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GSO spielt 2. Konzert des Zyklus Kammerkonzerte im DT

Dr. Sheldon Cooper, der Nerd aus der weltweit beliebten TV-Serie „The Big Bang Theory“ und Wolfgang Amadeus Mozart, der Held aus der weltweit beliebten Reihe „Wiener Klassik“, hätten bestimmt jede Menge Spaß zusammen gehabt. Beide neigen zu komplexen, hochintelligenten Witzen – wobei Mozarts Scherze von den meisten seiner Zuhörer nicht erwartet, diejenigen von Dr. Cooper jedoch weder erwartet noch verstanden werden.

Ich hatte eigentlich in erster Linie „nichts Besonderes“ erwartet, als ich am Freitagabend die „Kleine Nachtmusik“ im DT hören ging. Mozarts „Kleine Nachtmusik“? Hat man schon hundertmal gehört. Hat man als Musiker schon hundertmal gespielt. Kennt man in- und auswendig!

Reingefallen.

Mozart zumindest, dieser einfallsreiche Mensch, hat natürlich auch diese „Unterhaltungsmusik“ nicht so komponiert, dass man sie blind mitsummen kann. Viele Überraschungen – plötzliche Harmoniewechsel, häufig verbunden mit abrupten Veränderungen in Lautstärke und Melodiecharakter – machen das Werk unter anderem so lebendig und beliebt. Sie führen aber auch dazu, dass man sich selbst als Berufsmusiker damit noch in die Nesseln setzen kann. Jedenfalls sorgt das immer wiederkehrende auftaktige Anfangsmotiv des vierten Satzes für puren Nervenkitzel im Ensemble des GSO – wenn es zum fünfzehnten Mal in wieder anderer Harmonie, in wieder anderer Lautstärke, mit wieder anders anschließender Melodiefolge zu spielen ist (natürlich alles, ohne im Tempo zu schleppen), kann einem als Streicher schon mal der Schweiß ausbrechen.

Ich habe vielleicht eine Neigung dazu mir Dinge schön zu reden, aber ich muss zugeben, dass mir dieser nicht aalglatt und perfekt gespielte vierte Satz als Zuhörer (und in diesem Fall auch als Zuschauer) besonders viel Spaß bereitet hat. Wenn Geigen und Bratschen sich angrinsen, weil irgendjemand schon wieder haarscharf daneben eingesetzt hat, darf man auch als Zuschauer mitfiebern – denn nicht nur die Akustik im Deutschen Theater ist unbarmherzig gegenüber kleinsten Fehlern, auch Mozarts Komposition ist gnadenlos: Hier hört wirklich jeder, wenn was falsch läuft. Wie wird es also enden? Wird das Ensemble die waghalsigen Tempi durchhalten? Werden die Generalpausen effektvoll im Raum stehen? Wird sich niemand von Mozarts Schalk in die Irre führen lassen?

Insgesamt war die kleine Nachtmusik natürlich kein ernstzunehmendes Problem für das virtuose Kammerorchester unter der Leitung von Christoph-Mathias Mueller, wovon nicht nur die vielfach eingesetzten mozartschen Triller zeugten, die wirklich richtig gut zusammen gespielt wurden (was auch für ein Profiorchester wirklich richtig schwer ist). Positiv hervorzuheben sind zudem die flotten Tempi – vor allem auch im zweiten Satz: Ein Dank an die Konzertmeisterin, die ihre Mitstreiter gleich im ersten Takt mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln nochmal daran erinnert, dass sie das „Andante“ nicht zu wörtlich nehmen mögen.

Das Trio im dritten Satz übernehmen die Stimmführer solistisch zu Fünft – eine hübsche Variante, die zudem daran erinnert, dass Mozart diese einfache Besetzung ursprünglich für das gesamte Stück vorgesehen hatte.

Stück Nummer zwei des Abends, eine Serenade für Flöte, Harfe und Streicher, schrieb Howard Hansons 1945 als Brautgeschenk für seine Verlobte, die er ein Jahr später heiratete. Falls ich jemals einen Film über einen japanischen Tempel an einem abgelegenen Waldsee bei Sonnenaufgang drehe, werde ich Hansons Stück als Hintergrundmusik benutzen. Die sphärischen Klänge, die wellenartigen Auf- und Abgänge der Flöte und Harfe, zeitweilig nur vom rhythmischen Pizzicato der Streicher untermalt, erinnern an Debussys „La Mer“ oder epische Filmmusik. Man wünscht dem Komponisten, der sich Zeit seines Lebens für die Gegenwartsmusik in seiner Heimat, den USA, einsetzte, dass seine Ehe nicht wie seine Serenade in ein dissonantes und überraschend plötzliches Ende sickerte.

Die letzte halbe Stunde gilt Antonín Dvoráks Serenade für Streichorchester op. 22 in E-Dur. Auch hier dürfen die Zuhörer im sehr gut besuchten Theater noch einmal Zeuge sein, wie ein einfallsreiches Werk, voll von berührenden und eingängigen Melodien, für Spielspaß unter den Musikern sorgt. Teamgeist ist dabei genauso gefragt wie die Ambitioniertheit der einzelnen Stimmgruppen: Alle Musiker geben sich hier die Klänge in die Hand, gleichzeitig bietet das Stück solistische Auftritte für alle (endlich dürfen die zweiten Geigen mal das Thema spielen, ohne von den ersten dabei gestört zu werden).

Die Bratschen werden für das Fehlen von allzu viel Melodie mit variantenreichen Begleitstimmen entschädigt, die sie nicht ohne Humor zum Besten geben. Den Kontrabässen muss es genug sein, dass sie im letzten Satz mit ihren Einwürfen als eigenständige Stimmgruppe auffallen. Für Kontrabassisten ist das schon ziemlich viel.

Alles in allem ein besonders unterhaltsames Konzert, welches den Zuhörern eine vielfältige musikalische Reise bot. Und mit einer Stunde Dauer nicht zu lang, um danach als Arbeitnehmer noch früh ins Bett zu kommen und als Student nach Hause zu fahren, um sich für die anstehenden Freitagabendpartys in Schale zu werfen.

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