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Kaufpark

Wie weit die Menschenschlange reicht, vermochte die Kamera nicht zu erfassen. Neben dem Blick auf die müden Gesichter erreicht sie aber noch ihre unmittelbare, trostlos anmutende Umgebung. Auf dem Gelände stapeln sich die Habseligkeiten zwischen den Nissenhütten und den Armeezelten. In den ersten Nachkriegsmonaten hatte das Lager seinen Standort zunächst auf einem Überschwemmungsgebiet an der Leine. Im September 1945 erfolgte dann der Umzug in die Nachbarschaft des Friedländer Bahnhofs, wo dann weiterhin täglich tausende von Flüchtlingen beherbergt und versorgt werden mussten.

Auf weiteren Aufnahmen ist zu sehen, wie sich die Menschen um den Stand eines Hilfsdienstes drängen oder auf einer Informationstafel des Deutschen Roten Kreuzes nach den Namen ihrer vermissten Angehörigen suchen. Knapp gehalten sind auch hier die Kommentare zu den Motiven, um vor allem die Fotodokumente sprechen zu lassen.

Wie Anna Haut, die wissenschaftliche Leiterin des Museum Friedland erklärt, folgt die Ausstellung dem Prinzip „Starke Bilder – kurze Texte“, weil sie die komplexe Geschichte Friedlands nur anreißen kann, die sich wiederum bei einem Besuch der Dauerausstellung im Museum Friedland vertiefen lässt.

Mit den Aufnahmen aus dem Lageralltag ist natürlich auch eine politische Chronologie der Ereignisse verbunden, die das Museums-Team in den wichtigsten Schlaglichtern aus 75 Jahren Geschichte des Grenzdurchgangslagers zusammenfasst. Dazu gehört nicht nur die Rückkehr der letzten 10.000 Kriegsgefangenen aus der damaligen Sowjetunion, die weltweit für Schlagzeilen über Friedland sorgte oder die Aufnahme von Russlanddeutschen und Flüchtlingen aus den Ländern des Warschauer Paktes. Die Aufnahme vietnamesischer und chilenischer Flüchtlinge gehört ebenso zur Lagergeschichte wie die Phase, als in Friedland vor allem Spätaussiedler betreut wurden bis das Lager 2011 in eine Erstaufnahmeeinrichtung umgewandelt wurde: Zuständig für die Aufnahme von Asylsuchenden und Schutzbedürftigen aus aller Welt, die weiterhin täglich in Friedland ankommen.

Auch Kontroversen um Flüchtlingskontingente und politische Parteilichkeiten kommen in den Bildmotiven zum Ausdruck. Die Willkommenskultur für die sogenannten „Boat People“ aus Vietnam sah beispielsweise anders aus als die in den 70er Jahren für die chilenischen Flüchtlinge, welche dem Terror des Pinochet-Regimes entkommen waren. Eine Aufnahme zeigt einen Protestzug vor dem Lager, der sich für ihre Aufnahme engagierte und zum Widerstand gegen mörderische Politik der chilenischen Militär Junta aufrief.

Auch wie das Ende des Ost-West-Konflikts mit den Flüchtlingsströmen aus Osteuropaaus eine Zäsur in der Lagergeschichte markierte, wird in der Ausstellung sichtbar. Was sich in den Gesichtern der Familien in den Unterkünften oder in den Portraits aus der näheren Umgebung nicht abzeichnet, ist wiederum der politische Kontext. Dazu gehört die heftige Debatte um eine Verschärfung des Asylrechtes, die Ende der 80er Jahre einsetzte, genauso wie auch die Zunahme rassistischer Gewalttaten. Daran knüpft für die wissenschaftliche Museumsleiterin die museumspädagogische Arbeit an, die ebenfalls fotografisch dokumentiert wurde. Sie verweist auf die Pläne für den Museumsneubau, wo es beim Thema Migration auch um die Frage geht, warum Menschen nach Deutschland kommen, wie sie diesen Ort erleben und wie sich danach das Ankommen in Deutschland für sie gestaltet.

Anders als in den Bildern aus der Gründerphase wird das Grenzdurchgangslager in den aktuellen Impressionen auch als Ort der Begegnung erfahrbar: Mit Motiven von gemeinsamen Festen, Sprachkursen und kreativen Projekten. Wieder sind es die Gesichter, in denen sich neben den Fluchterfahrungen auch der Wunsch widerspiegelt, sich mit einer neuen, fremden Umgebung vertraut zu machen. Jedes Gesicht erzählt eine andere Geschichte. Der Vater mit dem kleinen Jungen auf dem Arm strahlt mit ihm um die Wette. Die Jungen, die sich an die Gestalt ihres Vaters lehnen, der seine beiden älteren Söhne ebenfalls vor der Kamera verbirgt, riskieren nur einen scheuen Blick, den der Schriftzug auf dem T-Shirt des Jüngsten auf berührende Weise betont. „Can you see me?“ fragen die schwarzen Lettern, „Kannst Du mich sehen?“

Auf solch berührende Momente treffen die Passanten, die in der Ladenstraße des Kauf Park unterwegs sind, in dieser Ausstellung immer wieder und mit dem Schlussbild auch auf eine Vision: Junge und alte Hände in den verschiedensten Hautfarben, von denen manche geschmückt sind und andere vernarbt, bilden einen symbolischen Kreis für die Verständigung im Miteinander.

Die Ausstellung ist noch bis zum 14. November täglich außer Sonntag in der Ladenstraße Kauf Park zu sehen. Der Eintritt ist frei.

 

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