boat people projekt

Der Verkehr bleibt störrisch. Er will sich immer wieder mit in die Begegnungen von Frida und Anita einmischen. Doch die Stimme von Luise Rist kann der aufdringliche Lärm der Motoren nicht durchdringen. Unter den Kopfhörern wahren die Schauplätze ihres Romans ihre besondere Atmosphäre bei diesem Hör-Spaziergang. Sei es im Schwimmbad, wenn Frida in eine tiefe Stille eintaucht oder auch dann, wenn sie die turbulente Stimmung bei Anita zu Hause im Rosenwinkel erlebt und sich später in Bosnien-Herzegowina auf die Suche nach ihrer Freundin macht.

Treffpunkt für die literarische Odyssee ist am «Werkraum», der Spielstätte des boat people projekt in der Stresemannstraße. Dort werden die Besucher für diese Begegnung mit dem Roman von Luise Rist mit Handy-Download oder MP3-Player ausgestattet und mit einem Kopfhörer, um der Autorin durch die Weststadt an reale und imaginäre Orte zu folgen. Schon von Anfang an überlagern sich die Schauplätze und die Umgebung – und das nicht nur akustisch, wenn der Blick auf Gebäude fällt und auf Passanten, die gerade die Straße überqueren wollen, während Anita die morgendliche Stimmung im Freibad beschreibt, wo sie auf einmal diese Stimme vernimmt. „Manouche“ ruft das fremde Mädchen, mit dem sie nicht nur ins kalte Wasser springt.

Auf einem schmalen Fußweg entlang von Schrebergärten blüht ihre Freundschaft auf. Auch auf der ebenfalls umzäunten anderen Seite an den Grundstücken und den Häuserzeilen des Margueritenwegs entlang rankt sich eine vielfarbige duftende Blütenwelt, wenn die Erzählerin in die Begegnungen der beiden Mädchen eintaucht. Im Rosenwinkel erlebt sie ein Familienfest und macht sich mehr und mehr vertraut mit der Kultur der Roma und ihrem Lebensalltag und wie sie sich den Zwängen von Behörden und Bürokraten stellen. Doch der Hörspaziergang führt jetzt keineswegs zum Rosenwinkel, weil Luise Rist die Zuhörer an der Pfalz-Grona Breite vorbei an einer Bushaltestelle in Richtung Hagenweg führt. Sie nehmen auch die Bilder vom Hagenweg 20 und von der desolaten Kasernierung der Bewohner, während die Stimme im Kopfhörer die Stationen ihrer täglichen Busfahrt zum Freibad befragt. Auch die Bilder von der bettelnden Frau zwischen Kiosk und Rewe-Markt und die von dem Obdachlosen und seinem vierbeinigen Gefährten färben die Atmosphäre ein, die sich beim Unterwegs sein entfaltet. Als ob sie Stimme aus dem Kopfhörer ihre Zuhörer gleichzeitig ermuntert, auch den Erzählungen der Umgebung zu lauschen und sich dabei immer wieder von den musikalischen Stimmungen beflügeln zu lassen, die Hans Kaul mit diesem Hör-Spaziergang verwebt hat.

Frida erfährt, dass ihre Freundin mit ihrer Familie unter großem Polizeiaufgebot abgeschoben wurde, und macht sich auf die Suche nach ihr. Schon bald hinter der Ampel am Elliehäuser Weg mündet ihre Reiseroute in unwegsames Gelände. Bosnien-Herzegowina beginnt am Wegesrand, wo eine Porzellantasse mit Rosenblättern zwischen Brennnesseln, Gräsern und Gestrüpp aufleuchtet. Blütenspuren markieren auch den Pfad, der in ein kleines Wäldchen mit verborgenen Stämmen und Ästen führt und an einen verwunschenen Ort denken lässt. Die Zikaden, die Frida in einer verlassenen Siedlung beim Anblick von Anitas abgebranntem Zuhause vernimmt, könnten jetzt durch dieses grüne Dickicht irrlichtern. Vielleicht verbergen sie hinter den Spuren von Laub und geborstenen Rinden auch die Frauen, die sich an einer Feuerstelle wärmen und der fremden Besucherin einen Kaffee mit bitterem Geschmack widmen.

 „Vielleicht träume ich gar nicht, was ich sehe, sondern sie träumen mich“ rätselt die Erzählerin beim Anblick dieser seltsamen Gestalt, die nach Fell riecht und sie in ihrem hölzernen Karren zu entführen scheint. Sie wird ihr aus der Hand lesen und sie dabei mit der Heimat der Roma vertraut machen, die keinen festen Ort kennt sondern überall sein kann, um dort vorübergehend aufzublühen und dann mit sehnsüchtig anmutenden Melodielinien zu verschmelzen Die Stimme im Kopfhörer verstummt im bewegenden Aufruhr der Töne und der harmonischen Schwingungen, die jetzt den Rückweg markieren.

Der Verkehrslärm hat scheinbar nachgelassen. Aber vielleicht sind es auch die Echos, wie sie die Romankapitel in dieser besonderen Nahaufnahme beim Unterwegs hinterlassen, die jetzt die Außenwelt abschirmen. Sie haben sich mit den vielen schönen Zwischentönen verbündet, sie sich beim Zuhören anders mitteilen und berühren als beim stillen Lesen.

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