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Musikgeschichte(n) aus Göttingen

Überblick

Die Geschichte des Seminars lässt sich bequem nach den Amtszeiten der Lehrstuhlinhaber gliedern. Ein Überblick vorab: Friedrich Ludwig, der Begründer des Seminars, wirkte von 1920 bis zu seinem Tod 1930. Ihm folgte von 1932 bis 1942 Hermann Zenck, anschließend von 1943 bis 1957 Rudolf Gerber. Nachfolger Gerbers wurde 1960 Heinrich Husmann. Nach ihm wurde 1983 Martin Staehelin berufen, der 2002 emeritiert wurde. Ein Jahr vor dem Amtsantritt Staehelins wurde 1982 Rudolf Brandl als Professor für Musikethnologie an das Musikwissenschaftliche Seminar berufen, der 2008 in Ruhestand ging. Die Göttinger Professur für historische Musikwissenschaft wurde 2008 mit Andreas Waczkat neu besetzt, der dieses Fach außerdem an der Musikhochschule Hannover lehrt.

Ära Ludwig

Friedrich Ludwig Bild 1, der erste Göttinger Ordinarius des vergleichsweise jungen Universitätsfaches, hatte sich 1905 in Straßburg habilitiert und dort 1910 eine außerordentliche Professur bekleidet. Nach dem verlorenen Weltkrieg aus dem nun wieder französisch gewordenen Straßburg ausgewiesen, wurde er 1919 als außerordentlicher Professor für Musikwissenschaft nach Göttingen berufen – allerdings ohne dass es ein Institut für dieses Fach gab. Er beantragte die Errichtung des Seminars am 28. Januar 1920 beim Berliner Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung und begründete seinen Antrag so: „Das Bedürfnis nach einer eigenen Lehrmittelsammlung für den musikgeschichtlichen Unterricht und einer seminaristischen Arbeitsstätte für die Studierenden des Fachs, die selbsttätig weiter arbeiten wollen, ist mit der Ausbreitung der musikgeschichtlichen Studien in Deutschland, besonders in den letzten beiden Jahrzehnten, an den Universitäten, an denen planmäßige Lehrstühle mit Vertretern der Musikgeschichte besetzt sind, lebhaft hervorgetreten und überall in einem den verfügbaren Mitteln entsprechenden Umfang befriedigt worden. … Auch für Göttingen ist die Errichtung gleich dringlich.“

Das Musikwissenschaftliche Seminar ist in den Anfangsjahren im Aulagebäude der Universität beheimatet: im Vorraum der Galerie der Aula. Bild 2 Meist bietet Ludwig drei Lehrveranstaltungen pro Semester an, eine sechsstündige musikgeschichtliche Vorlesung, die in einem Vier-Semester-Turnus von der „älteren Instrumentalmusik“ über „Händel und Bach“ sowie „Haydn und Mozart“ bis „Beethoven“ reicht, dazu ein notationskundliches Seminar „Musikalische Paläographie mit Übungen“ sowie „Musikgeschichtliche Übungen, zweistündig, in zu verabredenden Stunden, privatissime und gratis“. Bild 3 

Ludwig wohnte im Hause Grüner Weg 1. Bild 4 Doch war dies nicht eine Nebenstraße der Hannoverschen Straße, wie Ursula Günther in ihrem faktenreichen Aufsatz „Friedrich Ludwig in Göttingen“ (enthalten in „Musikwissenschaft und Musikpflege an der Georg-August-Universität in Göttingen, herausgegeben von Martin Staehelin, Göttingen 1987, S. 152 bis 175) vermutet, sondern Nebenstraße der Herzberger Landstraße, die 1930 nach dem Geographen Hermann Wagner in „Wagnerstraße“ umbenannt wurde. Dessen Haus hatte zu Ludwigs Zeiten noch die Anschrift Grüner Weg 8. Die Nummer 1 trägt heute eine Gedenktafel – allerdings nicht für Ludwig, sondern für den Pädagogen Erich Weniger, der dort von 1949 bis 1961 wirkte. Denn das Haus Nr. 1 war seit dem Sommersemester 1932 Heimstätte des Pädagogischen Instituts. Überhaupt war der Grüne Weg eine echte Professorenstraße: 1920 wohnte der Germanist Edward Schröder in Nr. 2, der Archäologie-Assistent Kurt Müller in Nr. 4 und der Theologe Friedrich Spitta in Nr. 9. In Ludwigs Wohnung – Vormieter dürfte der 1919 verstorbene Göttinger Physikprofessor Woldemar Voigt gewesen sein – soll sich „in der Mitte des riesigen Bibliotheksraumes“ eine Orgel befunden haben. Diese Information von Hildegard Besseler, der Witwe des Ludwig-Schülers Heinrich Besseler, erwähnt Ursula Günther in ihrem Ludwig-Aufsatz. Bild 5

Geboren 1872 in Potsdam, hatte Ludwig zunächst Geschichte in Marburg und Straßburg studiert und wurde 1896 mit „Untersuchungen über die Reise- und Marschgeschwindigkeit im XII. und XIII. Jahrhundert“ promoviert. Anschließend studierte er Musikwissenschaft bei Gustav Jacobsthal in Straßburg, dem damals einzigen ordentlichen Professor für Musikwissenschaft im Deutschen Reich. Die Interessen des Studenten und seines Lehrers passten vorzüglich zusammen: Jacobsthals Spezialgebiet war die Mensuralnotation des 12. und 13. Jahrhunderts, also genau jenes Zeitraums, mit dem sich Ludwig in seiner historischen Dissertation – wenn auch auf völlig anderem Untersuchungsfeld – beschäftigt hatte.

Ludwig befasste sich anhand von akribischen Quellenstudien mit der frühen Mehrstimmigkeit in der abendländischen Musik. Er ist, wie es Ursula Günther in ihrem Aufsatz beschreibt, „jahrelang unermüdlich von Bibliothek zu Bibliothek gereist, um alle seinerzeit auffindbaren Quellen mit Musik vom 11. bis zum frühen 15. Jahrhundert handschriftlich zu kopieren“: Kopien, Fotos oder Mikrofilme gab es damals noch nicht. Alle diese Quellen musste er zudem aus der mittelalterlichen Notation transkribieren. Zu seinen Veröffentlichungen gehört ein bis heute maßgeblicher Katalog der Organa und der Motetten des 13. Jahrhunderts und der erste Band einer Gesamtausgabe von Guillaume de Machaut (um 1300-1377).

Bald schon sind in den Vorlesungsverzeichnissen, nun unter der Überschrift „Geschichte und Theorie der Musik“, auch die Theoriekurse des 1921 neu berufenen akademischen Musikdirektors Karl Hogrebe (1877-1953) angeführt, nämlich Harmonielehre, Kontrapunkt für Anfänger sowie Kontrapunkt, Formenlehre und Instrumentenkunde „für Vorgeschrittene“, alle Kurse „nach Verabredung, für Zuhörer aller Fakultäten“. Diese Theoriekurse wurden von Hogrebes Nachfolgern kontinuierlich fortgeführt: 1946 bis 1948 von Ludwig Doormann (1901-1992), dem Leiter der Göttinger Stadtkantorei, 1950 bis 1987 von Hermann Fuchs (1924-1999), von da an bis heute von Ingolf Helm (Jahrgang 1954).

Schon früh stellt sich Ludwig in den Dienst der Universitätsverwaltung: 1924 wird er Dekan der Philosophischen Fakultät, 1929 Rektor der Universität. Doch sein Tod 1930, mit noch nicht 60 Jahren, beendete jäh diese Karriere. Sein Nachlass, aufbewahrt in der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek, umfasst 33 große Kästen. Der Musikwissenschaftler Joseph Müller-Blattau, Student bei Ludwig in dessen Straßburger Zeiten, formulierte in einem Nachruf 1930, sein Lehrer sei ein Mensch „von klarem, praktischem Blick, von ruhiger, zielbewusster Energie, die Vertrauen einflößte, und von einer vorbildlichen Treue bis ins Kleinste“ gewesen. „Dabei viel Wesens von sich zu machen, war nicht seine Art. Er diente still.“

Übrigens besaß Ludwig keinesfalls einen Tunnelblick auf sein zentrales Forschungsgebiet, das Mittelalter. In seiner Studentenzeit verfasste er 1895 eine Wagner-Parodie unter dem Titel „Walhalls Not oder Der Weltwurm“. Sein Nachlass in der SUB enthält ein 93-seitiges Konvolut mit „Materialien zu einer Musikgeschichte Göttingens“ aus der Zeit zwischen 1735 und 1906.

Ära Zenck

Zwei Jahre dauerte es, bis der vakante Lehrstuhl neu besetzt wurde. In der Zwischenzeit war es gelungen, das Seminar aus dem Ein-Raum-Provisorium in der Aula ins Accouchierhaus am Geismartor zu verlegen, eine halbe Etage im Erdgeschoss, die zuvor die Photochemische Abteilung beherbergt hatte. Als 1932 Hermann Zenck Bild 6  als Privatdozent an das Seminar berufen wurde, hatte es mit dem Ankauf der wissenschaftlichen Bibliothek aus dem Nachlass Friedrich Ludwigs auch endlich eine angemessene Buchausstattung erhalten. Erblickt man in den alten Bänden der heutigen Seminarbibliothek den kleinen Stempel „Bibliothek Ludwig“, findet man dort überall eingestreut Literaturhinweise und andere Querverbindungen, die der Wissenschaftler mit akkuraten, platzsparend kleinen Buchstaben, teilweise in einer ihm eigenen Kurzschrift, handschriftlich eingetragen hat.

Hermann Zenck (1898-1950) hatte in Heidelberg und Leipzig bei Theodor Kroyer studiert und wurde 1924 mit einer Dissertation über Sixtus Dietrich promoviert, einen Kirchenmusiker aus der Zeit der Reformation. In Göttingen durchlief er alle Stationen einer akademischen Karriere: 1932 bis 1934 Privatdozent, 1934 bis 1936 außerordentlicher Professor, 1937 ordentlicher Professor, 1941 planmäßiger ordentlicher Professor. 1942 wechselte Zenck an die Universität Freiburg, wo er 1950 mit nur 52 Jahren starb. „Die Fragen nach Sinn und tieferen Gründen eines musikgeschichtlichen Phänomens […] zeichneten Zenck in hohem Maß aus“, schreibt Martin Staehelin in einem Enzyklopädie-Artikel. „Der frühe Tod Zencks raubte der Musikforschung einen überaus fähigen und profilierten Fachvertreter.“

Ära Gerber

Ihm folgte 1943 Rudolf Gerber (1899-1957), Bild 7 der unter anderem bei Hermann Abert in Halle studiert hatte. Es waren übrigens unter anderem Aberts Hallenser Händel-Vorlesungen, die Oskar Hagen 1920 zur Wiedererweckung der Händel-Opern in Göttingen angeregt hatten. Gerber genoss einen ausgezeichneten Ruf in der deutschen Musikwissenschaft. Er begründete eine Gluck-Gesamtausgabe, schrieb Bücher über den barocken Opernkomponisten Johann Adolf Hasse, über die Passionen von Heinrich Schütz und über Johannes Brahms. Dazu war er Herausgeber etlicher Bände in der traditionsreichen Reihe der kleinen gelben Eulenburg-Taschenpartituren. Unter den Schülern Gerbers befinden sich etliche Musikwissenschaftler, die eindrucksvoll Karriere gemacht haben. Genannt seien Carl Dahlhaus (1928-1989), Ludwig Finscher (1930-2020) und Rudolf Stephan (1925-2019), die zu den prägenden Persönlichkeiten der deutschen Musikwissenschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehörten. Was das angeht, war die Ära Gerber sicherlich die ertragreichste in der gesamten Geschichte des Seminars.

Das „nach Breite und Qualität in der Musikwissenschaft des 20. Jahrhunderts einzigartige wissenschaftliche und kritische Œuvre“ von Carl Dahlhaus Bild 8 (Zitat aus dem Prospekt der Gesamtausgabe) umfasst zehn dickleibige Bände. Finscher Bild 9 war von 1994 bis 2008 Herausgeber der Neuauflage der knapp 30-bändigen Enzyklopädie „Musik in Geschichte und Gegenwart“ Bild 10, Stephan Bild 11 zeichnete unter anderem für die Gesamtausgabe der Werke Arnold Schönbergs verantwortlich, von der seit 1969 rund 75 Bände erschienen sind. Gerber-Schüler war auch Alfred Dürr (1918-2011) Bild 12 , einer der angesehensten Bach-Forscher des 20. Jahrhunderts, der sich vor allem um die Klärung der Chronologie der Bachschen Kantaten verdient gemacht hat. Er war die Seele des Göttinger Johann-Sebastian-Bach-Instituts in der Dahlmannstraße Bild 13  war das Bach-Institut angesiedelt. In der „Neuen Bach-Ausgabe“, der mehr als hundert Bände umfassenden Gesamtausgabe der Werke des barocken Komponisten, publizierte er unter anderem die beiden Bände mit dem „Wohltemperierten Klavier“ und, zusammen mit Walter Blankenburg, das „Weihnachts-Oratorium“ und war bei zahlreichen Bänden die korrigierende Instanz im Hintergrund. Auch der überregional angesehene Musikkritiker Joachim Kaiser (1928-2017), von 1959 an Kulturredakteur der „Süddeutschen Zeitung“ und von 1977 bis 1996 Professor für Musikgeschichte an der Musikhochschule Stuttgart, Bild 14 gehörte zu den Schülern Gerbers. Er hat wohl noch wesentlich mehr Menschen mit seinen Publikationen erreicht als seine akademischen Kollegen. In ihrer Göttinger Zeit sind Dahlhaus und Finscher übrigens auch im Kulturleben ihrer Stadt hervorgetreten: Dahlhaus war von 1950 bis 1958 Dramaturg am Deutschen Theater unter Heinz Hilpert, Finscher von 1955 bis 1960 freier Musikkritiker unter anderem am Göttinger Tageblatt.

Exkurs: Musikwissenschaft und Nationalsozialismus

Erst knapp 50 Jahre nach dem frühen Tod Gerbers wurde seine Zusammenarbeit mit nationalsozialistischen Institutionen bekannt: So lange dauerte es, bis die Verflechtungen der deutschen Musikwissenschaft mit den Nationalsozialisten aufgedeckt wurden. 1937 trat Gerber in die NSDAP ein und arbeitete von 1939 bis mindestens Ende 1942 im Amt Musik des Einsatzstabes Reichsleiter Rosenberg, das unter anderem für die Beschlagnahmung von Kulturgut geflohener Juden in den von den deutschen Truppen besetzten Gebieten Westeuropas verantwortlich war. Nicht nur Rudolf Gerber hat Verbindungen mit dem Nationalsozialismus gepflegt. Auch Hermann Zenck stand dem Regime als Parteimitglied seit 1937 und SA-Mitglied seit 1939 nahe.

1948 wurde der Spezialist für Lauten-Tabulaturen und Schumann-Forscher Wolfgang Boetticher (1914-2002) Bild 15  als Privatdozent nach Göttingen berufen und 1956 zum außerordentlichen Professor ernannt. Dass Boetticher an dem berüchtigten, 1940 erschienenen „Lexikon der Juden in der Musik“ von Theo Stengel und Herbert Gerigk mitgearbeitet hatte, war bekannt, wurde aber nicht weiter beachtet. Im Gegenteil: Boetticher war jahrelang Vertrauensdozent der Studienstiftung des deutschen Volkes und von 1972 bis 1974 Dekan der Philosophischen Fakultät.

Große Wellen schlug später aber die Aufdeckung der Zugehörigkeit Boettichers zum Amt Rosenberg im „Sonderstab Musik“, in dessen Auftrag er im Osten Europas sowie nach 1940 im besetzten Paris an Konfiskationen von Büchern, Musikalien und Instrumenten beteiligt war. Das hatte er lange verschwiegen. Als die ersten Dokumente auftauchten, aus denen seine Verstrickung deutlich wurde, stritt er seine Beteiligung vehement ab. Diese Haltung behielt er auch bei, als Konfiskationslisten gefunden wurden, die seine Unterschrift trugen. Bild 16 Schließlich wurden die Beweise im Gefolge der Veröffentlichung des Buches „Sonderstab Musik“ des niederländischen Journalisten Willem de Vries (Köln 1998) Bild 17  so erdrückend, dass Boetticher im Wintersemester 1998/99 die Lehrtätigkeit im Musikwissenschaftlichen Seminar untersagt wurde – 50 Jahre nach Beginn seiner Göttinger Universitätslaufbahn. Im Gefolge dieser Enthüllungen kam es zu grotesken Spekulationen. So wurde in einer TV-Sendung die Vermutung verbreitet, die Musikinstrumentensammlung des Seminars enthalte von Boetticher in Paris konfiszierte Objekte. Dass ihr Bestand – siehe weiter unten – mit diesen Konfiskationen in keiner Weise zusammenhängt, sondern auf die Sammlung Moeck zurückgeht, war in dieser Sendung offenbar nicht recherchiert worden. Von Boetticher hieß es, er „verschanze sich in seiner Villa“. Gezeigt wurde dazu das Haus Dahlmannstraße 10, in dem er eine Mietwohnung hatte und das keineswegs ihm gehörte.

Gerber und Boetticher sind keine Einzelfälle in der deutschen Musikwissenschaft. Der oben erwähnte Ludwig-Schüler Joseph Müller-Blattau (1895-1976) wurde schon 1933 Partei- und SA-Mitglied und arbeitete 1936 für die Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe der SS über „Germanisches Erbe in deutscher Tonkunst“. Das Vorwort dazu schrieb Heinrich Himmler. Gemeinsam mit dem Tenor Reinhold Hammerstein nahm Müller-Blattau, der selbst Bariton sang, für den Rundfunk Kampflieder auf, wie „Erde schafft das Neue“ und „Heilig Vaterland“ von Heinrich Spitta oder „Es dröhnt der Marsch der Kolonne“ von Herbert Napiersky. Deshalb wurde Müller-Blattau auch als „Sänger der musikalischen Machtergreifung“ apostrophiert. Dennoch wurde er ohne irgendwelche Bedenken 1952 zum ersten Ordinarius für Musikwissenschaft an der Universität Saarbrücken berufen. Die amerikanische Musikwissenschaftlerin Pamela Potter hat auf diesem Gebiet sorgfältig recherchiert und viele Fälle ermittelt, bei denen die Betroffenen in der Zeit nach 1945 ihre Beteiligung durch Verschweigen zu vertuschen versucht haben – auf dieselbe Weise wie Gerber und Boetticher. Vielleicht habe Boetticher Mühe gehabt, so Staehelin in seinem Nachruf anlässlich der Trauerfeier für Boetticher 2002, „nach so langer Zeit noch Richtiges und Falsches auseinanderzuhalten und kritisch zu beurteilen.“

Ära Husmann

Nach dem Tod Gerbers 1957 wurde Boetticher vertretungsweise mit der Institutsleitung betraut. Drei Jahre dauerte es, bis der Nachfolger Gerbers berufen wurde: der aus Köln stammende Musikwissenschaftler Heinrich Husmann (1908-1983) Bild 18 , ein Schüler Friedrich Ludwigs, der ihm in dessen letzten Göttinger Jahren die schweren Büchertaschen schleppte und es 1960 „als besondere Auszeichnung empfand, auf den Göttinger Lehrstuhl seines verehrten Lehrers berufen zu werden“, wie Ursula Günther in ihrer Ludwig-Würdigung 1987 geschrieben hat.

Unter Husmann wurde das zuvor in erster Linie musikhistorisch orientierte Seminar wissenschaftlich breiter aufgestellt. Denn zu Husmanns Forschungsgebieten gehörte beispielsweise auch die musikalische Akustik, die zum Bereich der „Systematischen Musikwissenschaft“ gerechnet wird. Daneben befasste sich Husmann in der Forschung, teilweise auch in der Lehre, mit orientalischen Musikkulturen. 17 Jahre lang bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1977 war Husmann am Seminar tätig. Er und sein Kollege Boetticher betreuten zahlreiche Dissertationen. So sind in den 1960er-Jahren unter anderem die späteren Professoren Dankmar Venus (Jahrgang 1929, Professor für Musik und ihre Didaktik an der PH Göttingen) Bild 19 , Tibor Kneif (1932-2016, Professor für Musikwissenschaft an der Freien Universität Berlin, daneben auch als Musikkritiker tätig) Bild 20 , Dietz-Rüdiger Moser (1939-2010, Kulturhistoriker), Friedhelm Döhl (1936-2018, Komponist) Bild 21 und Rudolf Frisius (Jahrgang 1941, unter anderem Leiter des Instituts für Neue Musik und Musikerziehung Darmstadt) Bild 22  aus dem Göttinger Seminar hervorgegangen.

Mit einer Dissertation über Haydns Oratorien wurde 1965 Anke Riedel-Martiny (1939-2016) Bild 23 promoviert. Sie ist vor allem durch ihre politische Arbeit in der SPD bekanntgeworden, in die sie im Jahr ihrer Promotion eintrat. 1972 gehörte sie zu den Mitbegründerinnen der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen und war mehrere Jahre mit dem SPD-Politiker Peter Glotz verheiratet. In den 1970er-Jahren schrieb der japanische Bachforscher Yoshitake Kobayashi (1942-2013) seine Dissertation in Göttingen, der mit seinen Kenntnissen über die von Bach verwendeten Papiere eine Art Radiocarbonmethode für die Datierung Bachscher Kompositionen eingeführt hat. 1983 wurde unter anderem Wolfgang Auhagen Bild 24 (Jahrgang 1953) promoviert, der heute an der Universität Halle lehrt. Das Spezialgebiet der Husmann-Schülerin Ursula Günther (1927-2006) war die Musik zwischen 1377 und 1420, für die sie den Begriff „Ars subtilior“ prägte, ein weiteres die Pariser Werke Verdis. Sie wurde 1976 in Göttingen zur außerordentlichen Professorin, 1978 zur Professorin ernannt und lehrte ebenfalls am Musikwissenschaftlichen Seminar.

Einen großen Teil der Husmann-Ära habe ich miterlebt. Zu meinen persönlichen Erinnerungen gehören auch Dinge, die nicht in den offiziellen Chroniken stehen: Etwa, dass sich Husmann und Boetticher in ihren Lehrveranstaltungen die Musikgeschichte an dem Jahr 1600 aufteilten. Husmann war für die Zeit davor, Boetticher für die Zeit danach zuständig. Boetticher hatte auch zahlreiche Hörerinnen und Hörer in Volkshochschulkursen. Sein auffälliger schwarzer Mercedes-Benz der oberen S-Klasse (von ihm gern scherzhaft „mein Goggomobil“ genannt), eindrucksvoll ausgestattet mit zahlreichen Zusatzinstrumenten wie Ampère- und Voltmetern, Kurzwellenempfänger und Höhenmesser, wurde immer wieder von Neugierigen in den Göttinger Straßen bestaunt, ebenso die barocke Körperfülle, die Boetticher mit lässiger Grazie zur Schau stellte. Bild 25 

Als ich 1967 mit dem Studium der Musikwissenschaft begann, waren im Accouchierhaus noch drei Seminare beheimatet, die Musikwissenschaft (und die Privatwohnung der Familie des Hausmeisters Fritz Pusch) im Erdgeschoss, das Seminar für Ur- und Frühgeschichte in der ersten, das Kunstgeschichtliche Seminar in der zweiten Etage. Die anderen Seminare sind Ende der 1980er-Jahre umgezogen, sodass die Musikwissenschaft seitdem Alleinherrscherin im Accouchierhaus ist. Bild 26  Dennoch spiegeln die bis heute geltenden Rufnummern im Telefonnetz der Universität immer noch die alte Anordnung: Das Geschäftszimmer der Musikwissenschaft ist unter 39-25072 zu erreichen, die Ur- und Frühgeschichte unter 39-25082 (ein Stockwerk höher: plus zehn), die Kunstgeschichte unter 39-25092 (zwei Stockwerke höher: plus zwanzig).

Der Fortzug der beiden Seminare hat vor allem der Musikinstrumentensammlung des Seminars genutzt. Bild 27  Ihr steht die gesamte obere Etage zur Verfügung. Den Grundstock der Sammlung hat die Universität 1964 auf Initiative Heinrich Husmanns angekauft: eine 1050 Objekte umfassende Privatsammlung des Instrumentenfabrikanten Hermann Moeck (1896-1982) aus Celle, zu der unter anderem auch altägyptische Objekte Bild 28 aus der musikarchäologischen Privatsammlung Hans Hickmann gehörten (Hickmann ist später als Leiter der Archivproduktion der Deutschen Grammophongesellschaft hervorgetreten). Durch weitere Ankäufe ist die Göttinger Musikinstrumentensammlung, betreut von Kustos Dr. Klaus-Peter Brenner, inzwischen auf mehr als die doppelte Anzahl von Objekten angewachsen. Doch konnten zu Husmanns Zeiten die Instrumente nicht öffentlich gezeigt werden. Sie waren in einem größeren Raum magaziniert, nur wenige Schaustücke standen in Vitrinen in den Fluren des Erdgeschosses. Statische Probleme, verursacht durch das hohe Gewicht von Sammlungsschränken der Ur- und Frühgeschichte, wurden durch die aufwendige Grundsanierung behoben, die 1985 begann und einige Jahre dauerte.

1977 wurde Husmann emeritiert. Bis zur Wiederbesetzung seines Lehrstuhls wurde Boetticher – 1974 zum Wissenschaftlichen Rat und Professor ernannt – abermals zum Interims-Direktor des Seminars bestellt. Seine offizielle Amtsbezeichnung lautete „Direktor (m. d. W. d. G. b.)“ (mit der Wahrnehmung der Geschäfte beauftragt). 1982 war mit der Berufung von Rudolf Maria Brandl (Jahrgang 1943, Eintritt in den Ruhestand 2008. Brandl ist 2018 verstorben.) Bild 29 als Professor für Musikethnologie ein neuer Bereich des reich verzweigten Faches Musikwissenschaft eingerichtet worden.

Exkurs: Die Assistenten

Auch die Assistenten, die in dieser Zeit am Seminar wirkten, haben wissenschaftlich Karriere gemacht. Von Ludwig Finscher, Assistent 1959/60, war bereits die Rede. Ihm folgte in dieser Position bis 1966 Hans-Otto Hiekel, der unter anderem als Herausgeber von Musikalien hervorgetreten ist. Reinhard Gerlach (1934-2017), Assistent bis 1971, wurde später Professor für Musikwissenschaft an der Musikhochschule Stuttgart, sein Nachfolger Horst-Peter Hesse (1935-2009) lehrte als Professor für Theorie der Musik am Mozarteum Salzburg. Von 1970 bis 1972 war der Musikwissenschaftler Horst Weber (Jahrgang 1944) am Seminar tätig. Er trat mit einer vielbeachteten Arbeit über den Wiener Komponisten Alexander von Zemlinsky hervor und war von 1978 bis zu seinem Ruhestand 2010 Professor für Musikwissenschaft an der Folkwang Hochschule Essen. Von 1983 an war Ulrich Konrad (Jahrgang 1957) Assistent bei Prof. Staehelin. Er ist heute, als bislang einziger Musikwissenschaftler 2001 ausgezeichnet mit dem renommierten Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis, Ordinarius an der Universität Würzburg und erhielt 2017 das Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Nachfolger von Ulrich Konrad als Assistent wurde 1993 Jürgen Heidrich (Jahrgang 1959). Er habilitierte sich 1999 und ist seit 2004 Professor für Historische Musikwissenschaft an der Universität Münster. Seit 2008 ist er ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen.

Ära Staehelin

1983 wurde der aus Basel stammende Musikwissenschaftler Martin Staehelin (Jahrgang 1937) Bild 30 auf den musikhistorischen Lehrstuhl berufen. Vor seiner akademischen Laufbahn hatte er ein Diplom als Flötist und das Gymnasiallehrerdiplom in den Fächern Latein, Griechisch und Schulmusik erworben. 1967 wurde er in Basel promoviert und habilitierte sich 1971 an der Universität Zürich mit einer Studie über den Komponisten Heinrich Isaac. Bevor er sein Göttinger Amt antrat, war er von 1976 bis 1983 Direktor des Beethoven-Archivs und -Hauses in Bonn. Zu den Lehrkräften in dieser Zeit gehörte auch der Bach-Forscher Klaus Hofmann (Jahrgang 1939) Bild 31 , der 1978 Wissenschaftlicher Mitarbeiter, 1981 hauptamtlicher Leiter und 2004 Leitender Direktor des Göttinger Johann-Sebastian-Bach-Instituts wurde. 1994 wurde er zum Honorarprofessor an der Universität Göttingen ernannt, 2006 trat er in den Ruhestand. Seit 1987 ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, wurde Staehelin 2002 emeritiert und war darüber hinaus von 1993 bis 2006, dem Schließungsjahr, ehrenamtlicher Direktor des Göttinger Johann-Sebastian-Bach-Instituts (siehe oben). 2011 wurde er mit der Ehrendoktorwürde der Universität Münster ausgezeichnet. Mit seinen 19 Dienstjahren am Seminar war Staehelin der am längsten amtierende C4-Musikprofessor im Accouchierhaus – mit einer kleinen geographischen Unterbrechung: Während der Sanierung des historischen Gebäudes am Geismartor musste das Seminar in die alte Pathologie an der Goßlerstraße umziehen. Auch nach seiner Emeritierung ist Staehelin wissenschaftlich aktiv geblieben. Derzeit beendet er – so die Auskunft seiner Ehefrau – seine vor längerer Zeit begonnene Studie über den Schweizer Musikpädagogen, Verleger und Komponisten Hans Georg Nägeli (1773-1836).

Das Seminar heute

Bis nach Staehelins Emeritierung wieder ein Musikhistoriker an das Seminar berufen wurde, dauerte es geschlagene sechs Jahre. Zwischenzeitlich wurde der Lehrbetrieb in dieser Sparte durch Vertretungen einigermaßen aufrechterhalten, so unter anderem von 2004 bis 2007 durch die Mainzer Musikwissenschaftlerin Ursula Kramer. Zeitweise hatte es den Anschein, als werde das gesamte Fach von der Universität Göttingen verschwinden. Doch mit einem Spar-Kniff gelang es, den Betrieb fortzuführen: 2008 wurde der Musikhistoriker Andreas Waczkat an das Seminar berufen, der zugleich in derselben Disziplin an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover lehrt.

2020, im hundertsten Jahr des Seminars, gibt es Lehrangebote in den beiden Teilfächern Historische Musikwissenschaft und Kulturelle Musikwissenschaft. Neben Prof. Andreas Waczkat Bild 32 sind für die Lehre auf dem Gebiet der Historischen Musikwissenschaft Dr. Christine Hoppe Bild 33 und die wissenschaftliche Mitarbeiterin Sarah Avischag Müller, MSt, Bild 34  zuständig, für die Lehre auf dem Gebiet der Kulturellen Musikwissenschaft die Musikethnologin Prof. Birgit Abels Bild 35  (am Seminar seit 2011), der Akademische Oberrat Dr. Klaus-Peter Brenner Bild 36 als Kustos der Musikinstrumentensammlung sowie Lennart Ritz, M. A., Bild 37 und Dr. Eva-Maria van Straaten. Bild 38

Das Accouchierhaus ist nach seiner anfänglichen, etwa hundertjährigen Funktion als Entbindungsklinik nun seit fast 90 Jahren Heimstatt der Musikwissenschaft in Göttingen. Mit der Musik vollzieht sich auch eine Verbindung zu der Zeit um 1850, als Josephine und Agathe, die Töchter des damaligen Hausherrn Eduard von Siebold, in diesem Gebäude (und anderswo) musizierten und wohl nicht selten auch Johannes Brahms zu Gast hatten. Sowieso ist dieses 1784 errichtete Haus am Wall ein ganz besonderes Göttinger Juwel, wie das Merian-Heft von 1953 – dem Jahr der 1000-Jahr-Feier der Stadt – mit seiner Titelillustration beweist: dem schmucken Treppenhaus, fotografiert von dem Architekten, Stadtplaner und Fotografen Gerhard Kerff (1908-2001). Bild 39  Dieses Treppenhaus hat auch nach der Restaurierung des Gebäudes seinen alten Charme bewahrt, mit dem es der einhundertjährigen Tradition der Göttinger Musikwissenschaft einen anmutigen Farbtupfer verleiht. Bild 40 

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