GSO-Serenade mit Igor F. Strawinskys „Die Geschichte vom Soldaten“ -

Wer Stillleben mag, wird auch dieses Stück mögen.

Auf einfache Weise erzählt es, was alle Welt doch weiß: Begehre nicht mehr, als Du bereits hast. Jeder verändert sich im Laufe der Zeit. Man kann nicht alles haben. Was war, kehrt nicht zurück.

Die Lehre ist alt – beherzigen jedoch scheinen die Menschen sie wenig, sonst wäre es nicht immer wieder in allen Formen in Kunst oder Religion gegossen worden. Ein Vanitas-Bild in Tönen also ist Igor Strawinskys Musiktheaterwerk „Die Geschichte vom Soldaten“. Das 1917 nach einem Text von Charles-Ferdinand Ramuz (Übersetzung H. Reinhardt) in der Schweiz entstandene und uraufgeführte Stück hat mit dem damals noch tobenden Weltkriege nichts zu tun, sondern basiert auf zwei russischen Märchen aus der Sammlung A. Afanassjews. Gleichwohl hinterließ der Krieg seine Spuren: Beschränkungen für das Kulturleben sind verantwortlich für die Besetzung des Wanderbühnenstücks. Ein Vorleser, zwei Schauspieler, eine Tänzerin und sieben Instrumente.

Die Beschränkungen der heutigen Zeit sorgen an diesem Abend für weitere Reduktionen. Aus den drei Sprechrollen wird flugs eine (Peter Christoph Scholz (JT)), die Rolle der Prinzessin (Tänzerin) überlässt man „der Fantasie des Publikums“, wie der Programmzettel verkündet. Tempi passati. Klarinette, Fagott, Kornett, Posaune, Schlagwerk, Violine und Kontrabass werden Gott sei Dank nicht der Phantasie überlassen, sogar der Chef, Christoph-Mathias Mueller, selbst steht am Pult.

Ein Soldat auf dem Rückmarsch tauscht seine Geige mit Teufel gegen ein Buch, welches großen Reichtum verspricht. Wir ahnen, das wird etwas kosten und so ist es: Er verliert Zeit und Liebe; wird reich, aber unglücklich. Später, in fernem Lande, wünscht er die kranke Prinzessin durch sein Geigenspiel zu heilen. Er entwindet durch List dem Teufel das Instrument – heilt die Prinzessin, sie werden ein Paar, doch seine Heimat kann er dafür nicht mehr betreten. Am Ende wagt er es dennoch und wird vom Teufel bereits erwartet.

Eine Stunde dauert dieses Werk. Die gut einhundert Hörer/innen im Alten Rathaus sind sichtlich angetan, anders ließe sich der kräftige, langanhaltende Applaus nicht erklären. Uns ergeht es nicht anders – zu gut ist das Werk; zu gut wird es aufgeführt.
Peter Christoph Scholz trennt die Rollen Vorleser/Teufel/Soldat durch Stimmton deutlich, doch nicht übertrieben: Dem Wechsel zwischen den Rollen lässt sich somit gut folgen. Die Tänzerin vermissen wir natürlich, hier ist eben die Phantasie gefragt. Am musikalischen Teil gibt’s nix zu vermissen. Glasklar stehen Rhythmus, Artikulation bei den vielen Märschen im Raum. Da wackelt nichts, ist schneidend scharf wie ein frisch abgezogenes Messer. Die technischen Schwierigkeiten – sie mehren sich im letzten Drittel des Abends – werden souverän gemeistert. Bläser und Violine sind ein wenig mehr als Bass/Schlagwerk gefordert, doch sorgen letztere für die nötige Unerbittlichkeit im Bereich Rhythmus. Schön zu sehen, wenn am Ende – das Schlagwerk allein bleibt übrig – das Dirigat auf das Können des Musikers vertraut und gelassen aufs Taktdurchschlagen verzichten kann.

Die „Drei Tänze“ (Tango, Walzer, Ragtime) sind sicherlich der musikalische Höhepunkt, doch der innigste Teil bleibt der „Große Choral“: Über dem Klangflächengeschrummel der beiden Streicher - zwischen die Choralstrophen der Bläser geschoben - erklingt die Moral „Man soll zu dem, was man besitzt, begehren nicht, was früher war. Man kann zugleich nicht der sein, der man ist und der man war. Man kann nicht alles haben. Was war, kehrt nicht zurück.“
Amen.

Klarinette: Manfred Hadaschik
Fagott: Ömür Kazil
Kornett: Tobias Lehmann
Posaune: Roman Usenko
Schlagwerk: Johannes Karl
Violine: Natalia Scholz
Kontrabass: Holger Michalski
Sprecher: Peter Christoph Scholz
Leitung: Christoph-Mathias Mueller

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