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Vor 50 Jahren baute die Göttinger Orgelbauwerktstatt Ott die neue große Orgel in die Jacobikirche. Dass der Betrieb vor Ort beheimatet war, täuscht leicht über die Tatsache hinweg, dass ihr Gründer Paul Ott einer der wichtigsten deutschen Orgelbauer des 20. Jahrhunderts war. Geboren 1903 in Oberteuringen bei  Friedrichshafen als Sohn eines Käsereibesitzers, absolvierte er nach einer Schreinerlehre eine Ausbildung zum Orgelbauer bei der Firma G. F. Steinmeyer & Co. in Oettingen, einer der größten Orgelbaufirmen des Reiches. Hier lernte Ott die spätromantischen Großorgeln kennen, die sich vor allem durch ihren weichen,  orchestralen und singenden Klang auszeichnen. Auch die pneumatische Traktur, bei der durch Tastendruck unter jeder Pfeife ein Ventil mittels Über- oder Unterdruck geöffnet wird, gehörte zu diesem Orgeltypus, für den z.B. Max Reger seine Orgelwerke schrieb, elementar dazu. Klang, Technik und Verständnis dieser  Instrumente stammen aus der Zeit des Kaiserreiches, das nach 1918 als ein Scherbenhaufen darnieder lag.

Als Gegenentwurf zu der Lebenseinstellung des späten 19. Jahrhunderts entwickelte sich zu dieser Zeit die Jugendbewegung, und aus dieser heraus die Singbewegung, der sich auch Paul Ott anschloss. Ein Verdienst dieser Strömung ist die Wiederentdeckung der Alten Musik und von vergessenen Musikinstrumenten. So  entstand auch das Interesse an alten, barocken Orgeln.

Gleichzeitig entstand in der Kirchenmusik die Bewegung, wieder zu alten liturgischen Formen zurückzufinden und in dieser Konsequenz die Orgelbewegung. Diese begann 1926 damit, dass für die Freiburger Orgeltagung eine Instrument gebaut wurde, dass versuchte eine Frühbarockorgel klanglich zu rekonstruieren. Im Gegensatz zur romantischen Musik mit ihren reichen Harmonien und Klangflächen waren die Kompositionen der Renaissance und des Barock sehr polyphon, d.h. auf dem eigenständigen Verlauf der einzelnen Stimmen angelegt. Für deren Wiedergabe benötigt man mehr einen „sprechenden“ als einen „singenden“ Klang, den man u.a. durch den vermehrten Bau von hochliegenden Klangfarben zu erreichen versuchte. Die Technik der Orgel war aber nach wie vor die pneumatische Traktur der romantischen Großorgeln. Ein zentrales Instrument der frühen Orgelbewegung steht in der Göttinger Marienkirche. Es wurde von Christhard  Mahrenholz, einem der führenden Köpfe der Bewegung, konzipiert und von der Firma Furtwängler & Hammer aus Hannover gebaut. Schnell kam jedoch auch der Wunsch auf, nicht nur klanglich, sondern auch technisch auf die Spuren der alten Instrumente zu gehen. Bei diesen werden die Ventile, die den Wind in die Pfeifen einlassen, über eine mechanische Verbindung von der Taste zum Ventil geöffnet. Die etablierten großen Orgelbaufirmen waren mit dieser kompletten Umstellung der Bauweise überfordert. Dazu brauchte es junge Orgelbauer als Pioniere. Einer der ersten wurde der inzwischen nach Göttingen umgesiedelte Paul Ott.

Was mit dem Bau von Kleinorgeln in einem Gartenhaus des Pfeifenmachers Giesecke begann, entwickelte sich zu einem großen Orgelbaubetrieb, der repräsentative Instrumente in ganz Deutschland, vornehmlich aber Norddeutschland baute. Vor allem nach 1945 wurden viele Kirchen, die ihre Ausstattung im zweiten  Weltkrieg verloren hatten, von Paul Ott mit neuen Orgeln bestückt. Aber auch unmodern gewordene pneumatische Instrumente aus der Romantik wurden vielfach ersetzt, z.B. in den drei Göttinger Kirchen St. Johannis, St. Albani und nicht zuletzt St. Jacobi.

Otts klangliche Ideale, nach denen er seine Orgeln intonierte, waren sehr stark von der Idee des Gegenentwurfs zur Romantik geprägt: der technisierten pneumatischen Traktur setzte Ott eine konsequente mechanische Ansteuerung der Töne entgegen, der bei den alten Instrumenten sehr hohe Winddruck wird bei Ott extrem niedrig, die weich ansprechenden, singenden und obertonarmen Pfeifen der Romantik sind bei Paul Ott nun ersetzt durch deutlich „spuckend“, obertonreich und sprechend intonierte Pfeifen. Gerade diese Intonation mit viel Geräusch und Oberton ist ein besonderes Merkmal von Ott-Orgeln.

Einer der Höhepunkte des idealistischen Orgelbaus von Paul Ott ist die große viermanualige Orgel in der Göttinger Johanniskirche, die 1954 erbaut wurde. Zuvor waren keine derart großen Instrumente ohne Spielhilfen, d.h. Vorrichtungen, die z.B. das Wechseln der Register (Klangfarben) per Knopfdruck ermöglichen,  gebaut worden. Dass man dies nun möglich machte war ein Statement und ein bewusster Verzicht. Die Orgel ist durch den Ott-Schüler Rudolf Janke aus Bovenden 2000 erweitert worden, die Grundidee wurde aber zum Glück nicht angetastet. Und so ist diese Orgel auch heute noch ein Denkmal für einen der wichtigsten Orgelbauer des 20. Jahrhunderts.

Ganz anders sah von Anfang an die Orgel in der Jacobikirche aus. Erste Planungen zu einem Umbau der pneumatischen Orgel zu einer mechanischen gehen auf das Jahr 1938 zurück. Erste ernsthafte Bemühungen fanden aber erst mit dem Dienstantritt des neuen Kantors Hans Jendis im Jahr 1951 statt. Nachdem 1960  mit Paul Ott der Vertrag über den Neubau einer Orgel abgeschlossen wurde, gingen alle Gestaltungsvorschläge von einer viermanualigen Orgel mit mechanischer Spieltraktur (Umsetzung der Tastenbewegung), aber elektrischer Registertraktur (Schaltung der Klangfarben durch Elektromotoren) aus. Dieser vielseitigere  Gegenentwurf zur puristischen Orgel in St. Johannis ist sicherlich auch auf Hans Jendis zurückzuführen, der der romantischen Musik für seine Zeit sehr offen gegenüber stand. Als am 8.5. die Orgel eingeweiht wurde, spielte er u.a. Werke von Franz Liszt und Max Reger.

Unter der Federführung von Paul Otts Sohn Dieter war ein Orgelwerk entstanden, das von der Disposition, d.h. der Zusammenstellung der Klangfarben, nicht auf die Wiedergabe von barocker oder moderner Musik beschränkt war. Dazu trug auch die elektrische Registertraktur mit einer mit Lochkarten zu betreibenden  Setzeranlage bei, die das Abspeichern und Abrufen von Registerkombinationen ermöglichte.

Schon 1968 bemängelte Hans Jendis in einem Gutachten das starke Quintieren, d.h. die starke Obertonentwicklung einiger Register – ein typisches Merkmal der Klanggebung der Werkstatt Ott. 1974 kam es dann zu einer Reparatur der Orgel durch Paul Ott, bei der u.a. auch der beschriebene klangliche Mangel und die  sehr geräuschhafte Ansprache der Pfeifen korrigiert wurde, was den ersten Eingriff in die ursprüngliche Klanggestalt darstellte. Die zweite große Überarbeitung fand 1984/85 statt. Hierbei wurden einige Register ausgetauscht, der Winddruck erhöht und in der Folge fast alle Pfeifen klanglich verändert. Auch in den 1990er Jahren wurden, nun durch die Fa. Bosch aus Niestetal Sandershausen, weitere Reparaturen und Veränderungen vorgenommen.

Im Jahr 2004 begannen die Bemühungen, das längst nicht mehr im Erbauungszustand überkommene Instrument tiefgreifend umzubauen und zu erweitern, um die Wiedergabe der Musik der Romantik besser als zuvor zu ermöglichen. 2006/2007 wurde die Orgel durch die Orgelbauwerkstätte Siegfried Schmid aus  Immenstadt im Allgäu komplett renoviert. Dabei wurde nicht nur die Lochkarten-Setzeranlage (sie befindet sich jetzt im Museum) durch eine moderne ersetzt, sondern auch ein neues Schwellwerk mit neun zusätzlichen Registern, das besonders für die romantische Musik benötigt wird, eingebaut und alle Pfeifen zu  einem weicheren, singenderen Klang umintoniert. Am Pfingstwochenende 2007 wurde die erneuerte Orgel durch Kantor Stefan Kordes eingeweiht. Durch den Umbau beherbergt die Jacobikirche nun nicht nur die größte Orgel in Südniedersachsen, sondern auch ein Instrument, das wie kein anderes in der weiteren  Umgebung für symphonische Orgelmusik der romantischen Epoche geeignet ist. Davon kann man sich während der Internationalen Orgeltage 2016 reichlich überzeugen.

Der nächste Termin der Internationalen Orgeltage 2016 findet 28. Oktober statt. Arvit Gast (Lübeck) speilt Werke von Reger, Reimann (Wie schön leuchtet), Karg-Elert und Bach.

Am Reformationstag, Montag, den 31. Oktober um 20 Uhr findet ebenfalls im Rahmen der Internationalen Orgeltage die traditionelle Abendmusik am Reformationstag statt. Der Kammerchor St. Jacobi lässt Werke von Max Reger (Ein feste Burg ist unser Gott), Frank Martin und Johann Sebastian Bach erklingen. An der Orgel spielt Ulfert Smidt (Hannover), die Leitung hat Kantor Stefan Kordes.

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