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Jan Vermeer (Colin Firth) und Griet (Scarlett Johansson)

Über den niederländischen Maler Jan Vermeer (im Film gespielt von Colin Firth) ist kaum etwas bekannt. Keine vierzig Gemälde hat er hinterlassen. Die Lebensgeschichte ist ebenso vage rekonstruierbar wie die Entstehungsgeschichte eines seiner berühmtesten, hier titelgebenden Gemälde. Statt sich an einer historischen Rekonstruktion zu versuchen, begreift der Film die lückenhafte Quellensituation über Vermeer vielmehr als Einladung zum wilden Fabulieren. Auf Grundlage des Romans von Tracy Chevalier inszeniert Regisseur Peter Webber kein dröges Biopic, sondern denkt die Figur des Vermeer ganz filmisch von dessen Kunst aus. Sichtbar wird dieser Versuch eines filmästhetischen Übersetzungsprozesses in der Farbgestaltung (erdige, kräftige Farben in den Innenräumen, kontrastiert durch überbelichtete Außenaufnahmen) aber auch vielfach auf der inhaltlichen Ebene. Am Fenster seines Ateliers stehend, weist Vermeer in einer Szene gen Himmel und fragt das Hausmädchen Griet (Scarlett Johansson) welche Farben ihrer Meinung nach die Wolken haben. Nach dem ersten Impuls „weiß“ zu antworten, überlegt das Hausmädchen einen Augenblick und zählt dann die Farben auf, aus denen sich die Wolken ästhetisch zusammensetzen.

So wie sich der ästhetische Eindruck der Wolken erst durch die Überlagerung verschiedener Farben ergibt, wirkt auch der Film erst durch die Überlagerung und Verzweigung verschiedenster Ebenen und Konstellationen. Der Film ist bestimmt von einer Vielzahl hoch ambivalenter Abhängigkeitsverhältnisse, die in der ständisch organisierten Gesellschaft von Delft vor allem im Alltagsleben sichtbar werden. Vermeer befindet sich in einer ständigen finanziellen Abhängigkeit zu einem Mäzen (Tom Wilkinson), von dessen Kunstgeschmack er maßgeblich abhängig ist. Als Auftraggeber ist dieser Investor und Kritiker zugleich und damit einer allmächtigen Kritiker-Gestalt gleich. Auf der nächsten Ebene zweigen sich allerlei, vor allem ökonomische Abhängigkeiten von Vermeer selbst ab. Hier wird insbesondere die emotionale Abhängigkeit seiner eifersüchtigen Ehefrau Catharina (Essie Davis) sichtbar, die mit dem Umstand hadert, in der Kunst ihres Gatten keine Rollen zu spielen. Diese Frustration entlädt sich dann vor allem an der jungen Griet, die sukzessive Einzug erhält in das Leben und die Kunst von Vermeer.

Im abgeschlossenen Raum des Ateliers scheint der Determinismus der Ständegesellschaft für wenige Augenblicke überwunden. Die Kunst legitimiert die Begegnung der Schichten nicht nur, sie stellt auch den Raum der Begegnung bereit. Sie erlaubt die Aufhebung der Distanz, die im Hausflur noch gewahrt werden muss. Asymmetrisch bleibt die zärtlich geschilderte Beziehung zwischen Vermeer und Griet natürlich dennoch: Stand und Geschlecht sind selbst im Prozess des Kunstschaffens nie ganz vergessen; Vermeer ist der Malende, Griet die Gemalte. Sein Blick bestimmt ihre Repräsentation. Die Kunst kann die Konventionen seiner Zeit vielleicht kurzzeitig beiseiteschieben, bleibt aber gleichzeitig immer in ihnen verhaftet. Für Griet besteht die Aussicht Wissen über das Kunsthandwerk zu erlangen, das ihr sonst eigentlich verwehrt blieb. Die Begegnung mit Vermeer erlaubt ihr einen alternativen Blick auf die Welt, den sie niemals einnehmen darf. „Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge“ ist deshalb sicher kein Ausdruck einer Fremdermächtigung, sondern eher einer großzügigen, paternalistischen Geste. Und doch manifestiert sich gerade dort das Phantasma, dem ein ganz ungeheurer Wunsch zugrunde liegt: die Auflösung der Ständegesellschaft und damit aller Barrieren, die die Berührung verhindern.

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