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Uraufführung „Die Nutznießer – »Arisierung« in Göttingen“ am Deutschen Theater

Die Lausprecherwand auf der Bühne rückt allmählich näher. Aber das so unauffällig langsam, dass die Schauspieler zunächst den Eindruck machen, als fühlen sie sich inzwischen bedrängt von all den Mappen und Ordnern und einem bürokratischen Labyrinth aus Vermerken, Anordnungen, Listen und Protokollen, wie sie in den Jahren 1933 bis 38 nicht nur in Göttingen alltäglich war. Aber genau hier hat Autorin Gesine Schmidt ihre dokumentarischen Recherchen über die Phase der Arisierung angesiedelt: Über die systematische Diskriminierung, Ausgrenzung und Enteignung der jüdischen Göttinger Bevölkerung und die allmähliche Vernichtung der Menschenwürde.

„Die Nutznießer“ in der Inszenierung von Marcus Lobbes ist kein Theaterabend, der sich an der dramatischen Zuschaustellung von historischem Alltag mit realistischem Personal und fiktiven Dialogen versucht. Er lässt, wie es Schmidts Text auch fordert, die Akten sprechen: Auch die Briefe und die Augenzeugenberichte, wie sie im Stadtarchiv lagern und im Hauptstaatsarchiv lagern und nun eine Stimme bekommen. Benedikt Kauff, Benjamin Kempf, Frederik Schmid, Moritz Schulte und Katharina Uhland bilden eine Gruppe von Archivaren, die betont sachlich auftreten, während sie sich in die protokollierten und bekundeten Vorgänge vertiefen, wenn sie jetzt aus den Erinnerungen der Familie Hahn lesen, über die Reichspogromnacht, den Briefwechsel mit der Glasversicherung und die nachfolgende Hausdurchsuchung.

Wenig später wird die Beschwerde vom Kaufmann Max Rotenberg abgelehnt, man möge das Schild „Juden unerwünscht“ vor seinem Grundstück Reinhäuser Landstraße 55 entfernen. Da planen Ludwig und Greta Löwenstein bereits ihre Emigration und müssen ihre Habe bis auf den letzten Silberlöffel peinlich genau auflisten, Noch sind die Gesetze nicht in Kraft, die ihnen bei der Ausreise eine Schändung des Volksvermögens vorwerfen. Göttingens damaliger Bürgermeister Albert Gnade positioniert sich selbstbewusst als fanatisch hassender Antisemit und SS Standartenführer - auch wenn die ein oder andere Hausfrau ja doch ganz gern in jüdischen Geschäften einkaufte. Es fehlt auch nicht an bekräftigenden Kommentaren, als die jüdischen Nachbarn mehr und mehr vom wirtschaftlichen und sozialen Leben ausgeschlossen und ihr Besitz enteignet wurde. Viel schriftlichen und presseöffentlichen Beifall gab es auch für die Arisierung von Häusern und Wohnungen, deren jüdische Mieter sich vergeblich mit Klageschriften zur Wehr setzten: Zum Nutzen derer, die mit jeder Reichsmark zu ihren Gunsten um jüdische Geschäfte und Besitztümer von Wert schacherten.

Es will einfach kein Ende nehmen mit den Zumutungen und den behördlichen Diktaten, die schließlich in die Deportationslisten münden. Manchmal peinigt der sachliche Tonfall, wenn die Schauspieler nach einem weiteren Ordner greifen und nach dem einzelnen Blatt. Etwa um nun zu Bekunden, dass das 2. Polizeirevier keine Verstöße gegen das Ausgehverbot zu vermerken hatte und dass gemäß der Aufstellung des Göttinger Finanzamtes 81 Juden aus Göttingen und vier aus Bovenden mit dem zweiten Transport „abzuwandern“ hätten. Aber diese peinigende Wirkung ist auch ein Element dieses Theaterabends, der den Zuschauern enorm viel Aufmerksamkeit für ein Horrorkabinett abverlangt, das immer noch aktenkundig ist. Dazu gehört auch das abschließende Dossier aus den Nachkriegsjahren, als das Thema Widergutmachung auch die Juristen beschäftigte.

Ebenso erschreckend wie peinigend mutet der juristische Jargon an, bereinigt von jedem Hinweis auf den politischen Kontext. Da wird beim Thema Wiedergutmachung mit dem Begriff freiwillige Zwangsenteignung argumentiert, als ob der menschenvernichtende NS Staat nicht verhandelbar sei. Von der Bühne poltern inzwischen mehr und mehr Lautsprecher, und die Wand, in der in sich jetzt unzählige Blätter und Mappen befinden, drängt auch die Schauspieler über die Kante. Jetzt verstummt das Stimmengewirr mit diesem monotonen Rauschen aus den Lautsprechern, für das aktuelle rassistische Kommentare collagiert wurden. Vermutlich klingen sie hörbar genauso wie die Stimmen derer, mit denen die Inszenierung dieser Chronologie über die Arisierung in Göttingen hellhörig macht und warnt.

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