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Das Passionskonzert des Göttinger Vokalensembles begann nicht gerade mit einem Paukenschlag. Auf dem Programm stand vielmehr ein nachdenkliches, eher kontemplatives Werk. Der französische Komponist Thierry Machuel (*1962) vertonte Das Gedicht „Über dem Dorn“ von Paul Celan (Text: siehe hier) und verband dieses mit dem Psalm 102 „Lobe den Herrn, meine Seele“ (Text: siehe hier)

Die Texte werden zum Teil gesprochen (Psalm), zum anderen gesungen (Celan). Machuel verwendet dabei Skalen (Tonleitern) und Kanontechniken. Entstanden ist dadurch ein hochkomplexes und sehr eindringliches Werk.

Für die überwiegend jungen Sängerinnen und Sänger war das eine große Herausforderung, der sie sich mit Hingabe gestellt haben. Hoch konzentriert und bestens vorbereitet von ihrem Dirigenten Andreas Jedamzik sprachen sie die zahlreichen Zuhörer in der Göttinger Marienkirche direkt an.

In seinem Dirigat zeigte Jedamzik schon bei diesem Einstieg, dass er ein Freund der kleinen Bewegungen ist. Damit fordert er vom Chor höchste Aufmerksamkeit, kann aber auch immer wieder mit kleinen Zeichen die notwendigen Impulse geben.

In den folgenden Motetten von Anton Bruckner waren Choristen wie Zuhörer eher im vertrauten tonalen Rahmen. Und doch stellen auch diese Motetten aus der Spätromantik höchste Ansprüche. Hier geht es vor allem um Intonation, die der Chor überwiegend gut gemeistert hat. Die ständigen Verrückungen der Tonarten sowie die Vorhalttöne erfordern hohe Musikalität. Eine besondere Schwierigkeit dieser Chormusik ist es, nicht nur die Akkorde in sich perfekt zu intonieren, sondern gleichzeitig den Gesangsfluss zu ermöglichen und damit große Bögen zu schlagen. Hier wäre vielleicht ein etwas dichterer Chorklang wünschenswert gewesen.

Der Chorklang ließ ansonsten nicht viel zu wünschen übrig. Die knapp 30 Sängerinnen und Sänger konnten die Marienkirche komplett zum Klingen bringen, zartes Pianissimo und starkes Forte beherrschten sie gleichermaßen – und waren bei den Motetten auch gefragt.
Ein besonderes Ereignis wurde das „Via Crucis“ von Franz Listz. Diese musikalische Kreuzwegdarstellung ist mit Solostimmen, Chor und Orgel besetzt. Leonie Breier, Sascha Herz und Laurenz Kötter gestalteten ihre Soloparts gefühlvoll und klangschön. Der Chor hat unterschiedliche Aufgaben: es gibt einen Eingangschor, einen Schlusschor, Choräle („O Haupt voll Blut und Wunden“), Rezitative und Volksszenen (besonders beeindruckend: „Crucifige“). Die Musik Listzts ist ungewohnt, kennt man den Komponisten eher als „Tastenlöwen“ für das Klavier. Hier wird seine Frömmigkeit geradezu asketisch ausgedrückt. Die Komposition ist zwar anspruchsvoll und wagt sich bisweilen an die Grenzen der Tonalität, ist aber im Charakter eher schlicht gehalten.

Und genau das hat der Organist Antonius Adamske an der Furtwängler-Orgel der Marienkirche aufgegriffen. Adamske wählte die Register dezent und dem Charakter der Musik entsprechend. Seine Registrierung sprach damit die Seele an!
So bewirkte diese Passionsmusik eine berührende Demut bei den Zuhörern, die sich erst nach einer längeren Pause in anhaltenden Applaus wandelte.

Andreas Jedamzik ist mit diesem Konzert noch ein Schritt weiter in der Entwicklung des Göttinger Vokalensembles gelungen. Man darf sich auf die nächsten Konzerte des Chores freuen. Als nächstes steht Chormusik von Johannes Brahms und Peter Cornelius auf dem Programm. Die Konzerte finden im Oktober 2017 statt.

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