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Zeitgenössische Musik

Wie alles begann

Nach ihrem Musikstudium in Freiburg  zieht es die Flötistin Astrid Schmeling zunächst einmal in den Norden, nach Hamburg, wo sie eine Unterrichtsstelle annimmt. Sie will sich in der „großen Stadt umtun, schauen, was da so passiert und wer dort so tätig ist“. Sie ist auf der Suche nach einem Ensemble, um Kammermusik zu machen, „in welcher Art, in welcher Richtung und in welcher Besetzung“  war völlig offen. Hier lernt sie auch Matthias Kaul kennen, der zu diesem Zeitpunkt noch Schlagzeug an der Musikhochschule studiert und kurz vor seiner Konzertprüfung steht. Es war ein Stück für Flöte, Schlagzeug und Gitarre, was ihm sein Professor als Prüfungsleistung vorschlug und Schmeling erklärte sich bereit, es mit ihm zu spielen. Musikstudent Michael Schröder kam als Gitarrist  hinzu und vervollständigte das Prüfungs-Trio, was auf Anhieb harmonierte: „Wir fanden musikalisch so schnell zu einem gemeinsamen Gestus, dass wir dann beschlossen – ok – wir bauen etwas auf“, erinnert sich Astrid Schmeling.  Dasselbe Stück spielten sie dann gleich noch einmal gemeinsam  in Michaels Schröders Abschlussprüfung.

Es hat sich eine gemeinsame Sprache entwickelt

Im Februar 1983 schloss sich das Trio zum Ensemble L´ART POUR L´ART zusammen. Stücke für die Besetzung mit Gitarre, Flöte und Schlagzeug waren in dieser Zeit jedoch sehr selten, weshalb schnell die Idee aufkam, Komponisten für ihre Konstellation zu finden, aber auch weitere Musiker mit anderen Instrumenten, die das Ensemble bei Bedarf erweitern sollten. Schon hier zeigte sich der Wunsch, möglichst vielfältig zu sein, sich auszuprobieren und offen zu sein, was im Laufe der nächsten Jahrzehnte bezeichnend für sie werden soll. Bei ihren Projekten fokussierten sie sich auf kleinere Besetzungen in den verschiedensten Größen – „Das ist bis heute so geblieben, dass es Programme gibt mit unterschiedlichen Besetzungen innerhalb des Programms. Dann gibt es mal ein Duo oder ein Trio, ein Quartett oder Quintett. Auch gibt es einen Pool an Musikern, auf den wir immer wieder zurückgreifen für das jeweilige Instrument, das gefordert ist, das ist die Struktur.“

Finanziell waren es harte Anfangsjahre für Schmeling, Schröder und Kaul – „idealistisch eine unglaubliche Aufbruchstimmung“. Nachdem bei Schröder mit der Zeit das Bedürfnis nach mehr Sicherheit aufkam und er eine Stelle als Musikschullehrer annahm, leiteten Astrid Schmeling und Matthias Kaul das Ensemble organisatorisch und planerisch zu zweit weiter. Inhaltlich und als Gitarrist blieb Schröder jedoch immer dabei.

Es folgte eine spannende Zeit, in der sie sich die drei immer mehr zusammenfanden. Es vollzog sich ein Entwicklungsprozess, in dem sie ich stets offen für neue Schwerpunkte und Richtungen zeigten und es war und ist ein bereichernder Austausch durch die Zusammenarbeit mit unterschiedlichsten Komponist*innen, mit deren Stücken sie sich teilweise über längere Phasen intensiv auseinandersetzten. Auch Kaul selbst begann zu komponieren. Die Auseinandersetzung mit seinen Stücken bildete einen großen Schwerpunkt ihrer Arbeit, „weil er ganz dicht dran war“, er seinen ganz eigenen Stil entwickelte, weil er Freude daran hatte, zu experimentieren und sich dafür sogar seine eigenen Instrumente baute. Er ging regelrecht auf die Suche nach dem Klang in all seinen Facetten und erschuf dabei seine ganz eigene bunte Klangwelt. „Er hatte einfach eine ganz interessante Ästhetik, die  sonst eigentlich gar nicht so weit verbreitet war“, bemerkt Schmeling voller Anerkennung.

Eine weitere musikalische Ausdrucksform, der sich das Ensemble öffnete, war das Musiktheater, eine Richtung, die vor allem in den 60er-Jahren von den Komponisten Mauricio Kagel (1931-2008) und Hans Werner Henze (1926-2012) geprägt wurde. Während Kagel sich vor allem der Geschichte hinter den Instrumenten verschrieben habe und dabei die Tradition im Musikgeschehen und den Betrieb einer kritischen Betrachtung unterzog, hatte Henze eine eher psychologische Herangehensweise gewählt. Er habe „innermusikalisch ausgeleuchtet“ und das Musiktheater in seiner musikalischen Struktur selbst gesehen: „Im Dialogischen, im Narrativen, zwischen den Instrumenten“, erklärt Schmeling. Zwei spannende Ansätze, mit denen sie sich mit Kaul und Schröder in einer langen Phase beschäftigte, sie regelrecht studierte, und die das weitere Wirken des Ensembles sehr geprägt haben.

Die Welt der Improvisation machte einen weiteren wichtigen Schwerpunkt in ihren Projekten  aus, ein kreativer und freier Bereich. Auch hier entflammte ihr Forschergeist, dem sie in unterschiedlichen Ausdrucksformen freien Lauf ließen und auslebten, bis sie irgendwann ihr „Sujet“ fanden, ein Konzept: „Es gibt nur einen Satz oder nur ein Bild oder eine Grafik oder eine ganz kleine Vorlage von Irgendwas“ – Stücke, die „im Moment“ stattfinden, die nicht wiederholbar sind, betont Schmeling – „es hat sich eine gemeinsame Sprache entwickelt“.

Ein Stück Biografie haltbar machen

Ein wichtiges, hoch anzuerkennendes Anliegen des Ensembles, das sich im Laufe der Jahre herauskristallisiert hat, ist aber auch die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und die Intention, jüngeren Generationen die zeitgenössische Musik näher zu bringen - ihnen einen Zugang zu schaffen. Es geht ihnen darum, ihr Bewusstsein zu fördern, „fühlbar im Gegenwärtigen“ zu sein. Auch ging das Ensemble auf das Wirken Henzes zurück, der bereits durch verschiedene Projekte und Festivals einen Anfang in dieser Hinsicht gemacht hatte und dem es wichtig war, die zeitgenössische Musik als etwas Selbstverständliches weiterzugeben. Fünf Jahre lang veranstaltete das Ensemble ein eigens konzeptioniertes Kinderprogramm in Form von Singspielen, was unheimlich erfolgreich war, doch wollte die Musiker ihre anderen Schwerpunkte nicht in den Hintergrund rücken lassen. Sie machten einen Schnitt, nach dem aber der Gedanke heranreifte, eine eigene Kompositionsklasse für Kinder zu gründen. Es war ein Experiment, ein Versuch, mit dem sie auch herausfinden wollten, ob es ihnen gelingen könnte: „Damals gehörte das zu den spinnertsten Ideen, die man sich nur einfallen lassen konnte“. Doch der Versuch gelang und sie gründeten die Klasse 1999 als feste Einrichtung - „Es schlug ein wie eine Bombe!“, erinnert sich Schmeling. Sie wurden zu einem Geheimtipp unter Musikschulen und Pädagogen.

Das Ensemble legte viel Herzblut in dieses Projekt. Mit einem Jahrgang machten sie ein besonders innovatives Projekt, die Produktion einer gemeinsamen Cd und DVD mit dem Titel „Haltbar gemacht“, bei dem ein ganz besonderes Anliegen des Ensembles sichtbar wird: Denn nicht nur die Stücke der Kinder wurden  haltbar gemacht - übrigens bis hin zur eigenes kreierten haltbaren Hülle -  sondern vielmehr auch ein „biografisches Moment der Kinder“. Aber auch das Verständnis für die Zeitgenössische Musik machten sie für diese Kinder haltbar:

Musik erfinden heißt ja, ein Gefühl auch in ein Konzept zu gießen, die Zwischenwelt zwischen bauchbestimmt sein auf der einen Seite und auf der anderen Seite einfach nur Fakten, Zahlen und Kenntnis, Intellektualität – Kunst bewegt sich so dazwischen.“ – Dies mache das Leben sowieso reicher, fördere aber Qualität und Eigenschaften, die sie auf jeden anderen Beruf übertragen könnten. Der Gedanke bei diesem gewissermaßen aus sich selbst erwachten Projekt war nicht primär, in die Öffentlichkeit zu treten, sondern den Kindern zu ermöglichen, den ganzen Weg bis zur fertigen Cd mitverfolgen und miterleben zu können.

Das Anliegen des Ensembles, einen Raum zu schaffen, in dem Kinder „Empfinden und Denken lernen“ ist ihnen gelungen. So leistet das Ensemble einen wichtigen Beitrag für den weiteren Lebensweg dieser jungen Menschen, egal, ob sie den beruflichen Weg als Musiker*in gehen oder nicht.

Wieder zuhören lernen!

Der Kunst-Begriff   l´art pour l´art, übersetzt mit „die Kunst für die Kunst“ oder auch „die Kunst um der Kunst willen“, bezeichne heute die „Vorstellung der reinen, absoluten Kunst“, erklärt Astrid Schmeling auf meine Frage hin, was es mit der besonderen Namensgebung des Ensembles auf sich habe. Zu Gründungszeiten hätte es aber eine ganz besondere Phase gegeben – „ein Zeitfenster, in dem sich die Bohème mit dem Bezug zwischen Kunst und Gesellschaft auseinandersetzte. Das war für uns der Punkt“. Deutlich sichtbar wird dieser Schwerpunkt über die Jahre hinweg in ihren Projekten – in der steten Bereitschaft, Gesellschaft und Kunst zu beobachten, wahrzunehmen und sich damit kritisch auseinanderzusetzen. Dabei versucht das Ensemble auch das Publikum zu eigener Betrachtung und Auseinandersetzung zu motivieren.

Oft entstehen die Arbeiten des Ensembles also aus verschiedenen Beobachtungsprozessen heraus und gleichen einer Art des Studierens. Aus diesem Impuls entstand auch die Konzertreihe „Zuhören in Winsen“, denn Schmeling beobachtete immer mehr, dass man sich nicht mehr richtig zuhöre. Am Beginn der regelmäßig stattfindenden Konzertabende steht immer eine Gesprächssituation, eine Person mit einem Beruf, der nichts mit Musik zu tun habe, und ein Gespräch über diese Tätigkeit. Im Zweiten Teil folgt das eigentliche Konzert. Es gibt weder eine Einführung noch eine Diskussion  – so ist das Publikum ganz sich selbst überlassen, eine Verbindung zwischen diesen beiden auf den ersten Blick nicht zusammenhängenden Teilen herzustellen – hier geht es darum,  genau hinzuhören, feine Zusammenhänge wahrzunehmen und sich schließlich selbst mit dem Inhalt des Konzerts auseinanderzusetzen – „selbst die Brücke zu schlagen“. Es ginge ihnen um die Qualität des Zuhörens – und das kam sehr gut an. Die Konzertreihe ist auch nach Jahren noch sehr beliebt.

Durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie, von der nicht nur das Kompositionsprojekt mit Jungendlichen betroffen ist, wurde auch diese Live-Konzertreihe unterbrochen. Doch hat Schmeling auch in dieser Situation ihren Impuls zu studieren, nicht verloren, denn es wurde ein weiteres Projekt geboren: Eine Studie über die Verbindlichkeit. Sie stellte das Programm kurzerhand ein wenig um und produzierte ein Filmkonzert, das in dem Zeitraum bei Youtube zu sehen war, in dem auch das eigentliche Konzert live stattgefunden hätte. Das Besondere war aber die Tatsache, dass es sich nicht, wie es zurzeit überall angeboten wird, um eine Veranstaltung handelte, die noch Wochen später und zu jeder Uhrzeit abgerufen werden kann. Nein, das Video wurde direkt nach Ende des Konzerts wieder von der Seite genommen. Hier geht es ihr um den Moment und den Gedanken, dass auch das Publikum Verantwortung trägt: Eine Verantwortung dafür, ob Kunst und Kultur stattfinden oder nur Masse produziert würde. Schmeling sieht es als Forschen, und in diesem interessanten Stil möchte sie die Reihe zunächst gerne weiter fortsetzen. Auch hier zeigt sich erneut die Kreativität und die Bereitschaft, einem Impuls zu folgen, der sich stets dem Neuen öffnen will.

Transformation und Offenheit

All ihre bisherigen Projekte zeigen eine enorme Beweglichkeit, Flexibilität und der Impuls, aus eigenen Beobachtungen heraus neues zu erschaffen. Es ist die Bereitschaft, sich  in einen Transformationsprozess hinein zu geben,  ja fallen lassen, zu schauen, was daraus entsteht. Auch nach Matthias Kauls Tod, wird das Ensemble glücklicherweise weiterbestehen, versichert Astrid Schmeling.

Einen Einblick in ihr so reichhaltiges und facettenreiches Schaffen gewähren Astrid Schmeling und Michael Schröder gemeinsam mit weiteren Musikern am 20. September im Rahmen der von Bernd Schumann initiierten Reihe „Göttinger Abende zeitgenössischer Musik“  im Werkraum in Göttingen. Auf dem Programm stehen „grundverschiedene“ Stücke – u.a. auch ein Werk der jungen, in Shanghai geborenen Komponistin Ying Wang. Beeinflusst durch ihr Studium in Deutschland verwebt sie kunstvoll westlich geprägte Tonkünste mit traditionellen chinesischen Elementen und schafft so eine faszinierende kulturelle Verbindung. Ein unglaubliches Klangerlebnis, das zu präsentieren und zu interpretieren für das Ensemble „eine Ehre“ ist, wie Astrid Schmeling betont. Ying Wang lässt es sich erfreulicherweise nicht nehmen, persönlich an diesem Konzertabend anwesend zu sein, und wird das Publikum an den Hintergründen ihrer Kompositionen teilhaben lassen. Im Mittelpunkt des Abends stehen außerdem die Kompositionen des japanischen Komponisten Jo Wang, der auch dem Verborgenen, Unscheinbaren Ausdruck verleiht, sowie von Robin Hoffmann und Giacinto Scelsi. Im Gedenken an die wertvolle Zeit mit Matthias Kaul wird das Ensemble auch zwei seiner Stücke mit dem Publikum teilen, die zu beschreiben zu viel verraten würden – gespannt darf man aber auf eine seiner ganz besonderen instrumentalen Erfindungen sein – die „Boleromaschine“.

Ich persönlich bin nach dem Gespräch mit Astrid Schmeling nun voller Neugier und freue mich auf einen spannenden Konzertabend! Herzlichen Dank Frau Schmeling für das offene Gespräch!

Veranstaltungsdaten:

20. September 2020 um 18 Uhr, Werkraum Göttingen, Stresemannstr. 24c, 37079 Göttingen

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