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Der Göttinger Knabenchor hat sicherlich nicht den Ruf, ein Spezialensemble für barocke Aufführungspraxis zu sein. Und dennoch hat die Teilnahme des Chores an den Händel-Festspielen in Göttingen eine lange Tradition. So lag es nahe, den Knabenchor anlässlich des 100. Geburtstags seines Gründers Franz Herzog zu den diesjährigen Festspielen einzuladen.

Für das Konzert wählte Leiter Michael Krause durchaus schwere Kost aus: die „5 Gesänge für Bass und Klavier“ sind für Sänger wie Pianisten höchst anspruchsvoll, und die „7 Gesänge des Li Tai-Pe“ – der „Fluch des Krieges“ gehört zu den anspruchsvollsten Kompositionen Herzogs. Sie wurden schon 1981 zu den Händel-Festspielen aufgeführt.

Das Motto der Festspiele 2017 lautet „Glaube und Zweifel“. Selten hat dieses Motto besser gepasst als am letzten Festspieltag bei dem Konzert des Göttinger Knabenchores. Michael Krause hat keineswegs nur als Referenz an die Festspiele Chorsätze Georg Friedrich Händels im Programm untergebracht. Die ausgewählten Stücke korrespondierten ganz vorzüglich mit der Musik von Franz Herzog und mit dem Motto der Festspiele. „Fern von Ost bis hin gen West“, „Hilf uns, die wir verloren war’n“, „O Dunkelheit, o Elend!“, „Hör, großer Gott, hör der Klage Schmerz“ oder „Gott, steh uns bei im Streit der Welt“ sind nur einige Textzeilen, die zu dem Kriegsgeschrei der Li Tai-Pe-Vertonungen passten.

In der gut besuchten Aula der Universität erklangen zunächst die Rilke-Gesänge von Franz Herzog. Der junge Bariton Timotheus Maas hatte die schwierige Partie übernommen – und trug die Lieder auswendig vor. Das ermöglichte ihm, die zum Teil sehr bekannten Texte gekonnt und einfühlsam zu deklamieren. Mit seinem warmen Timbre überzeugte Maas schnell das Publikum. Den anspruchsvollen Klavierpart hatte die Pianistin Natalia Bachmann übernommen. Sie überzeugte sowohl mit ihrer stets auf den Sänger bezogenen Begleitung, als auch mit großer Sicherheit in den komplexen Griffen und Tonfolgen.

Die Knaben umrahmten die Rilke-Gesänge mit zwei Händel-Sätzen, hier unterstützt durch die Continuo-Gruppe mit Frank Scheller (Cello), Maria Soltèsz (Kontrabass) und Antonius Adamske (Truhenorgel). Das wahre Gesicht zeigten die jungen Sänger erst bei der Musik Herzogs. Während sie mit der Musik Händels eher ein wenig fremdelten, fühlten sie sich bei den komplexen Rhythmen, Takten und Tonalitäten (und auch Atonalitäten) Franz Herzogs offenbar zuhause. Das spricht sehr für Qualität der Musik dieses „Kruzianers in Göttingen“ (so der Buchtitel der neuen Biographie von Vitus Froesch). Aber es spricht auch für die intensive Vorbereitung des Chores durch seinen Leiter Michael Krause.

Franz Herzog, ein Schüler Rudolf Mauersbergers, hat in seiner Komposition seine Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs verarbeitet. Dazu griff er zu modernen und zum Teil sehr expressiven Gestaltungsmitteln. Herzog nutzte das dramatische Darstellungspotential des Textes und stellte damit erhebliche Anforderungen an den Chor. Aber er wusste eben auch, was Knaben und junge Männer leisten können. Der Göttinger Knabenchor nahm die Herausforderungen an – und lieferte Höchstleistungen ab. Stets präsent, auch kleinste Zeichen Krauses aufnehmend, sicher in der Intonation: das war mehr als einfach nur beeindruckend. Ein Indiz für die überaus eindrückliche Wiedergabe war, dass es keinerlei Zwischenapplaus gab. Und auch als am Ende „Ruf und Gebet“ und „Pater noster“ von Franz Herzog erklungen war, herrschte eine ganze Weile Stille im Saal. Anschließend wollte der Applaus aber kein Ende nehmen, er verstummte erst, als Michael Krause seinen Chor abtreten ließ.

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