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kulturbuero plus

Musikgeschichte(n)

Das ist in Summe korrekt – die Akademische Orchestervereinigung als Opernorchester war ein Liebhaberensemble, die Sängerin der Titelpartie in der Oper „Rodelinde“ ebenfalls nicht professionell ausgebildet. Doch wer waren die anderen, deren Namen heute weitgehend vergessen sind? Woher kamen sie, wie entwickelte sich ihre weitere musikalische Laufbahn? Diesen Fragen gehe ich im Folgenden nach. Bei der Spurensuche konnte ich in wenigen Fällen auf gedruckte Literatur aus meiner eigenen Bibliothek zurückgreifen. Ansonsten musste ich mich der Corona-Vorschriften wegen in erster Linie auf das Internet beschränken, ich konnte keine Bibliotheken aufsuchen. Inwieweit die im Internet gefundenen Quellen verlässlich sind, müsste man später überprüfen.

Thyra Hagen-Leisner, Sopran (1888-1938)
Göttingen 1920, 1921 und 1924: Rodelinde in Rodelinde, 1921 Theophano in Otto und Theo-phano (1926 singt die Rolle der Theophano Tiny Debüser), 1922 Cleopatra in Julius Caesar, 1924 Romilda in Xerxes

01 Anzeige RodelindeEine Werbeanzeige für die Rodelinde-Aufführung 1920 [Bild 01] nennt als Mitwirkende „erste deutsche Gesangskräfte aus Berlin, Basel, Leipzig“, dazu als Titelheldin Thyra Hagen-Leisner [Bild 02]. Sie war die Ehefrau des Kunsthistorikers und Musikers Oskar Hagen (1888-1957) [Bild 03], dem die Initiative zur „Rodelinde“-Aufführung zu verdanken ist. Thyra Hagen-Leisner (1888-1938) war – im Gegensatz zu ihrer Schwester, der Altistin Emmi Leisner – keine professionelle Sängerin. Ob sie vielleicht ein wenig neidisch auf ihre erfolgreiche Schwester war, ob sie eine mögliche Sängerkarriere zugunsten der Familie gar nicht erst angestrebt hat, darüber kann man nur spekulieren. Als sie Oskar Hagen 1914 heiratete, war sie 26 Jahre alt. Sohn Holger wurde 1915 geboren, der erste Geburtstag von Tochter Uta wurde zwei Wochen vor der „Rodelinda“-Premiere gefeiert. Die Weichen waren also zwar nicht besonders früh, dann aber wohl endgültig für das Familienleben gestellt.

Gerade fünf Jahre alt war Oskar Hagens Sohn Holger (1915-1996) bei der ersten Rodelinde. 61 Jahre später hat er seine Erinnerungen daran veröffentlicht (Quelle: 75 Jahre Akademische Orchestervereinigung Göttingen 1906 – 1981, Göttingen 1981, S. 42f.): Es ist der späte Nachmittag des 26. Juni 1920. Ich steige an der Hand unseres geliebten Kinderfräuleins Minnlein in einiger Hast die paar Stufen zum Haupteingang des Göttinger Stadttheaters hinauf. […] In der Tür zum Foyer steht mein Vater, im Frack mir eine ganz neue und ungewohnte Erscheinung. […] „Macht schnell!“, sagt er, „wir wollen pünktlich anfangen.“ Und dann rauscht die erste Göttinger Rodelinde über mich hinweg, und ich habe den Beginn der Händel-Renaissance miterlebt. Von dem überwältigenden Erfolg erfuhr ich sehr viel später. […] Den Kommentar des Intendanten eines bedeutenden Staatstheaters zum Erfolg des Abends nahm ich ganz am Rande – irgendwann später – zur Kenntnis: „Aber, mein lieber Dr. Hagen! Einen solchen Erfolg habe ich an meinem Hause nicht mal mit einer Operette!“

Ernst Possony, Bariton (1884-1956)
Göttingen 1920 und 1921 Bertarich in Rodelinde, 1921 Emirenus in Otto und Theophano (1923 wird Possony durch Bruno Bergmann ersetzt)

04 Eintrag PossonyWoher kamen die weiteren Rodelinde-Solisten? Die Rolle des Bertarich, des Gatten der Rodelinde, sang Ernst Possony, geboren 1884 in Wien. Als der Bariton für die Rodelinde verpflichtet wurde, war er am Stadttheater Leipzig engagiert. Seine weiteren Wirkungsorte sind Dresden, München, Wien und Boston. Er war also ein überregional gefragter Sänger. Seine spätere Karriere aber ist geprägt durch seine Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Er gehörte zu der Gruppe der „Juden, jüdischen Mischlinge und jüdisch Versippten“, die aus der Reichsmusikkammer ausgeschlossen wurden (Quelle: www.lexm.uni-hamburg.de), war verzeichnet in dem „ABC jüdischer und nichtarischer Musikbeflissener“ des Buches „Judentum und Musik“ von Hans Brückner (einem Freund von Julius Streicher, dem Herausgeber des Hetzblattes „Der Stürmer“) und Christa Maria Rock sowie in dem berüchtigten „Lexikon der Juden in der Musik“ von Stengel/Gerigk (Berlin 1940) [Bild 04]. Ein Dokument, datiert am 23. Januar 1939, berichtet, er befinde sich „in Schutzhaft in Dachau“. (Quelle: https://books.google.de) Dem Lebenslauf seiner Ehefrau Margarete ist zu entnehmen, dass dem Paar die Emigration nach Großbritannien gelang. (Siehe Seite 97, Ilse Korotin (Hg.): https://fedora.e-book.fwf.ac.at) Später übersiedelte er in die USA. Eine Anzeige in einem Programmheft des Boston Symphony Orchestra belegt, dass er 1947 zu den neu eingestellten Lehrkräften des New England Conservatory of Music in Boston gehörte [Bild 05]. (Quelle: https://aadl.org) Gestorben ist er 1956 in Winchendon, Worcester, Massachssets/USA, als Beisetzungsdatum ist der 23. Mai 1957 in Wien angegeben [Bild 06] – also hat er vermutlich verfügt, dass seine Asche in seiner Geburtsstadt ruhen sollte. (Quelle: https://www.geni.com)

Exkurs: Das Lexikon der Juden in der Musik

07 LexikonDas Lexikon der Juden in der Musik [Bild 07] ist ein unrühmlicher Beleg für die Verstrickung der deutschen Musikwissenschaft in den Nationalsozialismus. Herausgeber war Dr. Theo Stengel, Referent in der Reichsmusikkammer, in Verbindung mit Dr. habil. Herbert Gerigk, „Leiter der Hauptstelle Musik beim Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP“. Das Vorwort beginnt mit dem markigen Satz: Die Reinigung unseres Kultur- und damit auch unseres Musiklebens von allen jüdischen Elementen ist erfolgt. Weiter heißt es: … und dann kommen wir allerdings zu dem Ergebnis, dass der Jude unschöpferisch ist und dass er auf dem Gebiet der Musik lediglich nachahmend zu einer gewissen handwerklichen Fertigkeit vordringen kann […] zumal sein orientalisches Empfinden den Gehalt einer abendländischen Tonschöpfung stets umfälschen muss. Am Ende des Vorworts dankt Gerigk – wissenschaftlich hervorgetreten mit einer umfangreichen Dissertation über Verdi – den weiteren Mitarbeitern der Dienststelle des Reichsleiters Rosenberg, darunter Dr. Wolfgang Boetticher.

Dieser Musikwissenschaftler wurde 1948 – gerade mal acht Jahre nach Erscheinen dieses Lexikons und etwa sieben Jahre nach seiner von ihm zeitlebens verschwiegenen Mitarbeit in Rosenbergs „Sonderstab Musik“ – Privatdozent und später Professor am Musikwissenschaftlichen Seminar der Universität Göttingen, auch Dekan der Philosophischen Fakultät. Möglicherweise hat ihn bei der Berufung nach Göttingen sein Kollege Rudolf Gerber unterstützt, seit 1943 Ordinarius für Musikwissenschaft in Göttingen, der ebenfalls für das Amt Rosenberg gearbeitet hatte. Nachdem der niederländische Journalist Willem de Vries 1998 Boettichers Komplizenschaft mit den Nazis anhand von neu aufgefundenen Dokumenten nachgewiesen hatte [Bild 08] – in Ansätzen war schon vorher dessen NS-Verstrickung bekannt –, wurde Boetticher der Zutritt zum Seminar, an dem er bis dahin 50 Jahre lang unangefochten gelehrt hatte, untersagt. Er Boetticher starb 2002. In seinem Nachlass befand sich ein Exemplar des Lexikons der Juden in der Musik samt handschriftlichem Besitzervermerk [Bild 09]. Die Seiten 7 bis 10 (der Dank mit seiner Namensnennung stand auf Seite 10) waren allerdings sorgfältig entfernt.

Holger Hagen erinnerte sich an eine Geschichte über Ernst Possony, die ihm sein Vater erzählt hatte. Bei einer Bühnenprobe wurde er sehr spät. […] Als mein Vater gegen 2 Uhr früh die Frage an die Beteiligten richtete, ob man Schluss zu machen wünsche oder die Szene doch noch mal wiederholen möchte, bekam er in reinstem Wienerisch die Antwort Ernst Possonys: „Aber lieber Herr Doktor, zu was sammer denn da?!

Georg A Walter, Tenor (1875-1952)
Göttingen 1920, 1921, 1923 und 1924 Grimwald in Rodelinde, Adalbert in Otto und Theophano 1921, 1922 und 1923, Sextus Pompeius in Julius Cäsar 1922, 1923 und 1928

10 Georg A WalterGeorg A. Walter (Tenor) [Bild 10] hat 1920 den Grimwald gesungen. Auch er gehörte damals zu den international bekannten Sängern. Geboren 1875 als Sohn deutscher Eltern in Hoboken, New Jersey/USA, studierte er Italien und Deutschland und startete seine sängerische Karriere um 1900 in Berlin. Neben seinen Auftritten in Göttingen 1920, 1927 und 1928 konzertierte er in Wien, Kopenhagen, Holland, Schweden, Rom, Barcelona, Amsterdam und Paris. Er war von 1925 an Hochschullehrer, zunächst in Stuttgart (bis 1934), dann in Berlin. Schwerpunkt seines Repertoires war die Musik von Bach und Händel, in diesem Zusammenhang veröffentlichte er Neueditionen von Werken der Bach-Söhne, Heinrich Schütz und anderen. Auch kompositorisch ist er hervorgetreten, sein Lehrer in diesem Fach war Wilhelm Berger. Walters berühmtester Schüler war der Bariton Dietrich Fischer-Dieskau (1925-2012), den er von 1937 bis 1942 unterrichtete. Gestorben ist Walter 1952. Seine hell timbrierte, sehr bewegliche Stimme können Sie hier www.youtube.com in einer Aufnahme der Arie „O wende dich nicht ab“ (Sì che ti rendera) aus Händels Oper Radamisto HWV 19 hören. Es spielt das Orchester des Reichssenders Stuttgart, die Leitung hat Fritz Lehmann (1904-1950), der bei späteren Händel-Festspielen in Göttingen mitwirkte und 1946 Intendant des Göttinger Stadttheater wurde. Die Aufnahme ist um 1938/39 entstanden.

Wilhelm Guttmann, Bariton (1886-1941)
1920 und 1921 Garibald in Rodelinde, 1921, 1922, 1923 und 1926 Otto in Otto und Theophano, 1922, 1923 und 1928 Caesar in Caesar und Cleopatra, 1926 Ezio in Ezio

11 GuttmannAuch Wilhelm Guttmann [Bild 11], der in Göttingen 1920 den Garibald in der Rodelinde sowie 1921 die Titelrolle in Otto und Theophano gesungen und gespielt hat, war ein hochgeachteter Sänger. Er wurde 1886 in Berlin geboren. Ab 1903 studierte er an der Berliner Musikhochschule bei Max Bruch und Paul Juon, besuchte 1906 die Meisterklasse von Engelbert Humperdinck und debütierte 1912 als Konzertsänger in Berlin. Nach Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg wechselte er ins Baritonfach, wirkte von 1920 bis 1926 bei den Göttinger Händel-Festspielen mit und war seit 1922 in Berlin engagiert. Gastspiele führten ihn nach Zagreb, Belgrad und Hamburg. 1928 wirkte er bei einer Schallplattenaufnahme von Beethovens Missa solemnis unter Bruno Kittel mit. Diese historische Aufnahme ist erhalten. Seinen Solo-Einsatz im Agnus Dei können Sie hier Link: www.youtube.com hören. Guttmann wurde 1934 „aus rassischen Gründen“, so der Nazi-Sprachgebrauch, aus seinem Berliner Engagement entlassen. Im Gegensatz zu Possony emigrierte er aber nicht, sondern blieb in Deutschland und beteiligte sich weiter an Opern- und Konzertaufführungen des Jüdischen Kulturbundes in Berlin. Selbstverständlich ist auch er im „Lexikon der Juden in der Musik“ verzeichnet. Guttmanns Ende ist tragisch: Er starb 1941 auf der Bühne des Kulturbundes während eines Liederabends, kurz nachdem er von der Gestapo verhört worden war – eine Flucht in den Tod, könnte man meinen. (Quelle: https://de.wikipedia.org)

An diesen Sänger erinnert sich Holger Hagen: „Vor allen anderen sehe ich den herrlichen Sänger-Darsteller Wilhelm Guttmann, den ersten Garibald der Rodelinde, den ersten Otto und den ersten, den überwältigenden Julius Caesar. Den Schmelz seines lyrischen Baritons, seine makellose Koloraturtechnik, seine souveräne und totale Beherrschung der Bühne habe ich bei keinem anderen Künstler seines Fachs später in gleicher Vollendung wiedergefunden.“

Adele E. Gotthelft, Alt (1885 bis nach 1950)
1921 Hadwig in Rodelinde, Matilde in Otto und Theophano

12 Dela GotthelftBei der Wiederholung der Rodelinde im Jahr 1921 gab es eine Umbesetzung. Die Alt-Rolle der Hadwig sang nicht mehr Helene Wiegand (über die das Internet keinerlei Informationen liefert), sondern Adele E. Gotthelft [Bild 12] (1885 bis nach 1950), die sich auch Dela Gotthelft nannte. Sie wurde 1895 in Kassel als Tochter des Verlegers Richard Gotthelft geboren, des Herausgebers des Kasseler Tageblatts. Zum Gesangstudium ging sie nach Berlin und wurde dort von Juan Luria (Johannes Lorie, 1943 im Vernichtungslager Sobibor umgebracht) und ab 1916 von Julius von Raatz-Brockmann unterrichtet. Schon während ihrer Ausbildung trat sie als Konzert- und Oratoriensängerin auf. 1921 war sie als erste Altistin am Stadttheater in Kaiserslautern engagiert, ein Jahr später am Landestheater Coburg. In Göttingen sang sie außer der Hadwig auch die Partie der Matilde in „Otto und Theophano“ (Ottone). In Kaiserslautern blieb sie bis 1924. Danach sang sie bis 1926 im Stadttheater Krefeld. 1926-1927 war sie erneut als Konzertsängerin tätig und gehörte ab 1927 zum Ensemble des Stadttheaters Görlitz. Anfang der 1930er Jahre lebte sie in Berlin, wo sie 1932 mit Edith Boroschek zusammen „Salomons Urteil“ aus Händels Salomon sang.

Das Schicksal der Familie hatte sich in diesem Jahr verdüstert: Das Anzeigenaufkommen des Kasseler Tageblatts war wegen der wirtschaftlichen Schwierigkeiten im Gefolge der Inflation und der Weltwirtschaftskrise ab 1929 so stark gesunken, dass Verleger Richard Gotthelft Ende September 1932 das Erscheinen seiner Zeitung einstellen musste. Dabei hatte wohl auch die Boykottpropaganda der Nazis gegen die „in jüdischem Besitz“ befindliche Tageszeitung eine Rolle gespielt. Im April 1933, wenige Monate nach der Machtübernahme der Nazis, wurde der Geschäftsboykott „Kauft nicht bei Juden“ ausgerufen, 5000 jüdische Beamte nach dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ wurden im selben Monat aus ihren Stellungen vertrieben. Daraus zogen Richard Gotthelft und seine Frau Selma eine tödliche Konsequenz. Sie nahmen sich im Juni 1933 gemeinsam das Leben „aus fassungslosem Entsetzen über die ersten Maßnahmen der Nazis gegen die jüdische Bevölkerung auch in Kassel und der Ahnung, dass der gegenwärtige Schrecken nur Vorspiel zu einem sehr viel größeren war, der in der Zukunft folgen würde“, wie Christian Hartmeier in seiner Studie „Die Gotthelfts. Eine deutsch-jüdische Familie“ 2020 formuliert. (Quelle: websitebuilder.online am Ende der Seite)

13 Eintrag GotthelftDela Gotthelft dagegen – im „Lexikon der Juden in der Musik“ verzeichnet [Bild 13] – ging 1933 ins Exil nach Palästina. Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, arbeitete sie zunächst als Modistin, nahm dann die Zusammenarbeit mit ihrer Sängerkollegin Edith Boroschek und mit Karel Salomon, den sie auch aus Berlin kannte, wieder auf. Am 2. April 1934 wirkte sie als Solistin bei einem Konzert des Jerusalem Academic Chorus im Amphitheater der Hebräischen Universität unter der Leitung von Karel Salomon mit. Auf dem Programm standen Werke von Händel, Carissimi und Bach. Weil sie schnell Hebräisch lernte, konnte sich Dela Gotthelft rasch etablieren. Unter anderem sang sie Anfang 1950 in einer Aufführung von Verdis Otello die Partie der Emilia, wie ein dreisprachiger Programmzettel [Bild 14] aus dieser Zeit zeigt. (Quelle: https://commons.wikimedia.org) Möglicherweise war dies eine Produktion der Palästinensischen Kammeroper, die Benno Fränkel ins Leben gerufen hatte. Von 1939 bis 1943 war sie ständiges Mitglied im Palästinensischen Rundfunkchor. Über ihren weiteren Lebensweg ist nichts bekannt. (Quelle: www.lexm.uni-hamburg.de)

Ernst Victor Wolff, Cembalo (1889-1960)
Göttingen 1921ff.

Das Göttinger Händel-Opernprogramm 1921 verzeichnet unter den übrigen Mitwirkenden auch erstmals den Cembalisten namentlich: „Dr. V. E. Wolff“. Das war Ernst Victor [auch: Victor Ernst] Wolff, geboren 1889 in Berlin, Pianist, Cembalist, vielfach als Begleiter hervorgetreten. Von ihm schwärmte Oskar Hagen in seinem 1920 erschienenen Aufsatz „Die Bearbeitung der Händelschen Rodelinde und ihre Uraufführung am 26. Juni 1920 in Göttingen“ (Quelle: https://babel.hathitrust.org) Definitive Festlegung der Cembalopartie […] ist m. E. immer von Übel. Ich habe gottlob darauf verzichten können, weil mir die musikhistorisch wie musikalisch und pianistisch gleich gründlich geschulte, wunderbar stilsichere Persönlichkeit des Herrn Dr. V. E. Wolff zur Verfügung stand. Man muss diesen Musiker nur einmal an vier aufeinander folgenden Abenden gehört haben, wie er ganz aus der Situation heraus improvisierend den Flügel jedesmal anders ins Orchester hinein singen oder in die Rezitative hinein selbständig handeln, imitieren, vorwärts drängen oder verweilen ließ […] Im Internet finden sich etliche Konzertankündigungen um 1920 in Berlin, bei denen Dr. V. E. Wolff als Klavierbegleiter genannt ist. Darunter erwähnt der „Führer durch die Konzertsäle Berlins“ am Freitag, 29. Oktober 1920, einen Liederabend mit Emmi Leisner – der Schwester von Thyra Hagen-Leisner – im Beethoven-Saal [Bild 15] (Quelle: http://digital.sim.spk-berlin.de). Die Stimme Emmi Leisners ist in historischen Aufnahmen erhalten, hier www.youtube.com der Händel-Schlager Ombra mai fu (das Aufnahmejahr ist nicht genannt).

16 Eintrag WolffAuch Wolff ist erwähnt in der „Liste der aus der Reichsmusikkammer ausgeschlossenen Juden, jüdischen Mischlinge und jüdisch Versippten“ sowie im „Lexikon der Juden in der Musik“ [Bild 16]. Wann er Deutschland verlassen konnte, geht aus den mir bislang zugänglichen Quellen nicht hervor. Jedenfalls fungierte er Ende Mai 1934 für die Londoner Hugo Wolf Society bei Schallplattenaufnahmen als Begleiter des ukrainischen Bassisten Alexander Kipnis (eine Aufnahme auf Youtube hier www.youtube.com) und nahm 1938 in der New Yorker Carnegie Hall an einer Aufführung von Bachs „Kaffeekantate“ als Cembalist teil. Zu den weiteren Instrumentalisten dieses Konzerts gehörten der Geiger Jascha Heifetz und der Cellist Gaspar Cassadó. Wolff lehrte von 1955 bis zu seinem Tod (21. August 1960) an der Michigan State University.

Meta Margis, Sopran(?-?)
1926 Göttingen Gismunde in Otto und Theophano

In der Otto und Theophano-Besetzung taucht ein neuer Name auf: Meta Margis in der Rolle der Gismunde. Über diese Sängerin habe ich im Internet nur eine einzige, minimale Information finden können. (Quelle: www.mojswarzedz.pl) In einem polnischen Rückblick auf die Geschichte der Stadt Schwersenz (polnisch Swarzędz, etwa 10 Kilometer östlich von Posen – Poznań) heißt es (Original polnisch, Bild 17) über eine Veranstaltung am Palmsonntag (2. April) 1915: Dann begann der künstlerische Teil. Frau Meta Margis aus Posen sang das Lied „Kreuzzug“ von Schubert [D 932] mit Klavierbegleitung von Frau Lange aus Posen. Der Vorsitzende der Hakata in Swarzędz, Fritz Brand, hielt eine Rede über Bismarck und ließ an England kein gutes Haar. Im gleichen Sinne rezitierte Frau Lina Starke aus Posen zwei Gedichte, die dem deutschen Hass auf England (!) gewidmet waren. Dann demonstrierte Meta Margis mehrmals ihre stimmlichen Fähigkeiten, es wurden mehrere Gedichte rezitiert, und der gemeinsame Gesang „Deutschland, Deutschland über alles“ beendete die Veranstaltung. Die polnische Bezeichnung für den Deutschen Ostmarkenverein, der 1894 in Posen gegründet wurde, ist Hakata, ein Schimpfwort, das von polnischer Seite aus den Anfangsbuchstaben der drei Gründer Hansemann, Kennemann und Tiedemann-Seeheim gebildet wurde. HaKaTa oder Hakatist waren Bezeichnungen für Feinde der Polen. Meyers Großes Konversationslexikon bemerkt dazu schon 1906, es handele sich dabei um „Wörter, die vollständig in den polnischen Sprachschatz übergegangen“ seien.

Politisch ausgerichtet war diese nationalistische Vereinigung auf das Vorantreiben der „Stärkung des Deutschtums“ in den bei den Teilungen Polens von Preußen annektierten Gebieten Posen und Westpreußen. „Deutsche an die Front“ hieß es 1907 in einem Wahlaufruf des Vereins. „Euch gegenüber steht der gefährlichste, verbissenste und fanatischste Feind deutschen Wesens, deutscher Ehre und deutschen Ansehens in der Welt: Das Polentum.“ (Quelle: https://de.wikipedia.org) Inwieweit Meta Margis mit diesen Zielen übereinstimmte, ist nicht mehr überprüfbar.

Dieser kleine Mosaikstein für eine ansonsten nicht zu ermittelnde Biografie ist nur scheinbar eine Marginalie. Denn dieses Ereignis in einer deutschen Ost-Provinz ist ein Beleg für die politische Nutzung von Musik: Die Darbietungen von Frau Margis und Frau Lange wurden bei der Veranstaltung der nationalistischen Hassprediger des Deutschen Ostmarkenvereins dafür eingesetzt, dass der Agitation mit einem scheinbar unverdächtigen Schubert-Lied ein bürgerlich-wohlanständiges Häubchen aufgesetzt werden konnte.

Hanns Niedecken-Gebhard, Regisseur (1889-1954)
Göttingen 1922 Julius Caesar und Otto und Theophano, 1923 Rodelinde, 1924 Xerxes, 1926 Ezio und Otto und Theophano, 1927 Radamisto, 1928 Julius Caesar sowie Lucrezia und Apollo und Dafne (szenische Kantaten), 1930 Sommernachtstraum (Purcell), 1935 Parthenope, 1936 Acis und Galatea, 1937 Scipio, 1938 Ptolomäus, 1946 Arianna in Creta, 1947 Theseus, 1953 Rodelinda

18 Niedecken GebhardRegisseur Hanns Niedecken-Gebhard (1889-1954) [Bild 18] nahm von 1922 an als Nachfolger Oskar Hagens eine führende Position bei den Göttinger Händel-Festspielen ein. Niedecken-Gebhard, Spezialist für die Choreografie von Massenszenen, inszenierte später im Auftrag der Nationalsozialisten die „Thingspiele“ (die schon bald wieder aus der Mode kamen), dazu 1934 die Heidelberger Reichsfestspiele und erhielt den Auftrag für die Inszenierung der Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin [Bild 19]. Kurz zuvor hatte aufgrund von Denunziationen die Berliner Gestapo Ermittlungen gegen ihn – zeitlebens ein bekennender Homosexueller – aufgenommen. Das war Anlass für ihn, eine Scheinehe einzugehen. Hier kommen wieder die Göttinger Händel-Festspiele ins Spiel: Seine Frau wurde Lotte Brill, die er bei den Festspielen 1935 kennengelernt hatte: er als Regisseur, sie als Bühnenbildnerin von Händels Parthenope [Bild 20]. Nach 1936 leitete Niedecken-Gebhard monumentale Festspiele in Breslau und München und wirkte von 1941 bis 1945 an den Städtischen Bühnen von Leipzig. Nachdem er 1945 aller seiner Ämter enthoben worden war, erhielt er 1947 einen Lehrauftrag für Theaterwissenschaft an der Universität Göttingen. Offenbar war die Universität über seine frühere Verflechtung mit den nationalsozialistischen Machthabern gnädig hinweggegangen.

Nachbemerkung

„Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze“, heißt es im Prolog zu Schillers Drama „Wallensteins Lager“. Das gilt in ähnlicher Weise auch für Sängerinnen und Sänger. Wer nicht zu den legendären Stars der Vergangenheit gehört, ist bald vergessen, mit dem Namen verbinden auch leidenschaftliche Musikfreunde späterer Generationen bisweilen überhaupt nichts mehr. Das war der erste Anstoß zur Spurensuche im Internet: Wer waren diese Possonys, Guttmanns oder diese Gotthelfts eigentlich? Wo sind sie aufgetreten, gibt es vielleicht sogar historische Tondokumente? In manchen Fällen war diese Suche erfolgreich, manche Namen dagegen gaben ihr Geheimnis nicht preis. Sicher ist, dass Holger Hagen bei der Suche nach Solisten – dem Casting, würden wir heute sagen – in den frühen 1920er-Jahren auf jeden Fall deutschlandweit agiert hat. Die Sängerinnen und Sänger, die er nach Göttingen holte, gehörten zur ersten bis zweiten Garde der deutschen Opernhäuser, waren meist an großen, manchmal auch an mittleren Häusern engagiert, einige von ihnen machten sogar eine internationale Karriere.

Was zunächst nur ein Nebeneffekt dieser Spurensuche war, entwickelte sich rasch zu einem neuen Untersuchungsgegenstand: In welcher Weise haben die sich radikal verändernden politischen Verhältnisse dieses Zeitraumes den Lebensweg der Musikerinnen und Musiker beeinflusst? Das Ergebnis ist banal und bewegend zugleich: Fast keine der Karrieren ist ganz gradlinig geblieben. Die einen wurden ihrer Herkunft wegen zunächst ihrer beruflichen Chancen beraubt, etwa durch den Ausschluss aus der Reichsmusikkammer. Viele von ihnen wurden später Opfer des Nazi-Völkermordes oder wären es geworden, wenn sie nicht noch rechtzeitig Deutschland hätten verlassen können. Anderen, wie etwa Hanns Niedecken-Gebhard, verschaffte die Gunst der Nationalsozialisten einen erheblichen Zuwachs an Ansehen.

Dies ist der erste Teil der Spurensuche nach den Solisten der Göttinger Händel-Festspiele. Auch in den Festspielen der späteren Jahre gab es Menschen mit bemerkenswerten Schicksalen, über die ich im zweiten Teil dieser Untersuchung berichten möchte.

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