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Premiere von Beyond Doubt: Lotario im Jungen Theater

Ohne Zweifel – der erste Höhepunkt der Internationalen Händel-Festspiele 2017 fand schon vor der offiziellen Eröffnung statt. Im Jungen Theater hatte das Jugendopernprojekt „Beyond Doubt: Lotario“ Premiere.

In der Oper „Lotario“ von Georg Friedrich Händel, die in diesem Jahr auf dem Festspielkalender steht, geht es um Liebe, Macht und Intrige. Das ist keine große Überraschung, so etwas kommt in der Oper häufiger vor. Nun haben sich aber Jugendliche vom Hainberg Gymnasium in Göttingen, von der IGS Bovenden sowie jugendliche Flüchtlinge aus verschiedenen Ländern zusammengetan, um sich genau mit diesen konfliktträchtigen Themen Liebe, Macht und Intrige zu beschäftigen. Außerdem bestand die Aufgabe darin, sich mit der Musik des Barockkomponisten auseinanderzusetzen. Und was bei all dem herausgekommen ist, ist durchaus eine große Überraschung.

Herausgekommen ist eine beachtliche Produktion, die als Stück, aus musikalischer Sicht und mit Blick auf jedes einzelne Ensemblemitglied überzeugt. Nicht zu vergessen das gesamte Team der Produktionsleitung. Herausgekommen ist ein Gesamtkunstwerk.

Der Erfolg hat viele Mütter und Väter. Das sind in erster Linie die jungen Darstellerinnen und Darsteller. Aber zu nennen sind in diesem Fall vor allem Nina de la Chevallerie (Künstlerische Gesamtleitung und Regie) und Hans Kaul (Musikalische Leitung). Mit ihrer täglichen Arbeit im boat people projekt haben sie umfangreiche Erfahrungen mit Konflikten jedweder Art. Und man kann wohl auch davon ausgehen, dass bei der Beteiligung von über 40 Jugendlichen aus allen möglichen Ländern, Kulturen und Schichten auch Konflikte während der Produktionsphase auf der Tagesordnung standen.

Die Jugendlichen haben diese Erfahrungen auf die Bühne übertragen. Gleichermaßen mit Ernsthaftigkeit und mit Spaß haben sie diese umgesetzt, während der Proben haben sie sich vielfältig mit ihren Ideen eingebracht. Und um die Konflikte besonders deutlich zu machen, wurden die Partien der Protagonisten Adelaide, Lotario, Matilde, Berengario, Idelberto, gleich mehrfach besetzt. So entstanden sehr vielschichte Charaktere, geradezu multiple Persönlichkeiten. Und um das noch zu unterstreichen, stattete Sonja Elena Schroeder Adelaide noch mit Gummiseilen aus, die das Verstricktsein in die Probleme besonders anschaulich machen.

Aus dem ganzen Ensemble seien vor allem zwei genannt: Jan-Erik Heilmann und Nick Loewen kommentierten als Clodo und Miro die Szenen, griffen gar bisweilen ein. Sie waren die heimlichen Helden des Abends. Aber auch Balen Abbas glänzte als Sänger ebenso wie zum Beispiel Abdullah Sabi.

Die Inszenierung war auch durch die Ausstattung überzeugend. Eine große Leinwand spielte kurze Filme ein, blendete aktuelle Twitter-Nachrichten ein oder zeigte den Livestream von der Bühne. Die Kostüme waren hinreißend – und besonders bemerkenswert waren die barock hochtoupierten Haare.

Und dann ist da natürlich noch die Musik: hier ist vor allem das Interkulturelle Orchester der Musa zu nennen, das unter der Leitung von Hans Kaul engagiert und begeisternd aufspielte. Der Chor wurde in klassischer Tradition vom Volk dargestellt. Das Volk war in weiße Kostüme gesteckt worden – und mischte sich schon vor Vorstellungsbeginn im Foyer unter das wartende Zuschauer-Volk. So gab es schon einen kleinen Vorgeschmack auf das Treiben auf der Bühne.

Gesungen wurde auch solistisch – und zwar sowohl Musik von Händel als auch Musik aus den Heimatländern der Darstellerinnen und Darsteller. Balen Abbas, Gülschän Abkulova, Carla Becker, Sam Borchers, Jan-Erik Heilmann, Nichola Mahaja, Abdullah Sabi, Yasmin Schröter, Arif Ullah und Lene Weiß machten ihre Sache so gut, dass es immer wieder Szenenapplaus gab.

Nach den letzten Akkorden wollte der Applaus gar nicht enden. Erst nach einer Zugabe und erst, als von der Bühne aus die Standing Ovations abgewunken wurden, ließ sich das begeisterte Publikum beruhigen.

Diese Version von „Lotario“ ist ganz und gar ohne Zweifel zu empfehlen. Sie sei zum tieferen Verständnis allen Besuchern der „Großen Oper“ ans Herz gelegt.

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