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Konzert des Göttinger Symphonie Orchesters in der Stadthalle

Christoph Mathias Mueller hat für das Konzert des Philharmonischen Zyklus I in der Fastenzeit einen religiösen Titel gegeben: „Liturgisch“. Dazu passend hat er drei Stücke mit religiösem Hintergrund ausgewählt.

Die liturgische Farbe in der Fastenzeit der christlichen Kirchen ist Violett. Welche Farben der Synästhetiker Olivier Massiaen in seinen „Les Offrandes oubliées“ (Die Vergessenen Opfergaben“) gesehen hat, ist nicht bekannt. An diesem Abend in der Göttinger Stadthalle waren sie aber vielfältig. Die überaus komplizierten Rhythmen mit ungleichen Taktlängen waren nur zu erahnen, wenn man dem Dirigat zusah. Die Instrumentalisten waren perfekt vorbereitet und zauberten aus der komplexen Partitur einen schwebenden Klang und eine große atmosphärische Dichte hervor. Vor allem konnten hier die hohen Streicher faszinieren. Hier zeigte sich deutlich, welche Entwicklung vor allem die Violinen im Göttinger Symphonie Orchester unter der Leitung von Christoph Mathias Mueller genommen haben.

Dieses noch sehr frühe Werk des tief religiösen französischen Komponisten ist wie ein dreiflügliger Altar aufgebaut: zwei kleinere Außenflügel umrahmen einen dominanten Mittelteil: die Klage der Streicher im „Kreuz“ zu Beginn und die „Eucharistie“ am Ende rahmen die „Sünde“ im Mittelteil ein. Bereits in diesem Frühwerk Messiaens ist die spannende Orchestrierung zu erkennen, die auch später ein typisches Merkmal seines Stiles ist. Die Bläser und die tiefen Streicher des Göttinger Symphonie Orchesters nahmen die Herausforderungen geradezu dankbar an und glänzten gemeinsam mit dem umfangreichen Schlagwerk.

Es blieb religiös. Bei einer Vertonung der Texte aus dem Alten Testament vom Prediger Salomo erwartet man eigentlich Vokalmusik. Diesen Part übernimmt in der Partitur des Schweizer Komponisten Ernest Bloch das Cello. Der Cellist Gustav Rivinius ließ an diesem Abend sein Cello wunderbar singen, während das Orchester auch hier enormen Farbenreichtum bewies. Die „hebräische Rhapsodie“ für Violoncello und Orchester ist ein teilweise spätromantisches, teilweise impressionistisches Klangerlebnis, in dem Bloch sich auch von jüdischer liturgischer und Volksmusik inspirieren ließ. Auf diese Zusammenhänge konnte in der Einführungsveranstaltung François Lilienfeld (Schweiz) hinweisen. Musikbeispiele dazu hätte man gerne auch im Konzert gehört, wie es Mueller für das dritte Werk des Abends getan hat.

Mueller stellte die Symphonie Nr. 3 „Liturgique“ von Arthur Honnegger mit ihren Themen ausführlich vor. Entstanden direkt nach dem zweiten Weltkrieg verarbeitete der Schweizer Komponist seine Kriegseindrücke. Mueller wies auf die Aktualität des Stückes hin: „Die Symphonie endet mit einem versöhnlich klingenden Flötensolo. Wir hoffen, dass der Konflikt in der Ukraine ebenfalls versöhnlich enden wird“, sagte Mueller und verwies auf einige Mitglieder des Orchesters, die aus der Ukraine stammen und sich Sorgen um ihre Familien und Mitbürger machen müssen. Am Ende des Konzertes gaben sich diese Musiker zu erkennen: unter lautem Applaus des Publikums hielten sie die ukrainische Nationalflagge hoch.

Doch zurück zur Musik: Schon die Bezeichnung des ersten Satzes „Dies Irae“ lies erahnen, was dann auch eintrat: extreme Dissonanzen, gewaltiges Schlagwerk und markante Rhythmik gaben die Schrecken des Krieges wieder. „De profundis clamavi“ ist ein eher verhaltenes und düsteres, pessimistisches Gebet im zweiten Satz, der dritte „Dona nobis pacem“ schlug dann endlich die angekündigten hoffnungsvollen Töne an.

Mueller hielt in dieser ergreifenden Musik und den gesamten Abend über die Balance zwischen aufwühlenden Emotionen, starken Rhythmen und versöhnlichen Klängen. Diesem zwar sehr anspruchsvollen, aber tief geistlichem Abend und ungeheuer beeindruckendem Abend hätte man gerne ein paar Zuhörer mehr gewünscht. Die, die da waren, haben ihr Kommen nicht bereut und spendeten (nach einem Moment der Stille – wie nach einem Passionskonzert – lang anhaltenden Applaus.

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