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Universitätsmusik

Mit einem eröffnenden, kleinen Violinen-Solo von Wong Tsz steigen Chor und Orchester gemeinsam mit „Away in a Manger“ ins Konzert ein. Höchst aufmerksame Musiker*innen sorgen hier für einen präzisen, ausgewogenen Klang zwischen Stimmen und Instrumenten (vielleicht hätte ein bisschen mehr Tenor es noch perfekter gemacht). Anschließend begrüßt der leitende Musiker Ingolf Helm die vollbesetzte Nikolaikirche mit den Worten, dass er heute eigentlich nur das Schlussstück anleitet. Stattdessen haben sich alle Konzertbeiträge selbstständig organisiert und die Musizierenden lediglich etwas Beratung vom akademischen Musikdirektor bekommen. Sprach derselbige und setzte sich wieder auf seinen Zuschauerplatz.

Diese selbständig einstudierten und durchmischten Ensembles haben es in sich. Zunächst zeigen die Männerstimmen des Chores ein anspruchsvolles Stück von Thomas Tallis, dessen Renaissance-Klang durch die Akustik und die Positionierung der Sänger an Präzision verliert, sich aber in wohligen, wuchtigen Schlussakkorden entlädt. Besonders hervorzuheben ist hierbei die Leistung von Markus Träupmann, der als „Liturg“ ein nicht enden wollendes a capella Solo souverän und mit vollem Klang in die Kirche stellt. Wirklich beeindruckend. Nach kurzem Umbau antwortet ein Frauenensemble mit einem frischen „Carol of the Bells“. Sicherlich weniger ambitioniert im Notentext, zeigen die Singenden jedoch ein zackiges, gut zum Stück passendes Tempo, stimmige Dynamik und einen satten Sound im Alt.

Ein Streichquartett gibt als erstes Orchesterensemble die musikalische Messlatte für die Instrumentalist*innen vor. Mit an Profimusik heranreichender Sauberkeit spielen die vier gefühlvoll Puccini („Manon Lescaut“, Akt 3 „E Kate rispose al re“) und Strauss (Streichquartett in A-Dur). Einzig die dramatischen Noten im Strauss und der an „Der Pate“ erinnernde Klang im Puccini, der den Violinen etwas melancholisches verleiht, wirken weniger weihnachtlich.

Als nächstes bringt ein Kammerchor in SAT-Besetzung mit einem pfiffigen „Past three o'clock“ frischen Wind ins Konzert (flink dirigiert, auswendig gesungen und mit rhythmischen Stampf- und Klatschelementen). Auch beim zweiten Stück werden die Noten kaum besehen, dafür unterstützt ein Klavier die vielen Duette des Stückes und hilft den Singenden in der Intonation. Es folgt ein Streichertrio, das mit Dvoraks Terzetto in C-Dur zwar qualitativ nicht an das vorangegangene Streichquartett herankommt, aber nichtsdestotrotz die hohe Musikalität des Uniorchesters zeigt.

Den donnernsten Zwischenapplaus verdiente sich das Bläsertrio aus Leonie Barghorn (Oboe), Antonia Lütkenhaus (Oboe) und Jannis Anstatt (Fagott). Jan Dismas Zelenkas Triosonate Nr. 6 in c-Moll wird ein Highlight des Konzertabends. Nach einem gefühlvollen Adagio (Publikum klatscht dazwischen, Musiker*innen grinsen) offenbart sich ein rasantes Allegro voller lebendig gespielter Läufe und bewegten Dynamiken. Besonderes Lob gebührt hier neben der ungeheuren Präzision der überraschenden Virtuosität eines gut gespielten Fagotts.

Mit „O Holy Night“ betritt ein Männerensemble die Bühne und badet die Kirche in warme, wenn auch etwas eilige Harmonien (bei diesem amerikanischen Schmachtfetzen hätte ein wenig pathetischer Gestus sicher nicht geschadet). Die darauffolgenden Christmas Carols zeigen jedoch besser die Stärken dieses Ensembles: Das Arrangement von „Coventry Carol“ ist gespickt mit blitzsauberen Dissonanzen und anspruchsvollen Harmonien – und gerade hier blüht der Chorklang besonders auf. Der anschließende circa 25-köpfige Kammerchor hat nach diesen Vorlagen einen schwereren Stand und fällt in Klangreichtum und Präzision etwas ab (beim „Silent Night“ wäre etwas mehr Selbstbewusstsein wünschenswert gewesen).

Zum Abschluss des anderthalbstündigen Konzerts kommt wieder der vollbesetzte Unichor ans Licht und bietet (nach einem abwechslungsreich gestalteten a capella-Stück) zusammen mit den Orchestermitglieder ein wohliges „Myn Lyking“ von Richard Runciman Terry, dirigiert von Andreas Jedamzik. Dieser ist nicht nur der musikalische Assistent von Ingolf Helm, sondern hat auch die Programmzusammenstellung und -koordination übernommen. Als vorgezogene Zugabe leitet schließlich Ingolf Helm sein Lieblingsweihnachtslied an: „Es ist ein Ros entsprungen“.

Kleine Geheimzutat: Dass aus den vielen einzelnen Beiträgen ein so stimmiges Weihnachtskonzert geworden ist, liegt nicht nur an der Qualität der einzelnen Beiträge. Dafür war einerseits die kluge Wahl der Stückreihenfolge zuständig, bei der nicht nur darauf geachtet wurde einen abwechslungsreichen Ablauf zu präsentieren, sondern auch darauf, dass die Umbauphasen gering gehalten wurden. Andererseits war die Entscheidung, alle Chorstücke aus dem englischsprachigen Kulturraum zu nehmen (bis auf das obligatorische Praetorius-Ros) der Kitt, der aus vielen Stücken ein Konzert machte. 

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