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Theater der Nacht

Mit dem „Figurentheater Gingganz“ von Michael und Mechthild Stemmler gab es am vergangenen Wochenende noch vor der offiziellen Saisoneröffnung am 5. September ein erstes inspirierendes Bühnenabenteuer zu sehen. Die Premiere von „Don Quichotte“ war zwar nur als geschlossene Vorstellung konzipiert. Doch dabei konnte das Theater der Nacht wiederum die Bedingungen für den Spielbetrieb mit Corona Auflagen, Maskenpflicht und Abstandsregelungen erproben, während die Zuschauer auf der Bühne eine ganz neue Seite des Figurentheaters erlebten.

Der Ritter von der traurigen Gestalt und sein Diener Sancho Panza, wie sie Miguel de Cervantes in seinem Don Quichotte Roman verewigte, sind in eine virtuelle Welt geraten. Michael Stemmler erzählt ihre Geschichte mit Flachfiguren und Objekten, Zeichnungen, Videos und Texten, die er mit dem Beamer Leinwand projiziert. Er arbeitet dabei erstmals mit einem Zweikanalvideo System und zwei Kameras, um die Figuren und die vielen Requisiten und Objekte wie in einem Trickfilm miteinander zu verweben. Auf der Leinwand erscheint auch immer wieder sein Gesicht, wenn er in der Rolle des treuen Dieners und Chronisten auftritt, der auf so viele gemeinsame Abenteuer zurückblickt und sich darauf seinen vorwitzig freundschaftlichen Reim macht. Auch für Sprüche, die in dem Ritterroman aus dem 16.Jahrhundert natürlich noch nicht angesagt waren, ist jetzt die Zeit endlich gekommen. „Die meisten Leute allerdings dachten, er sei weich in der Birne, sinniert ein plauderlauniger Sancho Panza, der in der Inszenierung von Dietmar Staskowiak auch mal zum Zollstock greift. Wenn ein wagemutiger Don Quichotte den kaum bezwingbaren Ritter vom weißen Mond herausfordert, stimmt zumindest der Sicherheitsabstand zwischen den Konkurrenten um Ruhm und Ehre und edle Gesinnung, während im Hintergrund ein leuchtender Sternenkosmos erscheint.

Oft wird flugs eine Sonne auf das Leinwandpanorama gepappt, wenn die unternehmungslustigen Reisenden als Schattenfiguren durch eine malerische Landschaft reiten oder auf mächtige Burgkulissen zuhalten. Wie so viele Abenteuer endet auch der Kampf gegen die Windmühlenflügel mit heftigen Blessuren, weil der ritterliche Träumer darin verzauberte Riesen erblickt, die es zu bezwingen gilt. Sein Gefährte hält wacker die Stellung, wann immer sich sein Herr mal wieder von der Fantasie beflügeln lässt und die Realität einfach aushebelt. Da mag der wilde Löwe in seinem Käfig noch so müde gähnen. Schon sein Anblick lässt den Löwenritter triumphieren, der sich in seinem Heldenruhm sonnt und auf adelige Gunstbeweise vertraut. Wage nur niemand zu behaupten, dass es sich bei der hoch verehrten Dulcinea nur um ein Bauernmädchen handelt. Sie ist und bleibt für ihn die schönste Prinzessin der Welt, auch wie sie jetzt aus den Buchseiten heraus schwebt, während Michael Stemmler den gewitzten Sancho Panza ebenfalls zum Träumer werden lässt: „Wir schwebten durch diese Zauberwelt und waren den ganzen Tag glücklich“.

Auf der Leinwand erscheint erneut ein altes Buch und eine Hand, die zwischen leeren Seiten wie in unsichtbaren Fantasieräumen blättert, die nun auf der Bühne auch mit digitalen Mitteln ihre inspirierende Wirkung entfalten. Wenn Michael Stemmler mit Kameraaufnahmen und Laptop am Mischpult jongliert, und dabei seine Flachfiguren, mit Bildern, Prospekten und vielen schönen Requisiten in Szene setzt, schweben die Zuschauer mit diesem Don Quichotte wie durch eine Zauberwelt.

Inspirierende Impulse für die Aufführung stiftete zunächst der Fond Darstellende Künste. Er fördert Bühnen wie jetzt auch das „Figurentheater Gingganz“, die in ihren Projekten digitale Spielräume erkunden. Allerdings ließ sich Michael Stemmler für sein multi-media Bühnenabenteuer vor allem von Cervantes‘ Romanhelden inspirieren, der sich als liebenswert verrückter Träumer seine eigene Welt erschafft: „ Das was man heutzutage virtuell macht, das hat er alles in seinem Kopf stattfinden lassen.“ Stemmlers Begeisterung gilt einer verrückten Geschichte und einem verrückten Helden, der sich seine Freiheit vor allem in der Fantasie erkämpft. In diesem Sinne versteht sich der Theaterabend für ihn auch als „Hommage an den Charme der Verrücktheit“. An die knüpft das Theater der Nacht in den kommenden Monaten mit weiteren inspirierenden, verrückte und fantastische Bühnenabenteuern an. Unter Corona-Bedingungen starten die Theatermacher zunächst ebenfalls mit medialer Verstärkung. Zur Saisoneröffnung am 5. September präsentieren sie im Bündnis mit der „Initiative Kunst und Kultur Northeim“ ein open air Spektakel mit Musik und Masken und filmischen Kostproben aus dem Stück „Auf rauer See.“ Mit der Geschichte einer Familie, die mit List und Humor auf verschlungenen Wegen eine Katastrophe meistert, bekundet das Ensemble im Drachenhaus auch die Hoffnung, dass ihnen Zuschauer, Sponsoren und Förderer zur Seite stehen, um weitere Corona Klippen zu umschiffen.

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