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Deutsches Theater

Die ökonomische Elite räumt ab. 99 Prozent der Weltbevölkerung mögen sich gefälligst mit der Tatsache arrangieren, dass Ausbeuten und Absahnen nicht nur unter neoliberalen Verhältnissen als Geschäftsprinzip so lange florieren wird, bis sich sämtliche menschlichen und natürlichen Ressourcen erschöpft haben. Zu den Abräumern gehört auch Tom (Florian Eppinger), der mit seiner Frau Sue (Rebecca Klingenberg) in einem ländlichen Palais residiert und damit auch keine Probleme hat, wenn er als jetzt als Sponsor gefragt ist. Sophia (Gaia Vogel), eine junge Künstlerin auf Erfolgskurs, will ihn zusammen mit ihrem Gefährten Jared (Paul Trempnau) für ein spektakuläres Projekt gewinnen, das diesen globalen Showdown als blutiges Spektakel vorführt.

In die Stille hinein krachen gleich zu Beginn die Scherben, die Andrea Strube als wachsame Chronistin dieser gescheiterten Unterhaltung von der Spielfläche in Richtung Rampe fegt. In der Rolle der vermeintlich devoten Hausangestellten sondiert ihre Maria nicht nur die typischen Reaktionsmuster der Gäste über das kultivierte Setting in dieser ländlichen Beletage. Das, was die Zuschauer in ihren Gesprächsnotizen aufhorchen lässt, sind eben auch weitere verbale Täuschungsmanöver, wie sie die beiden Paare beherrschen, um sich damit in Szene zu setzen.

Natürlich wird das geschmackvolle Ambiente mit der erlesenen Bibliothek oder der Sammlung Alter und Neuer Meister von Sophia und Jared gebührend bestaunt, dann die eher überraschende Kollektion an Surfboards und erst recht die Landschaft mit der spektakuläre Ausblick auf dieses menschenleere Gebirgspanorama, das sich einfach nicht verschandeln lässt. Damit haben die Gastgeber bereits gerechnet, auch mit dem versteckten Neid der Besitzlosen ohne jetzt eine Spur von Herablassung oder Selbstgefälligkeit zu demonstrieren. Dafür bieten sich an anderer Stelle bessere Gelegenheiten für eine Demonstration des gesellschaftlichen Standings. Davon kann dieses scheinbar selbstwusste Paar nur träumen kann, das wiederum für seine Wut über den Riss in den ökonomischen und sozialen Verhältnissen jede Menge provokanter Störsignale auf Lager hat und ähnlich selbstgefällig operiert. Provozieren soll natürlich auch Sophias dramatische Performance mit diesem blutigen Strom, in dem sich der Zivilisationsmüll zu einer zerstörerischen brennenden Welle auftürmt. Da mag ihre politische Kampfansage über die Sklaven der herrschenden Klasse und ihr Ghettoelend ein bisschen schwächeln, aber dann stiehlt ihr Tom auch gerne die Show. „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“, spricht ja eigentlich nichts dagegen. Geld und Scheckkarten im Kamin verbrennen, nichts leichter als das.

Die rote Farblandschaft im Bühnenhintergrund

Schimmelpfennigs Szenario jongliert mit der Chronologie der Ereignisse und der Gesprächsversuche, die früher oder später stattgefunden haben. Sie zirkulieren an diesem Abend und manche sogar mehrmals, in denen sich der Blick auf die Figuren erneut verschiebt. Vermutlich flirtet Tom schon die ganze Zeit mit Sophia während Sue und Jared mehr als nur miteinander sympathisieren. Schon lange geht der Riss durch die Paare selbst, die hier ein hierarchisches Stellungsspiel mit Stärken, Schwächen und Verletzlichkeiten betreiben. Gepokert und gepunktet wird auch aus dem Off, wenn die Schauspieler die Gedanken ihrer Figuren preisgeben und wie sie die Situation einschätzen. Das ist natürlich alles nicht Smalltalk-kompatibel, genauso wenig wie die Horrorvisionen mit den Motiven der biblischen Apokalypse, die sie im Schlaf verfolgen. Über Kröten, die durch den Hals kriechen wird nicht gesprochen, auch nicht über gefräßige Fleischfliegen, Wespenschwärme und blinde Rehe, die stumm verenden, so wenig wie über die gegenwärtige globale Schadensbilanz und wie sie das Zusammenleben bereits infiziert hat.

In der Inszenierung von Theo Fransz wird die Bühne zum Denkraum und das nicht nur über die Verhältnisse, denen sich Schimmelpfennigs Figuren verweigern, als ob sie nicht mehr verhandelbar wären, aber sich daraus noch ein bisschen Profit schöpfen lässt. Sei es mit kreativem Aufruhr, manifesten Feinbildern oder eben opportuner Generosität. Was an diesem Abend mindestens so eindrücklich zur Sprache kommt, ist der Verlust an Empathie. Zuhören, Anteilnehmen und sich über Widersprüche, Gegensätze und Parteilichkeiten zu verständigen, käme diesen Paaren nicht in den Sinn. Auch dafür macht das Schauspielteam zwischen den verbalen Schaukämpfen immer wieder hellhörig, wenn dann eine scheinbar wohlmeinende Attitüde zur Schau gestellt und ebenso berechnend austariert wird.

Auf der roten Farblandschaft im Bühnenhintergrund zeichnen sich jetzt erneut die Spuren glühender Lava ab. Schwarze Farbströme durchdringen später die Fläche, die Bühnenbildnerin Bettina Weller nach Motiven des Malers Mark Rothko und seine ineinander verschwimmenden monochromen Farbflächen gestaltet hat. Dann sind es flüchtige Körpersilhouetten, die das dunkle Rot wie riesenhafte Schattengestalten okkupieren, bis es wieder wie die glühende Lava schimmert, die Schimmelpfennigs Figuren nicht wahrnehmen wollen, solange sie in ihrer Kampfzone punkten können.

 Die Premiere war am 26. September 2020, weitere Vorstellungen stehen am 9., 10., 21. und 22. Oktober sowie am 11. und 20. November auf dem Spielplan


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