Kunsthaus Göttingen

Ein paar Bauzäune werden zur Seite gerückt. Der Weg zum Eingang führt an allerlei Baumaterialien vorbei zur schmalen Eingangstür des Gebäudes. Nur eine einzige Tür, so gut wie keine Fenster finden sich an der noch unverputzten Fassade. Es wirkt zunächst irritierend, warum man ein Haus fast ohne Fenster baut. Doch das Konzept des hier entstehenden Kunsthauses ist wohldurchdacht und von dem Leipziger Architekturbüro Atelier St. bis ins kleinste Detail so geplant. Als Teil des KuQua, des Kunstquartiers mitten im Zentrum Göttingens, wird das Kunsthaus Arbeiten auf Papier, Fotografien und neue Medien als Ausstellungsschwerpunkte haben. Kunstobjekte also, denen echtes Tageslicht nicht guttut, weil es die Oberflächen des Papiers und die Farben beeinträchtigt. Jeder kennt die vergilbten Erinnerungsfotos, die zwar einen nostalgischen Charme haben – jedoch verliert sich dieser Charme, wenn es sich um ein Kunstwerk handelt.

Visualisierung des Ausstellungsraums | © Bild: Atelier ST

Visualisierung des Ausstellungsraums | © Bild: Atelier ST

‚Form follows function‘ – die Form, die sich an der Funktion ausrichtet, ist eine Maxime guten Designs. Und so betreten wir ein Gebäude, das sich vollkommen an dieser Maxime auszurichten scheint, wobei Tradition und Moderne eine Einheit bilden. Ist von außen an der Gebäudeform noch der Fachwerkbaustil zu erahnen, finden wir im Inneren hohe Räume mit funktionalen und klaren Strukturen. Drei Galerieräume mit je einem schmalen Fenster, ansonsten nichts. Und auch diese Fenster dienen lediglich der Notentlüftung und werden verborgen sein. „Arbeiten auf Papier wie Grafiken oder Fotografien sind sehr lichtempfindlich – viel empfindlicher als Gemälde, daher wollten wir einen besonderen Raum schaffen, der diesen Kunstwerken in allem gerecht wird“, sagt Dorle Meyer. Noch sind die Wände der Räume nicht verputzt. Noch hängen Kabel von der Decke und überall ist Baustaub. Dennoch lässt sich bereits erahnen, welche Wirkung die Räumlichkeiten mit hohen Decken haben werden; Ruhe und Unaufdringlichkeit. Ein Gebäude, das sich voll und ganz seiner Bestimmung verschrieben hat: Kunst einen Raum zu bieten.

Noch befindet sich vor dem Gebäude das Baugerüst | © Photo: Nathalie BoesNoch befindet sich vor dem Gebäude das Baugerüst | © Photo: Nathalie Boes

„Wir wollen ein Haus für jedermann sein“, sagt die promovierte Kunsthistorikerin. Kunst ist keine Frage des Alters oder der Herkunft. Meyer weiß aus Erfahrung, dass für viele Menschen ein Museum zu betreten gleichbedeutend damit ist, eine große Hemmschwelle zu überschreiten. „Gerade deshalb ist es wichtig, einen guten Ansatz zu finden, um Kunst zu vermitteln – auch um ihr das Elitäre zu nehmen“, so Meyer. Ein erster guter Ansatz für ein offenes Haus für alle ist dabei sicherlich der freie Eintritt in den ersten fünf Jahren nach der Eröffnung, der durch die Förderung von Sartorius ermöglicht wird.. Und, was viele Göttinger Bürger*innen, vor allem mit kleinen Kindern, freuen wird: Der Innenhof mit Spielplatz wird wieder geöffnet sein und sowohl vom Kunsthaus als auch vom Eingang des Roten Buchladens über den Nikolaikirchhof zugänglich sein. Einheimische und Zugezogene lieben diesen Ort als ein verstecktes Kleinod inmitten der Stadt.  

Der Blick aus dem noch unbebauten Innenhof auf das Kunsthaus im Frühling | © Photo: Guilherme Moreira

Der Blick aus dem noch unbebauten Innenhof auf das Kunsthaus im Frühling | © Photo: Guilherme Moreira

Dass das Kunsthaus von zwei Seiten betreten werden kann, ist im Übrigen eine schöne Verbildlichung für das, wofür das Ausstellungshaus stehen soll: Verbindungen schaffen – zwischen den Menschen und der Kunst, zwischen Göttingen und der internationalen Kunst- und Kulturszene und als ein „Kunstanker zwischen Hannover und Kassel“, wie Meyer es bezeichnet. Die geplanten Ausstellungen für das Eröffnungsjahr zeigen bereits ein breites Spektrum der internationalen Kunstszene. Mit der New Yorkerin Roni Horn konnte für die erste Einzelausstellung eine Künstlerin gewonnen werden, die mit Zeichnungen, Fotografie bis hin zum Buch eine große Bandbreite künstlerischen Schaffens zeigt.

Detailaufnahme des Treppenhauses mit dem provisorischen Treppengeländer | © Photo: Guilherme Moreira

Detailaufnahme des Treppenhauses mit dem provisorischen Treppengeländer | © Photo: Guilherme Moreira

Noch ist dies Zukunftsmusik. Die Treppe bis hinauf zum Forum unterm Dach ist noch provisorisch mit einem Holzgeländer versehen, die Wände purer Beton. Im Herbst, so die Planung, wird das Gebäude von der Stadt an die Betreiber übergeben – und dann können die ersten Löcher in die Wände gebohrt werden und die Fotografien und Zeichnungen aufgehängt werden. Dann wird auch das Forum im obersten Stockwerk vom letzten Stützträger befreit sein und mit der breiten Fensterfront einen ungehinderten Blick über die Dächer von Göttingen gewähren. „Das Forum ist einer meiner Lieblingsorte. Zumindest solange, bis die unteren Ausstellungsräume fertig sind“, sagt die Kunsthistorikerin augenzwinkernd. Und tatsächlich bietet der Raum mit schmaler Dachterrasse ein besonderes Flair. Er wird der Ort werden, an dem Kunst durch kleine Kinderhände lebendig wird und Heranwachsende sich als Kunstschaffende ausprobieren. Denn für die Kunstvermittlung in Kindergärten, Schulen und der Universität werden bereits jetzt erste Ideen ausgetauscht und Vereinbarungen getroffen. Über den Dächern der Stadt werden dann Vorträge, Künstlergespräche, Workshops stattfinden. Und wer eine private Feier mit besonderem Flair ausrichten möchte, hat hier die Möglichkeit. Das Gründungsteam um Gerhard Steidl, Alfons von Uslar und Ute Eskildsen wird in den nächsten Jahren ausloten, wie weit sich Kunst mit anderen Interessen der Menschen in Verbindung bringen lässt.  

Anja Danisewitsch und Dorle Meyer im Gespräch | © Photo: Nathalie Boes

Anja Danisewitsch und Dorle Meyer im Gespräch | © Photo: Nathalie Boes

„Wir haben viel geplant, wovon wir zwar nicht alles im ersten Jahr umsetzen, aber was unsere Vision von einem Vermittlungsort erfüllt“, so Meyer. Im Moment stehen wir noch in dem Rohbau, aber es fühlt sich gut an, gedanklich längst in einem lichtdurchfluteten Raum mit Cateringküche zu sein. Gut vorstellbar, wie hier und im Nachbarraum Kinder, Jugendliche, Studierende und Erwachsene an Tischen sitzen und sich auf ihre eigene Weise der Kunst annähern. Es soll Zeichenkurse geben und Fotoworkshops, Künstlergespräche und kunstübergreifende Symbiosen. Leider ist es noch zu früh, um über konkrete Pläne zu sprechen. Oder gibt es ein paar Ideen, die Sie uns schon verraten könnten, Frau Meyer? „Wir denken an Kooperationen mit anderen Kunst- und Kultureinrichtungen der Stadt. Ich kann mir in unseren Räumen Lesungen, Jazz, Theaterinszenierung und noch ein paar verrücktere Sachen vorstellen – es wird auf jeden Fall spannend werden.“

Blick von der Dachterasse des Forums | © Photo: Nathalie Boes

Blick von der Dachterasse des Forums | © Photo: Nathalie Boes

Ein letzter Blick aus dem Fenster. Das Baugerüst versperrt ein wenig die Sicht. Es ist noch einiges zu tun in den nächsten Monaten. Auch was das Selbstverständnis der Kunst betrifft. Die Einschränkungen durch die Coronakrise hat die Kunst- und Kulturschaffenden nicht nur hart getroffen. Sie haben darüber hinaus Fragen aufgeworfen. Welche Formen der digitalen Kunstvermittlung sind überhaupt möglich? Und lässt sich mit Hilfe der Digitalisierung die Hemmschwelle für einen Ausstellungsbesuch verringern? Kunst als ein Teil des eigenen Lebens zu erkennen und ihn unvoreingenommen anzunehmen – das scheint im Kunsthaus möglich zu werden.  

Visualisierung der Fassade| © Bild Atelier ST

Visualisierung der Fassade| © Bild Atelier ST

 

Das Kunsthaus Göttingen ist ein Ausstellungshaus für Arbeiten auf Papier (Zeichnungen, Druckgrafik, Buch- und Plakatkunst), Fotografie und neue Medien. Der Ausstellungsschwerpunkt liegt auf zeitgenössischer Kunst mit internationaler Ausrichtung. Pro Jahr sind drei bis vier Ausstellungen als umfangreiche Einzel- oder Gruppenausstellungen mit einem vielfältiges Begleitprogramm geplant, das für Kinder, Jugendliche und Erwachsene einen Zugang zur Kunst bieten soll. Der Eintritt in den ersten fünf Jahren wird Dank des Sponsors Sartorius frei sein.

Derzeit befindet sich das Haus noch im Bau. Für die Bauphase und den Betrieb in den ersten Jahren besteht das Kunsthaus-Team aus dem Gründungsdirektor Gerhard Steidl, dem Gründungsgeschäftsführer Alfons von Uslar, der Assistenz der Geschäftsführung Dorle Meyer sowie der Gründungskuratorin Ute Eskildsen. Die Eröffnung ist für den Winter 2020/21 geplant.

 

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