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Förderverein Deutsches Theater

Am Sonntag erhielt die Schauspielerin Gaia Vogel den Förderpreis des DT-Fördervereins. Die Laudatio hielt Tina Fibiger. Lesen Sie hier den Text der Laudatio im Wortlaut.

Die alte Freundschaft zwischen Anna und Elisabeth könnte wieder Auftrieb bekommen. Ganz unmittelbar an der Küchenbar, nachdem die Verbindung so lange unterbrochen schien… mit den lebhaft ausgestalteten Bildern von einem gelungenen Lebensentwurf unter erschwerten Bedingungen, dieser produktiven Beziehung und den Auszeiten, die sich nicht an berufliche Verpflichtungen halten müssen. So selbstbewusst, wie diese Anna ihre Chronik der Ereignisse genießt, führt sie nicht nur Elisabeth bei diesem „Gespräch wegen der Kürbisse“ im DT-Keller in die Irre sondern auch das Publikum. Besonders mit dem, was da an Neid und Eifersucht umtriebig ist, an Wut und an zerstörerischer Lust… in subtilen Tarnfarben und Täuschungsmanövern.

So etwas käme Biologielehrerin Erika Roth nicht in den Sinn, die sich dazu noch als Vertrauenslehrerin engagiert. Wie sie in der Szenenfolge „Märtyrer“ den Provokationen von Benjamin begegnet, der auch ihren Unterricht mit finsteren Bibelzitaten aufmischt und keine Scheu hat vor ganz persönlichen Kränkungen und Verletzungen. Sie vernimmt bei ihm einen Hilferuf, und wie es sich für ein liberales Verständnis von Erziehung gehört, mit aller Offenheit, Empathie und Diskursbereitschaft. So trotzt sie vorerst allen Belehrungen und Anfeindungen.

Aber da ist noch eine weitere Facette, die Gaia Vogel an ihrer Figur enttarnt, die ja so überzeugend couragiert argumentiert. Wenn jetzt ihr Anspruch auf Wahrheit, belegt durch wissenschaftliche Fakten und Erkenntnis in Frage gestellt wird, braut sich eine gewaltige Melange aus Rechthaberei und Autoritätsanmaßung zusammen. Die duldet keinen Widerspruch mehr. Die will sich entladen … radikal und mit ungeheurer Energie.

Im DT-Portfolio mit den Biografien des Ensembles findet sich ein kleines PS, das Gregor Schleuning seiner Schauspielkollegin mit den besten Empfehlungen von Karl Valentin widmete. „Da nehmen Sie eben ein Beruhigungsmittel. Am besten vielleicht Isoprophylprophemilbarbituratsauresphenyldimethyl dimenthyl aminopyrazolon.“

Jetzt erst mal tief durchatmen…aber besser lässt sich das Kraftfeld, dem wir in Gaia Vogel begegnen, kaum beschreiben. Selbst wenn es wie eine kryptische Rezeptur klingt. Was da an Energien in Bewegung ist und bewegt und sich dann an ihre Figuren haftet, damit die Stellung beziehen und dabei verschiedene Blickwinkel behaupten, weil es für die Schauspielerin immer mehrere Lesarten geben wird. Da ist auch mit Beruhigungsmitteln nichts zu bändigen. Weder die scheinbar offensichtlichen Lesarten noch die, bei denen Gaia Vogel in der Annäherung nachhakt, nachfragt und insistiert, die Befunde wieder zertrümmert und sie dann neu zusammensetzt. In Bewegung bleiben ihre Figuren gleichwohl, vor allem gedanklich.

Sind sie wirklich so stark und so souverän wie diese Sidonie von Grasenabb in den „Bitteren Tränen der Petra von Kant“, die sich auf Charmeoffensiven versteht und jeden Showroom für sich kultiviert? Natürlich werden die Risse in der Edelfassade sichtbar und erfahrbar. Aber warum sollte sich Gaia Vogel mit der Gestaltung einer upper class Veteranin zufrieden geben, die ja Anspruch auf eine Anamnese ihrer Identität als scheinbar selbstbewusste Frau hat… welches Maß an Anpassungsbereitschaft da wohl notwendig war, sich in den saturierten Verhältnissen noch mit einem Rest von Eigensinn zu behaupten und gelegentlich mit selbstironischem Balsam zu versorgen…

Zwischen der Schauspielerin und ihrer Figur klafft nicht nur eine gewaltige Generationenlücke. Es gab auch keine Berührungspunkte, die Gaja Vogel in der Lebens- und Erfahrungswelt dieser Sidonie vertraut waren. Das blieb uns Zuschauern natürlich verborgen. Das gilt ebenso für das Verständnis der Freundschaft mit dieser Petra von Kant, bei der sich die Schauspielerin für ihre Figur mit der Vorgeschichte einer Mädchenfreundschaft bestärkte, um das Portrait ihrer Sidonie zu gestalten, wie es sich dann auf der Bühne so überzeugend und so souverän behauptet hat.

In der Begegnung mit Stücktexten und Rollen vertraut Gaia Vogel vor allem auf Gedankenpartituren. Was die Zuschauer neugierig machen soll und anteilnehmend, muss auch sie nachdenklich stimmen und reflektierend berühren. Man könnte auch von einer Gedankenchoreographie sprechen, die sie für ihre Figuren konstruiert, um so aus einer Kraftquelle zu schöpfen, die keine Ruhe geben mag. Damit hat sie auch ihre Cornelia bestärkt und in Erich Kästners „Fabian“ eine junge Frau mit Selbstvertrauen für die Verhältnisse gerüstet, die sie sich später zumuten wird. Fast unmittelbar verliert sich die Spur eines verschüchterten Großstadtneulings, der um seinen Unterhalt kämpft und gegen die Isolation in der befremdenden Umgebung. Einer, der sich verliebt und das emotionale Refugium wieder verlässt… weil die Zeit nach einer selbst bestimmten Erdung verlangt - um zu überleben.

Was ihre Begeisterung für komplexe Texte betrifft und eine Sprache, die erst mal durchdrungen werden will, so anspruchsvoll fordernd sie auch sein mag, bis es zu einer zu einer sinnlichen und sinnhaltigen Verständigung kommt, liegt die Begeisterung für die Textflächen von Elfriede Jelinek nahe. In den „Prinzessinnendramen“ kann Gaia Vogel an der Seite von Dorothée Neff einen wunderbar gewaltigen gedanklichen Aufruhr entfachen und leidenschaftliche Energien mobilisieren. Die Zuschauer spüren dabei auch, dass sich nicht jeder Satz in diesem Duell ihrer Dornröschenfigur und diesem selbstherrlichen Prinzen entschlüsseln lässt. Dass es dabei aber ganz entscheidend darum geht, sich für dieses Gedankenlabyrinth um feministische Positionen zu öffnen und sich der Komplexität in Jelineks Gedankenwelt zu stellen… den Argumenten und den weiter vertiefenden Querverweisen, die in die Philosophie vordringen, in die Soziologie und in den gesellschaftspolitischen Diskurs. Was für ein mutiges Schauspiel und das mit berauschender Wirkung. Auch dafür möchte die Jury Gaia Vogel mit dem Förderpreis auszeichnen.

Doch ein erster Glückwunsch geht an Erich Sidler und sein gesamtes Team für eine tolle Saison und diesen engagierten und inspirierenden Dialog mit dem Publikum, für den immer auch junge Theatermenschen stark gemacht werden. Sie sind in ihrem ersten Engagement ganz besonders auf ein Klima des Miteinanders angewiesen, um an der Gestaltung ihrer Rollen zu reifen. Sei es, dass sie im Verständnis einer Figur auf sperrige Fragen und Hindernisse treffen, oder dass ein Stück sich ihren Ideen und Anliegen zunächst verweigert, um dann auf eine Lösung und die manchmal mühsamen Wege dahin zu vertrauen, die gemeinsam erarbeitet werden.

Im gemeinesamen Miteinander geht es auch darum, sich die eigenen Stärken und Schwächen bewusst zu machen ohne in die Unsicherheitsfalle zu geraten, und sich so für eine Bühnenfigur zu engagieren, dass sie auch bei den Zuschauern Verständnis und Anteilnahme erfährt. So wie zum Beispiel dieser Macbeth Höfling, dessen Qualen nach der Ermordung seiner Familie sich Florian Donath annimmt… wenn jede Geste zum Verzweiflungsschrei wird, bis der ganze Körper brüllt.

In dem Musical „Lazrarus“ macht Daniel Mühe die Obsessionen des schwarzen Engel „Valentine“ zu seinem Anliegen. Beflügelt von den widersprüchlichen Begegnungen und ihren zerstörerischen Energien lässt er in den Zuschauern Echoräume anklingen. Es scheint fast unmöglich, nicht auf diese Vision von Hoffnung zu vertrauen, wie sie Dorothée Neff in David Bowies musikalischem Vermächtnis ausstrahlt und das Publikum in ihrer letzten Rolle am Deutschen Theater erneut verzaubert.

Und auch Marius Ahrendt lässt uns nicht in Ruhe mit der Frage, was diesen radikalen jugendlichen Ruhestörer in der Szenenfolge „Märtyrer“ in seinem Innenleben umtreibt, wenn er auf die Bibel als Waffe vertraut.
Ich denke, das ist jetzt eine wunderbare Gelegenheit für einen Sonderapplaus für vier junge Schauspielerinnen und Schauspieler, die neben der künftigen Preisträgerin die Jury in dieser Spielzeit begeistert haben.
Auf der Ensemble Fotogalerie im Foyer des Theaters haben alle Gesichter diesen wachen Blick. Aber zu einem gibt es eine Geschichte, die mit Shakespeare angefangen hat und zwar ziemlich früh, im Zahnspangenalter. Da hat es bei der sehr jungen Romeo Darstellerin offenbar sehr nachhaltig gefunkt… für den Rest der Schulzeit sowieso. Klar, dass sich danach ein Schauspielstudium anschließen würde (mit noch sehr viel mehr Shakespeare) bevor es am Deutschen Theater zu diesen intensiven dramatischen Begegnungen mit zeitgenössischen Autoren kam. Garantiert ohne Beruhigungsmittel…

Bald gibt es für Gaia Vogel weitere Gedankenkraftfelder zu durchdringen. Figuren auch in ihrer widersprüchliche Psychopathologie zu erforschen und ihnen Form, Gestalt, Kraft und Bedeutung zu geben, damit sie die Zuschauer bestürmen und aufrühren. Freuen wir uns jetzt mit Gaia Vogel auf die nächste Spielzeit und auf ihre „Olivia“ in Shakespeares Komödie „Was ihr wollt“.

Allerherzlichste Glückwünsche an die Preisträgerin!

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