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Kultursommer

Was haben Käppi, Sonnenbrille, Krawatte und Schwert, Klavier, Cajon und Mundharmonika, sowie ein Stofflöwe, ein Reclamheft und ein guter Beleuchter gemeinsam?

Genau, sie sind alle unentbehrlich, um das vorchristliche Theben und Korinth wieder auferstehen zu lassen und ein beinahe verstaubtes, antikes Schülerquälerdrama zu einem leichtfüßigen, aber nicht leichtfertigen Solokabarett-Theaterstück zu machen.

Trotz Corona-Einschränkungen war das Deutsche Theater im Rahmen des Kultursommers am Sonntagabend ausverkauft (bei Besetzen von nur einem Fünftel der vorhandenen Plätze), um einem äußerst wandelbaren Bodo Wartke in 14 Rollen (beinahe) gleichzeitig zuzuschauen. Einen Vorteil hat so eine geringe Publikumsstärke: das Gelächter aus der Runde kommt im Gegensatz zu voll besetzten Sälen nicht von irgendwem, sondern von nicht in der Masse verschwindenden Gesichtern – es wirkt einfach familiärer.

Vor 9 Jahren saß ich mit etwa 1000 anderen in der Stadthalle und sah das erste Mal ein Programm von Bodo Wartke… genau, König Ödipus. Gestern saß ich im Deutschen Theater, diesmal mit etwa 100 anderen. Zum gleichen Stück. Vor so kleinem Publikum spielt Bodo Wartke wohl schon seit einigen Jahren eher selten. Ein Freund, dem ich vorher davon berichtete, weißt du noch, ich sehe morgen das gleiche Stück wie damals, antwortete: Macht der immer noch das gleiche Programm? Hat der nix Neues?

Doch, hat er! Seitdem hat er sein Repertoire erweitert und erweitert und im Rahmen des Kabarettistischen eine ungeheure Bandbreite gezeigt – alles wohl unter dem Credo: man kann selbst den tiefsten Abgründen noch ein Augenzwinkern abringen und sollte das vielleicht auch tun, denn mit Humor lebt es sich ja bekanntlich gesünder. Aber erfreulicherweise ist der König Ödipus seit 11 Jahren im Programm und wird es hoffentlich auch noch lange bleiben. Solange Herr Wartke es nicht leid wird, immer wieder die gleichen 1050 Verse vorzutragen… ach was, vortragen! Da denkt man ja an mehr oder weniger gut präparierte Schüler im Deutschunterricht oder an ernste Menschen hinterm Rednerpult. Und das auch noch bei dem jahrtausendealten Stoff!

Aber wer Bodo Wartke kennt, wird ahnen, dass er damit nichts gemein hat, und wer ihn nicht kennt, sollte das schleunigst ändern.

Angst vor dem anspruchsvollen Stück? Keine Sorge, erklärende Erläuterungen für den modernen, unwissenden Zuhörer sind vorausschauenderweise eingebaut.

Angst vor zu viel Klamauk? Nein, das ist eine andere Sparte; die Tragödie, die als Vorlage dient, wird zwar bekömmlicher und abgewandelt dargestellt, aber es bleibt eine Tragödie. Vor allem in der zweiten Hälfte des Abends wird es ernster und gipfelt wohl am dramatischsten im Selbstmord Iokastes – der Mutter und Ehefrau von Ödipus. Hier lacht keiner mehr im Publikum, höchstens aus Nervosität, denn so etwas ist man von Bodo Wartke nicht gewöhnt. Was man aber gewöhnt ist: dass es bei ihm immer wieder weitergeht.

Angst vor Seichtigkeit und vertaner Zeit? Nein, selbst nach dem zweiten Besuch ging ich (hoffentlich) gebildeter aus der Vorstellung als ich es vorher war.

Und auch beim zweiten Mal saß ich staunend, nicht nur ob der anscheinend grenzenlosen Merkfähigkeit dieses Entertainers. Nein auch angesichts des unvergleichlichen, individuellen Sprachwitzes dieses Dichters, zum Beispiel als Ödipus den blinden Seher verspottet, der ihn mit der unschönen Wahrheit konfrontiert: „Die Wahrheit?! Ich find‘s ja wirklich sonderbar, dass so ein Stevie Wonder da sagt, dass die Wahrheit ihm erschien und das trotz hundert Dioptrien.“

Und auch vor der Originalität dieses Musikers, die in diesem Stück verglichen mit anderen Wartke-Programmen eher etwas zu kurz kommt. Trotzdem involviert Wartke 3 Instrumente, zitiert mehrere Musikstile und variiert sie individuell und füllt natürlich auch die Rolle des antiken, kommentierenden Chores.

Zu guter Letzt verblüffte mich ein Schauspieler, den man in den sonst von ihm bekannten klavierkabarettistischen Stücken weniger deutlich sieht. Vielleicht haben alle Schauspieler so eine leicht gespaltene Persönlichkeit, aber selten sieht man diese so deutlich wie bei diesem filigranen Wechsel zwischen 14 Figuren. Und am besten wird ein Ödipus dann auch gleich sein eigener Psychotherapeut, legt sich in Ermangelung eines Sofas aufs Klavier und behandelt seinen Komplex.  Wobei Freuds Ödipuskomplex sich in der Bedeutung sehr weit von der mythologischen Vorlage entfernt hat, um nicht zu sagen eine Verirrung in den Machtverhältnissen zwischen Eltern und Kind ist, aber das würde den hiesigen Rahmen sprengen.

Zu allerguter Letzt ein paar Worte zu den aktuellen Umständen eines Kultursommer-Besuches: nachdem wir alle ordentlich kulturgefastet sind, ist es erleichternd wieder eine Scheibe früherer Gewohnheit abzubekommen. Natürlich gibt es Einschränkungen, nicht zuletzt dadurch, dass die Veranstaltungen wahrscheinlich schneller ausverkauft sind, da einfach weniger Plätze zur Verfügung stehen. Man muss natürlich auch, wie inzwischen bei jedem Restaurantbesuch seinen Namen angeben.

Aber man hat kein langes Schlangengedrängel. Die Einlasser achten darauf, jeden in der gebuchten Reihenfolge zu ihren Plätzen zu lassen, sodass man sich nicht als spät Eintreffender an allen anderen vorbeischieben muss. Oder umgekehrt. Die Masken kann man während der Veranstaltung abnehmen. Es tritt einem niemand von hinten an die Stuhllehne. Es schnieft und hustet niemand in die spannenden Momente hinein. Und der Austausch im Foyer nach Ende der Veranstaltung wird kurzerhand auf den Theatervorplatz verlegt. Grüppchenweise fand das doch sowieso schon immer statt. Auch hier lohnt sich ein hoffnungsvoller Blick auf die ungewisse Lage. Die Veranstalter bemühen sich, Kulturveranstaltungen möglich zu machen, und wenn jeder sich um gegenseitige Rücksichtnahme bemüht, könnte das der Langfristigkeit des Konzeptes zuträglich sein.

Wer also Lust auf mehr hat, kann noch bis zum 23. August 2020 aus dem vielfältigen Programm des Göttinger Kultursommers wählen. Und wer Bodo Wartke möchte, der kann ja mal auf seiner Website vorbeischauen.

König Ödipus – Neudichtung von Bodo Wartke nach dem antiken Drama von Sophokles
Besuchte Aufführung am 19. Juli 2020 im Deutschen Theater Göttingen

Links:

Zur Rezension aus dem Jahr 2011

Zu den weiteren Terminen im Göttinger Kultursommer 2020

 

 

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