Mark Zurmühle inszeniert Dea Lohers „Fremdes Haus“ am Deutsche Theater

Was genau in Mazedonien los ist, kann der ungebetene Gast gar nicht so genau beschreiben. Aber er hat Pläne, die sich vielleicht anderswo besser verwirklichen lassen. Vor ihm sind ja auch Freunde und Verwandte seiner Familie nach Deutschland geflüchtet, selbst wenn sich ihr Leben hier unter tristen ökonomischen Verhältnissen erschöpft. Schon deshalb wollen sie von den Zukunftsträumen des jungen Jane nichts wissen und nichts hören von den Geschichten von früher, mit denen Bardo Böhlefeld die gemeinsame Familienvergangenheit so enthusiastisch beschwört. Zu den Helden im Partisanenkampf gegen das Tito-Regime gehörten damals sein Onkel Goce und auch Risto Mihaijlov (Florian Eppinger), der inzwischen restlos heruntergekommene Patriarch in diesem „Fremden Haus“.
In Dea Lohers Szenenfolge, die der frühere Intendant Mark Zurmühle am Deutschen Theater inszenierte, sind es vor allem die Altlasten aus dieser Zeit, die Janes Erscheinen wieder aufrührt. Der Verrat und die Schuld, die ungesühnt blieben und sich nie wirklich verdrängen ließen. Als das Stück 1993 entstand, hatte Loher noch die traumatischen Zerrüttungen während des Jugoslawienkrieges im Blick. 20 Jahre danach liest sich ihr dramatischer Befund wie eine hochaktuelle Anamnese über die Folgeschäden, die an jedem Flüchtlingsschicksal haften bleiben. Niemand wird sein seelisches Fluchtgepäck für einen Neuanfang einfach so los. Auch die nächste Generation hat daran noch zu schleppen.
Die strahlende Unbefangenheit und Naivität wird dem ungebetenen Gast bald vergehen, wenn ihm die erbärmlich traurigen Verhältnisse mehr und mehr zusetzen. Ristos Schwarzhandel bringt nicht viel ein. Seine Frau Terese (Elisabeth Hoppe) prostituiert sich und Tochter Agnes (Rahel Weiss) hat sich nach einem Unfall mit dem Unfallfahrer Jörg (Benjamin Krüger) auf eine Zweckehe eingelassen.  Jane verzichtet darauf, in seiner Werkstatt Schrauben zu zählen und auf seine abgetragenen Anzüge. Er lässt sich auch nicht von Teresa verführen und wie sie ihm in ihrer traurigen Verlassenheit umarmt sondern doch lieber von Agnes, die so verletzlich stark durch den Alltag humpelt. Mit dem Putzjob in der Kneipe von Nelli (Melina Borcherding), dem Aufstieg zum Kellner und Liebhaber  scheint zumindest eine Rechnung aufzugehen. Der junge Träumer hat sich den Gesetzen des materiellen Überlebens angepasst und kalkuliert nun mit den Stärken und Schwächen anderer.
Die Bühnenschräge, auf der Lebenslügen und Träume zu Bruch gehen erinnert an rissiges Mauerwerk. Dieses Muster hat auch der quadratische Kasten, der sich im Bühnenhintergrund wie eine Gefängniszelle herabsenkt. Doch es gibt einen Traum von Freiheit, der mit dem Schattenflug eines Falken symbolisch eingeblendet wird, wenn sich das Schauspielteam in die verkrüppelten Seelenlandschaften der Figuren begibt.
Tief berühren diese Stimmen der Mutlosigkeit und der Verlorenheit auch gerade in den sparsamen Gesten und den Gesichtern, die immer wieder maskenhaft erstarren. Der Schmerz drängt sich einfach zwischen die vielen Bekundungen, dass dieses Leben nun mal keine Versprechungen mehr liefert, wenn es jetzt scheinbar gleichmütig und lakonisch gemustert wird. Es geht genau unerträglich weiter. Wenn die Wahrheiten dann endlich ausgesprochen werden, dass Risto seinen Freund Goce damals verraten hat und Terese die Last des Verrates tragen ließ, ist es längst zu spät, sich noch gemeinsam mit dem Leben und dem Scheitern zu versöhnen. Nur Agnes übt jetzt an ihrer Befreiung von einem Ehevertrag ohne auf Liebe und lässt auch den angepassten Träumer zurück.
Dea Lohers Stück lässt diesen Jane noch einmal träumen. Mit der Geschichte des Falken, dem ein alter Mann aus der Gefangenschaft hilft, so dass er endlich die Weite aufsuchen kann und die Freiheit. So ganz für sich lauscht Bardo Böhlefeld dem Wort Freiheit hinterher bis sich die Bühne verdunkelt; damit von diesem Theaterabend auch ein anderes Echo zurückbleibt. Und sei es nur als Vision. Vielleicht kann daraus ja sogar als Rettungsanker werden. Auch darin vertraut Mark Zurmühle der Bildkraft des Textes in der Geborgenheit eines Kammerspiels, das mit diesem wunderbar emphatischen Schauspielteam unter die Haut geht.

Interessiert Sie dieser Artikel und Sie möchten ihn weiterlesen?

Das ist natürlich problemlos möglich. Sie können einmalig einen Testzugang einrichten, einen Tageszugang bestellen oder ein Monats- bzw. Jahresabonnement abschließen.
Diese Seite verwendet Cookies, mit denen Informationen lokal auf Ihrem Rechner gespeichert werden. Mit der Benutzung der Seite stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu.
Ok