Lebens, er kommt kurz zum Stillstand, dann rast er nochmal doppelt hoch“ – so Gabriele Michel-Frei, Leiterin des Festivals.

Im Alter von sechs Jahren bewegen sich die Jüngsten, die Ältesten sind gerade 80 geworden – breiter könnte das Altersspektrum kaum sein. Aus dieser Konstellation ergeben sich sechs Clubs, die sich den unterschiedlichsten Themen widmen und die Zuschauer*innen an zehn Tagen in ihre Welten entführen werden. „Willkommen in der etwas anderen Märchenwelt“ heißt es im Club der 10-12-Jährigen. Unter dem Motto „Keine Märchen!“ wälzen sie altbekannte Märchen wie „Froschkönig“ oder „Rumpelstilzchen“ um und stellen Rollen und Prozedere infrage, öffnen neue Perspektiven. Ein Märchen-ABC, eine Spindel als gefährliches Tier, kuriose Fragen wie jene, wie man eine Prinzessin entführt oder wen der böse Wolf denn wirklich gerne fressen würde – ein Quell der Kreativität.

Neben der Besetzung sind auch die Stücke, die die Spielclubs präsentieren, etwas Besonderes. Denn jeder bekommt eine Rolle, die auf ihn zugeschnitten ist, die unter seiner Mitwirkung entstanden ist. Es gibt keine Vorgaben, nur Ideen. Die Schauspieler*innen berichten über ihre eigenen Erfahrungen, über Dinge, die sie bewegen, über das Klima, das sie umgibt. Aus den einzelnen Erzählungen wächst dann das Stück. Es ist ein Wachsen miteinander, aneinander und nicht zuletzt auch an sich selbst.

Ein ganz besonderes Projekt entstand im Spielclub der 13-15-Jährigen durch Zusammenarbeit von Theater und Schule. Auf Initiative Friederike von Criegerns wurde unter dem Motto „Mach mir ‘ne Szene! Wir übersetzen Theater“ ein Übersetzungsprojekt ins Leben gerufen, bei dem Schülerinnen und Schüler verschiedener Schulen Göttingens unter Anleitung der freiberuflichen Übersetzerin Ausschnitte aus dem chilenischen Stück „Liceo de niñas“ von Nona Fernández (2016) übersetzten. Damit gelang den engagierten, talentierten Oberstufenschüler*innen nicht nur eine Erstübersetzung des aktuellen dramatischen Textes in die deutsche Sprache, sondern auch die Basis für die Darbietung „Zeit ist relativ“ der ambitionierten jungen Schaupieler*innen.

Im Kontext von echt absolut entstanden, verfolgt das Projekt das Ziel, literarisches Übersetzen als Teil der kulturellen Bildung zu etablieren. Von Criegerns Devise: Neue Wege ebnen, hin zu darstellendem Spiel und literarischem Übersetzen, hin zu kreativem Zugang, der den Text als Literatur wahrnimmt: „Literaturübersetzen ist Lesen in der Fremdsprache und Schreiben in der Muttersprache“. Geprobt wurde unter der Leitung von Hannah Spielvogel, Johanna Schwung und Christoph Türkay mit gegenseitigem Feedback aus der Praxis: In kleinen Teams arbeiteten die jungen Schauspieler*innen und Übersetzer*innen gemeinsam an den Figuren und der sprachlichen Gestaltung. Im Hinblick auf das Wagnis der jungen Talente, das kontinuierliche „Bauen“ und „Formen“ des Projekts könnte ihr Motto kaum treffender sein: „Dieses Werk sollte mit der Unschuld und Überzeugung von jemandem aufgeführt werden, der eine Reise zu den Sternen wagt“ (Nona Fernández).

Dass die Spielclubs Spiegel der Gesellschaft sind, zeigt sich nicht zuletzt auch in den Darbietungen der 13-17 und 16-19-Jährigen („Die anderen haben gesagt,…“, „Anders gelernt“). Macht, Rollengefüge, Realitäten, Zukunftsgedanken, Erwartungshaltungen – Schlagwörter, die neugierig machen. Im Zentrum stehen Fragen wie Was heißt Demokratie? Welche Erwartungen habe ich? Wie sehr lasse ich mich von äußeren Erwartungen bestimmen? Was sind meine Ziele? Das Engagement der jungen Leute ist groß, politisches Interesse erlebt einen Aufschwung, zahlreiche unter ihnen sind bei Fridays for future aktiv. „Theater ist Form, die das aufgreift. Du kannst Dich mit Dir beschäftigen, beschreiben wie es Dir geht, aber dann schlüpfst Du in eine Rolle und kannst es aus einer anderen Perspektive präsentieren“ – der Enthusiasmus Michel-Freis ist förmlich spürbar. Macht wird auch in dem von Lisa van Buren und ihr geleiteten Club der 18-80-Jährigen thematisiert, der nach Motiven von „Die Vögel“ von Aristophanes arbeitet und Freiheit, Demokratie, Werte und Wünsche unserer Gesellschaft beleuchtet.

Doch es sind nicht nur die Leistungen der Schauspieler*innen, die begeistern, es sind auch viele Entwicklungen zu beobachten: Viele derer, die in den letzten Jahren schon als Jüngere mitwirkten, stehen nun mit einer der anderen Gruppen auf der Bühne oder haben gar selbst die Leitung eines Clubs übernommen. Kreativität und Engagement scheinen keine Grenzen zu kennen: Die Lust, gemeinsam etwas zu entwickeln wird begleitet von der eigenen Entwicklung von Stücktexten, orientiert an den jeweiligen Wünschen. So wie im Falle von „Von Tag- und Nachtgespenstern“, das in Anlehnung an „Das kleine Nachtgespenst“, den Vorstellungen der 6-9-Jährigen angepasst wurde.

Glück und Anspannung gehen Hand in Hand. Zuschauer*innen dürfen sich auf ein vielseitiges, buntes Programm freuen, dessen Teil sie auch selbst sein können.

DT – Am Puls, vom 20.-30. Juni 2019 im DT – 2:

Von Tag- und Nachtgespenstern | Keine Märchen! |Zeit ist relativ | Die anderen haben gesagt, …| Anders gelernt | Gib (M)Acht! | Freak Out

Vorstellungstermine sind wie folgt:

»Future Ahead«                                   Sa, 22.6. | 19.00 Uhr | Werkraum, Stresemannstr. 24c und

                                                           So, 23.6. | 16.00 Uhr | Werkraum, Stresemannstr. 24c

»Anders gelernt«                                  So, 23.6. | 20.00 Uhr | DT – 2 und

                                                           Mo, 24.6. | 20.00 Uhr | DT – 2

»Von Tag- und Nachtgespenstern«        Mo, 24.6. | 17.00 Uhr | DT – 2 

»Keine Märchen!«                                Di, 25.6. | 17.00 Uhr | DT – 2 und

                                                           Do, 27.6. | 17.00 Uhr | DT – 2

»Liceo de niñas«                                   Mi, 26.6. | 18.00 Uhr | DT – 2 und

                                                           Sa, 29.6. | 18.00 Uhr

»Gib (M)Acht!«                                    Do, 27.6. | 20.00 Uhr | DT – 2 und

                                                           Sa, 29.6. | 22.30 Uhr

»Die anderen haben gesagt …«            Fr, 28.6. | 18.00 Uhr | DT – 2 und

                                                           So, 30.6. | 15.00 Uhr

»Freak Out«                                         Fr, 28.6. | 20.15 Uhr | Werkraum, Stresemannstr. 24c

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