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Göttinger Symphonie Orchester

In den Krisenzeiten durch Corona haben meine Freunde und ich uns jeden Abend auf die Balkonkonzerte gefreut, in denen uns Stimmen und Instrumente den Klang von Zusammenhalt und Hoffnung hören ließen. Manchmal schief, krumm oder viel zu laut. Aber an diesen Abenden ging es weniger darum, wie melodisch und sauber etwas klang, sondern mehr darum, dass etwas erklang. Auf den großen berührenden Orchesterklang und das besonderen live-Konzerterlebnis mussten wir jedoch alle verzichten – sowohl das Publikum als auch die Musiker. Das Göttinger Symphonie Orchester (GSO) sieht in der Krise nun eine Chance und sucht auf bisher unterschiedlichsten Wegen nach neuen Formaten: Erstmals nach drei Monaten kommen die Musiker und Musikerinnen am Dienstag, den 7. Juli in voller Besetzung in der Lokhalle zusammen, um drei Tage lang ein Video für ihr Publikum aufzunehmen. Auf dem Programm stehen Antonín Dvořáks Symphonie Nr. 9 «Aus der neuen Welt» op.95, die Musik aus «Fluch der Karibik» als Arrangement für Orchester, «Tico Tico» von Zequinha de Abreu und die «Ungarischen Tänze» Nr. 5 und 1 von Johannes Brahms.

Der Aufbau in der LOKHALLE

Milton Aufbau600„Das wird historisch!“ sagt der Chefdirigent Nicholas Milton verzückt, als wir gemeinsam den Aufbau der Bühne beobachten. Der kleine Sohn des Orchesterinspizienten schiebt zwischen den weitläufigen Sitzreihen die leere Sackkarre in Höchstgeschwindigkeit von links nach rechts. „Wir sind das erste deutsche Orchester, was in voller Besetzung wieder zusammenspielt“, erzählt Milton aufgeregt. Das Orchester hat in der Lokhalle die großartige Möglichkeit, mit Sicherheitsabstand zu spielen. Dieser soll zwischen den Streichern in Anbetracht der anhaltenden Corona-Pandemie mindestens eineinhalb Meter, bei Blech- und Holzbläsern sogar drei Meter betragen. Sicherlich keine leichten Bedingungen für die Orchestermusiker. Morgen findet die erste gemeinsame Probe statt: „Ich habe keine Ahnung wie es klingen wird! Wir müssen komplett neu erlernen, wie es ist, mit Abstand zu musizieren“, teilt der Chefdirigent aufgeregt mit. Als ich ihn frage, welche Motivation er mit der Videoproduktion verfolgt, antwortet er höchstmotiviert: „Wir wollen wieder Musik machen! Unsere Herzen sterben!“. Außerdem gehe es darum, Musik aus Göttingen wieder zu den Göttingerinnen und Göttingern zu bringen.

Das erste gemeinsame Musizieren in voller Besetzung

orchester 450Am Dienstag höre ich mir die einzige Probe vor den Ton- und Videoaufnahmen an. Die insgesamt 54 Musikerinnen und Musiker sitzen ungewohnt weit voneinander entfernt und spielen hochkonzentriert den zweiten Satz der 9. Sinfonie von Antonín Dvořák. Die unterschiedlichen Farben ihrer Mund-Nasen-Bedeckung verwandeln die Bühne in ein fröhliches Farbspektakel. In klagender Melancholie spielt das Horn die Hauptmelodie. Wenig später lösen die Flöten einen Stimmungswechsel ins Heitere aus. Milton erläutert seinem Orchester nach dem ersten Durchspielen, weshalb gerade jetzt ausgerechnet dieses Stück auf dem Plan steht: „Als Dvořák das Werk komponiert hat, war er einsam in New York und blickte auf seine Heimat zurück. Diese Sehnsucht nach Normalität empfinden wir auch, und das soll unser Publikum hören!  Also nochmal!“

Die Erklärung sitzt: Als das Orchester leidenschaftlich den Satz zu Ende spielt, kündigt Milton eine kurze „Luftpause“ an.

Wie geht es den Musikerinnen und Musikern?

Horn Sicherheitsabstand450Die Pause nutze ich, um den Pauker Johannes Karl, den Kontrabassisten Holger Michalski und die Hornistin Kathrin Duschmalé zu fragen, wie sie die Zeit ohne das gemeinsame Musizieren überstanden haben. Alle drei haben eigene Wege gefunden, sich mit dem heimischen Musizieren durch die Krise zu tragen. Da der Proberaum des Orchesters die ganze Zeit geschlossen war, befand sich Johannes regelmäßig in seinem Keller und musizierte dort auf seiner Pauke. Oder man fand ihn in der Küche, wo er auf Marmeladengläsern oder Wasserschüsseln Rhythmen improvisierte. Holger und Kathrin haben in dieser Zeit Stücke wiederentdeckt, von denen sie nicht mehr wussten, dass sie sie einst gespielt hatten. Des Weiteren erzählen sie mir von den Herausforderungen, die der Sicherheitsabstand beim gemeinsamen Musizieren im Orchester bei den Aufnahmen mit sich bringt: „Die Reaktionsgeschwindigkeit verlangsamt sich und dadurch, dass die Instrumentengruppen so weit voneinander entfernt sitzen, wirkt es musikalisch manchmal weicher als es ist“, so Kathrin. Für Holger hingegen, verlief es bisher besser als gedacht: Unter normalen Umständen würde er sich mit seinem Kontrabass-Kollegen das Pult teilen. Nun sitzen die beiden zwei Meter voneinander entfernt.  „Ich kenne ihn jedoch so gut, dass ich weiß, wie und wann er reagiert!“ sagt er beruhigt. Trotz der Einschränkungen haben sie jede Möglichkeit genutzt, um ihrem Publikum im Kopf und im Ohr zu bleiben. So erfahre ich von Kleinkonzerten in Altersheimen, von Dankes-CDs für treue Abonnentinnen und Abonnenten, sowie von musikalischen Beiträgen auf unterschiedlichsten sozialen Medienkanälen. Es sei vor Allem darum gegangen, dem Publikum etwas zurückzugeben: „Viele Abonnenten haben darauf verzichtet ihr Abonnement zu kündigen. Diese Solidaritätswelle schätzen wir in Zeiten wie diesen so sehr“, sagt Holger dankbar. Es scheint, als habe die Krise das Bewusstsein um die Verbundenheit zwischen dem GSO-Publikum und Orchester beiderseits nachhaltig geprägt: „Die Video-Produktion kann zwar nichts ersetzen, aber es soll für unser Publikum ein besonderes Extra werden!“ sagt Kathrin. 

Die Videoproduktion

Filmproduktion450Am Mittwoch und am Donnerstag erscheint das Orchester für die Videoproduktion in gewohnt festlicher Konzert-Kleidung - die Herren in schwarzem Frack und weißem Hemd, die Damen in schwarzem Kleid. Die Videoproduzentinnen und Videoproduzenten stehen mit großen Kameras vor dem Orchester, sowie links und rechts an den Rändern der Bühne. Der Tontechniker gibt über die Lautsprecheranlage Anweisungen dazu, welche Takte wiederholt werden müssen. Das Orchester spielt gerade Tico Tico, als der Videoproduzent vor den Monitoren der Bühne sitzend, seine Wünsche für das visuelle Bild äußert. „Das was wir jetzt aufgenommen haben, wird die beste Fassung auf YouTube! Das war perfekt!“ lobt der Chefdirigent. Als Fluch der Karibik gespielt wird, ruft der Wechsel von ruhiger zu lebhafter Musik in gesteigerten Tempos in mir intensive Erinnerungen an den gleichnamigen Film hervor: In Gedanken sehe ich die Rückenansicht Jack Sparrows, der hoch erhobenen Hauptes und mit breitem Stand auf dem Mast seines Schiffes steht. Auch der kleine Sohn des Inspizienten blickt wie gebannt auf das Orchester. Während er vor zwei Tagen noch aufgeregt durch die Reihen rannte, erstarrt er nun vor Faszination und unmittelbarer Ergriffenheit.

Ein positiver Blick in die Zukunft

zukunft450Am Ende der Dreharbeiten unterhalte ich mich mit dem Chefdirigenten, der mir begeistert berichtet: „Ich bin überwältigt! Das Orchester hat sofort am ersten Tag gelernt, unter diesen besonderen Spielbedingungen zu musizieren.“ Die Widrigkeiten der Corona-Pandemie haben die Welt des GSO auf den Kopf gestellt: Die halbe Spielzeit fiel aus, Musikerinnen und Musiker mussten in Ungewissheit allein proben und vermissten, wie wohl auch die Abonnentinnen und Abonnenten, einzigartige Musikerlebnisse. Das Leben mag kein Wunschkonzert sein, doch das GSO hat ein Konzert der Sehnsucht erschaffen. Dieses darf schon bald auf YouTube erlebt werden und kann sein Publikum wenigstens für eine kurze Zeit in einen Raum der Wünsche entführen.

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